Höheres Risiko

04. August 2018 16:28; Akt: 04.08.2018 16:28 Print

Abstinenzler haben punkto Demenz das Nachsehen

Menschen, die keinen Alkohol anrühren, haben ein deutlich höheres Demenzrisiko als moderate Trinker. Das berichten französische Forscher.

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Für viele Menschen gehört zu einer richtigen Party auch Alkohol dazu. Bevor man allerdings kräftig zulangt, ... ... sollte man sich bewusst machen, dass Alkohol, genauer gesagt Ethanol, als Gift gilt: 2007 wurde der Stoff von der WHO als potenziell krebserregend eingestuft. Ausserdem soll er nach bisherigem Kenntnisstand für über 300 Krankheiten und Organschäden verantwortlich sein. Doch wie so oft gelten auch hier die viel zitierten Worte des Schweizer Mediziners Paracelsus (1493–1541), der frei übersetzt sagte: «Die Dosis macht das Gift.» Soll heissen: Gegen Alkohol spricht nichts, solange er massvoll getrunken wird. Doch bereits seine Zeitgenossen schlugen seine Ermahnungen oft in den Wind. Die Alkoholkrise war so gross, dass der deutsche Reformator vor dem «Saufteufel» warnte. Auch wenn die Gelage heute in der Regel moderater ausfallen: Ganz unberechtigt war Luthers Warnung nicht, denn Alkohol beeinflusst so gut wie jedes Organ, wie die nächsten Bilder zeigen. Sofort nach dem ersten Schluck beginnt die Aufnahme ins Blut: Ein kleiner Teil gelangt über die Mundschleimhaut und die Speiseröhre direkt dorthin. Bis zu einem Viertel wird über die Magenschleimhaut aufgenommen. Der Rest gelangt über den Darm ins Blut. Nach rund zwei Minuten kommt der Alkohol im Gehirn an. Dort dringt er in alle Hirnareale ein, auch in das sogenannte Belohnungszentrum, wo er verstärkt Botenstoffe wie Dopamin und Endorphine freisetzt. Ab einem Blutalkoholwert von 0,5 Promille wird man unternehmungslustig und gesellig, aber auch hemmungsloser. Die Risikobereitschaft steigt. Die Reaktionsfähigkeit dagegen sinkt. Bei einem Blutalkoholwert von 0,8 Promille ist sie gegenüber dem nüchternen Zustand um 30 bis 50 Prozent verlängert. Aber das merkt man nicht. Man fühlt sich entspannt. Zudem bekommt man Schwierigkeiten, wenn es darum geht, Entfernungen richtig einzuschätzen. Bei 1 bis 2 Promille ist das Gleichgewicht beeinträchtigt. Zudem verändern sich die Emotionen und das Verhalten. Auch Stimmungsschwankungen können die Folge sein, genauso wie eine plötzlich aufkommende Müdigkeit. Auch das Aggressionspotenzial steigt: So zeigte zuletzt eine Studie des Bundes, dass bei Gewalthandlungen im öffentlichen Raum zunehmend Alkohol im Spiel ist. Wer trotz ersten Ausfallerscheinungen weitertrinkt, riskiert, ganz die Kontrolle über sich und seinen Körper zu verlieren. Ab 3 Promille kann ein Erwachsener bewusstlos werden und gar ins Koma fallen. Grundsätzlich gilt: Frauen vertragen Alkohol weniger gut als Männer. Für sie ist dieselbe Menge Alkohol schädlicher als für einen Mann. Dies einerseits, weil Frauen im Verhältnis zu ihrem Gewicht mehr Körperfett und weniger Körperwasser haben. Da sich Alkohol in Wasser besser löst als in Fett, ist nach dem Konsum der gleichen Menge die Alkoholkonzentration im Blut bei Frauen in der Regel höher. Andererseits weil Frauen über geringere Mengen des Leber-Enzyms ADH (Alkoholdehydrogenase) verfügen, das den Alkohol in Azetaldehyd abbaut. Wer zu viel Alkohol getrunken hat, den erwartet am nächsten Tag ein ausgewachsener Kater. Der ist zwar unangenehm, aber bei weitem nicht so gefährlich wie eine akute Alkoholvergiftung, die aufgrund der gereizten Magenschleimhaut häufig mit Erbrechen einhergeht. Es besteht zudem die Möglichkeit, am Erbrochenen zu ersticken. Auch lebensbedrohliche Atemlähmungen können die Folge sein. Das erste bekannte Alkoholopfer der Geschichte war kein Geringerer als König Alexander der Grosse: Er war nicht nur ein genialer Feldherr, sondern auch für seinen reichlichen Alkoholkonsum bekannt. Letztendlich starb er daran. Bei einer Alkoholvergiftung besteht auch die Gefahr zu erfrieren: Weil das Blut durch den Alkohol in die äusseren Körperregionen gelenkt wird, entsteht ein trügerisches Gefühl der inneren Wärme. Das täuscht darüber hinweg, dass die Körpertemperatur eigentlich stark absinkt. Während es sich beim bisher Erwähnten um direkte Folgen von Alkoholkonsum handelt, gibt es auch Spätfolgen, die sich nach dem regelmässigen und übermässigen Trinken einstellen. Laut Medizinern wie dem Leberspezialisten Helmut Karl Seitz aus Heidelberg geht bereits von «moderatem Dauerkonsum» eine Gesundheitsgefahr aus, denn auch so kommen Alkoholmengen zustande, die der Körper auf Dauer nicht verkraftet – weil ihm die alkoholfreien Erholungsphasen fehlen. Durch regelmässigen Alkoholkonsum kann es zu schweren Organschäden kommen. Am stärksten davon betroffen ist die Leber (dunkelrot), denn in ihr wird der grösste Teil des Alkohols abgebaut. Das Problem: Beim Abbau von Alkohol werden die für diesen verantwortlichen Leberzellen geschädigt und es sammelt sich Fett an. Dies kann zu einer Fettleber, zu Gelbsucht sowie zu einer Leberzirrhose und -krebs führen. Zu einer Leberzirrhose, der wohl bekanntesten Folge von übermässigem Alkoholkonsum, kommt es, weil die Leberzellen wegen Überlastung nach und nach absterben und sich immer mehr knotiges Narbengewebe bildet. Die Leber schrumpft. Irgendwann bleiben zu wenig Leberzellen übrig und der Körper kann nicht mehr entgiftet werden. Man stirbt. Aber nicht nur die Leber wird angegriffen: Alkoholiker und regelmässig konsumierende Genusstrinker leiden häufig auch an entzündeten Bauchspeicheldrüsen (Pankreas). Wird das Problem chronisch, kommt es zu Kalkablagerungen, die schlussendlich zu einer Verstopfung des Organs führen. Alkoholkonsum kann Veränderungen am Herzen zur Folge haben. Der Blutdruck wird durch Alkoholkonsum erhöht. Dadurch steigt auch das Herzinfarktrisiko. Zu viel Alkohol schadet zudem Haut und Blutgefässen. So kann regelmässiges Trinken zu entzündlichen Hauterkrankungen wie Schuppenflechte (Psoriasis) führen. Mit schuld daran kann eine weitere Folge von chronischem Alkoholkonsum sein: ein geschwächtes Immunsystem. Auch Krebs, insbesondere Speiseröhrenkrebs, geht oft auf das Konto von Alkohol. Laut einer an der Tagung der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) vorgestellten Studie erkranken weltweit jährlich rund 700'000 Menschen aufgrund ihres Alkoholkonsums an Krebs. Jährlich stehen 365'000 Todesfälle von Patienten mit Leber-, Speiseröhren-, Darm-, Hals- oder Brustkrebs mit Alkohol in Verbindung, so das Fazit der Wissenschaftler. Wie gefährlich Alkohol sein kann, zeigen auch Zahlen aus der Schweiz. Laut dem Bundesamt für Gesundheit sterben hierzulande jährlich rund 1600 Menschen zwischen 15 und 74 Jahren an den Folgen von Alkohlkonsum. Allein die Leberzirrhose führt zu mehr als 430 Todesfällen pro Jahr. Etwa doppelt so häufig sind tödlich ausgehende alkoholbedingte Krebserkrankungen und Herz-Kreislauf-Störungen. Die Aufmerksamkeit und die Konzentrationsfähigkeit können ebenfalls dauerhaft beeinträchtigt werden. Der Grund: Regelmässiger Alkoholkonsum kann zu schweren hirnorganischen Schäden führen. Konkret sorgt er für ein Schrumpfen der Hirnsubstanz, über die Jahre sterben Nervenzellen, der Gang wird unsicher, die Hände zittern. Auch das Risiko für psychische Krankheiten wie Depressionen oder Psychosen steigt. Aber was heisst das? Laut «Sucht Schweiz» liegt gesundheitlich unbedenklicher Alkoholkonsum bei gesunden erwachsenen Frauen bei 12 Gramm reinem Alkohol. Das entspricht einem sogenannten Standardglas – 3 Dezi Bier, 1 Dezi Wein, 2 cl Spirituosen – pro Tag. Männer dürfen etwas mehr trinken: Für sie liegt die Grenze bei 24 Gramm Alkohol pro Tag, etwa zwei Standardgläsern. Doch wie immer gilt auch in Sachen Alkohol: Ausnahmen sind erlaubt. Wer mal über die Stränge schlägt, hat wenig zu befürchten. Schwangere sollten jedoch ganz darauf verzichten.

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Die Menge macht das Gift. Das gilt auch für den Konsum von Alkohol. Doch ganz darauf verzichten sollte man besser nicht. Das geht aus einer Studie von Frankreichs Nationalem Institut für Gesundheit und medizinische Forschung hervor.

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Demnach haben Menschen, die jahrzehntelang keinen Tropfen Alkohol anrühren, ein deutlich höheres Risiko, im Alter an Demenz zu erkranken, als moderate Trinker.

50 Prozent höheres Risiko

Die Wahrscheinlichkeit, dass langjährige Abstinenzler Alzheimer oder andere Formen der Demenz bekommen, sei rund 50 Prozent höher als bei Menschen mit einem mässigen Alkoholkonsum, schreiben die Forscher in ihrer im Fachjournal «BMJ» veröffentlichten Studie.

Die Untersuchung beruht auf der Auswertung medizinischer Daten von mehr als 9000 britischen Staatsbediensteten und ist weniger genau als medizinische Studien, wie sie für die Einführung neuer Medikamente erstellt werden. Ausserdem war die Zahl der ausgewerteten Fälle relativ gering.

Dennoch sei das Ergebnis der Studie belastbar, kommentierte Savil Yasar von der renommierten Johns Hopkins School of Medicine in der US-Metropole Baltimore, der nicht an der Studie beteiligt war. Die Medizin solle auf Grundlage dieser Erkenntnisse «die mögliche schützende Wirkung von leichtem bis moderatem Alkoholkonsum» hinsichtlich Demenz in Betracht ziehen, riet der Experte.

Moderate Weintrinker im Vorteil

Die Forscher unter der Leitung von Séverine Sabia von Frankreichs Nationalem Institut für Gesundheit und medizinische Forschung legen in der Studie überdies dar, dass unter den moderaten Trinkern Weintrinker das geringere Risiko für Demenz hätten als Konsumenten von Bier oder hochprozentigem Alkohol.

Als leichtes bis moderates Trinken gilt der Studie zufolge für Menschen mittleren Alters der Konsum von einer bis 14 Einheiten Alkohol pro Woche. 14 Einheiten entsprechen wiederum sechs mittelgrossen Gläsern Wein à 175 Milliliter mit einem Alkoholgehalt von 13 Prozent oder sechs Gläsern mit rund einem halben Liter Bier mit vier Prozent Alkoholgehalt oder 14 Gläsern Hochprozentiges à 25 Milliliter mit einem Alkoholgehalt von 40 Prozent.

Die Studie untersucht nicht die Gründe für die offenbar positive Wirkung moderaten Alkoholkonsums für das Gehirn, sie enthält aber Hinweise auf Erklärungsansätze. Abstinenzler hätten ein höheres Risiko für Herzerkrankungen und Diabetes, schrieben Sabia und ihr Team. Ausserdem hätten frühere Studien Hinweise auf eine schützende Wirkung von in Wein enthaltenen Polyphenolen auf Nervenstrukturen und Blutgefässe ergeben.

Studie lässt Fragen offen

Eine an der Studie beteiligte Wissenschaftlerin gab zu bedenken, dass lediglich Daten von Menschen ab einem mittleren Alter ausgewertet worden seien. Möglicherweise hätten die Abstinenzler aber Phasen starken Alkoholkonsums hinter sich, die Jahrzehnte später zur Demenz beigetragen hätten.

«Künftige Studien müssen die Trinkgewohnheiten während des ganzen Lebens untersuchen. Das wird dabei helfen, mehr Licht in das Verhältnis zwischen Alkohol und Demenz zu bringen», sagte die Leiterin des Alzheimer-Forschungszentrums von Grossbritannien, Sara Imarisio. Starkes Trinken lässt der Studie zufolge das Demenz-Risiko deutlich steigen – und zwar um 17 Prozent je sieben zusätzliche Alkoholeinheiten pro Woche.

Die Studienautoren warnten, ihre Ergebnisse sollten Abstinenzler nicht zum Alkoholtrinken verleiten – «angesichts der bekannten schädlichen Auswirkungen von Alkoholkonsum bei Sterblichkeit, neuropsychiatrischen Störungen, Leberzirrhose und Krebs» (siehe Bildstrecke). Auch Yasar kommentierte, nicht nur die Wirkung des Alkohols auf das Gehirn, sondern auch mögliche Risiken wie Leberschäden und Krebs müssten berücksichtigt werden.

(fee/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Sandro am 04.08.2018 16:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Meine Wissenschaft

    Ist ja logisch.Denn wir Säufer müssen uns nach dem Kater am Morgen danach immer sehr anstrengen um den Abend zu rekonstruiren.Das heisst wir trainieren unser Gehirn jedes Wochenende. Die Abstinenzler halt nicht.

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  • Simi am 04.08.2018 16:42 Report Diesen Beitrag melden

    Bestätigt

    Mein Grossvater hat jeden Mittag zum Essen 1-2 kleine Glässchen Rotwein getrunken. Er war geistig fit bis ins hohe Alter von 99 Jahren. Und ich meine fit. Er liebte es Sonntags am Tisch über alle möglichen politischen Ereignisse der letzten Woche zu diskutieren.

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  • pater007 am 04.08.2018 16:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Cheers

    Tolle Studie. Mein Risiko zu erkranken ist demnach sehr gering. Prost!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Heidi Heidnisch am 13.08.2018 19:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schon Vergessen?

    Ein Glas Wein ist gut für den Magen, soll der Apostel Paulus gesagt haben. Und umgehend hat das Christentum den Alkohol auf seine Fahnen geschrieben, und gleich noch den Andersgläubigen auf der Welt, alle anderen Genussmittel zu verbieten versucht. Aber da dies ja gerne vergessen wird, kann das mit der Demenz kaum stimmen.

  • Dr. Ted am 05.08.2018 20:37 Report Diesen Beitrag melden

    Ähäm...

    Na ja. Wer ist absoluter Abstinenzler über Jahrzehnte? Ausser einer Handvoll Hardcoreasketen gibt es da nur eine Gruppe: Ex-Alkoholiker. Und Alkoholismus bringt ein erhöhtes Demenzrisiko mit sich, auch wenn man danach abstinent lebt, dazu gibt es auch sehr schöne Studien. Aufgrund des speziellen Patientenkollektivs ist die Studie damit eines: wertlos.

  • Alkoholiker am 05.08.2018 20:08 Report Diesen Beitrag melden

    Ich glaub diesem Artikel ...

    Endlich mal jemand, der mich unterstützt. Ich wünsche Euch allen viel Gesundheit. Prosit!

  • Die Wahrheit am 05.08.2018 19:00 Report Diesen Beitrag melden

    Quatsch

    So ein Quatsch zu verbreiten ist traurig mein vater hat sein Leben lang abends ein Gläschen Wein getrunken und ist an Demenz erkrankt.

  • Connie am 05.08.2018 18:07 Report Diesen Beitrag melden

    Naja

    Naja, diese Studie kann man nicht ernstnehmen. Ist alles genetisch bedingt. Ich trinke nicht und im Vergleich zu Freunden die trinken habe ich das viel besser Gedächtnis.