Erstes Todesopfer

20. August 2010 09:11; Akt: 20.08.2010 09:41 Print

Warum das Super-Bakterium so gefährlich ist

H5N1, H1N1, SARS: Die Begriffe für Viren tauchten aus dem Nichts auf und beherrschten die Schlagzeilen wochenlang. Wird NDM-1 bald ebenso rasch bekannt werden?

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In einer Welt, die gelernt hat, vor H5N1 und H1N1, den Bezeichnungen für Vogel- und Schweinegrippe zu zittern, lässt ein Name wie NDM-1 Besorgnis aufsteigen. Er steht für ein relativ neu entdecktes, bei Bakterien vorkommendes Gen, das diese gegen bestimmte Antibiotika resistent macht und vor dem jüngst britische Wissenschaftler warnten. Auch hierzulande wird NDM-1 nicht ohne Bedenken gesehen, auch wenn es in Europa bisher extrem selten ist und Experten betonen, es gebe keinen Grund zur Sorge.

Nur für geschwächte Patienten tödlich

Was das Gen, das mit vollem Namen Neu-Delhi Metallo-Beta-Laktamase heisst, unangenehm macht, sind drei Dinge. So hat man es bereits in Bakterien gefunden, die gegen Antibiotika resistent sind. Solche multiresistenten Erreger - der bisher bekannteste ist MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) - können für Mediziner zum Alptraum werden, weil die Bekämpfung schwierig ist. Für geschwächte Patienten kann eine Infektion mit ihnen tödlich enden.

Zum anderen macht NDM-1 gerade gegen eine Carbapeneme genannte Sorte von Antibiotika resistent, die bei solchen multiresistenten Keimen bislang noch gut wirken. Und zum dritten liegt das Gen auf einem mobilen genetischen Element. Dadurch kann es - auch speziesübergreifend - von Bakterium zu Bakterium weitergegeben werden und sich so auch auf andere Erreger verbreiten.

Kein Grund zur Panik

«Es gibt keinen Grund zur Panik», betont jedoch der Mikrobiologe Martin Kaase von der Ruhr-Universität Bochum. Die breite Bevölkerung müsse sich keine Sorgen machen. Die Bakterien, in denen man bisher NDM-1 gefunden habe, machten normalerweise nicht krank. «Sie kommen typischerweise auch in der menschlichen Darmflora vor, ohne krank zu machen», sagt Kaase. Nur in Sondersituationen könnten sie Erkrankungen auslösen, beispielsweise bei Patienten, die auf der Intensivstation lägen und beatmet würden oder bei grossen Wunden.

«In Fachkreisen gibt es derzeit keine Befürchtungen, dass das NDM-1-Gen an gefährlichere Bakterien weitergegeben werden könnte», sagt Kaase. Dennoch sei die Entwicklung von Mehrfachresistenzen besorgniserregend. Bei den sogenannten gramnegativen Bakterien, einer grossen Gruppe, zu denen auch die Träger von NDM-1 gehören, gebe es dann nur noch zwei Antibiotika, die auch bei Multiresistenzen mit hoher Sicherheit wirkten. Diese hätten aber andere Nachteile. Und für die gramnegativen Bakterien sei für die kommenden zehn Jahre nicht mit der Entwicklung neuer Antibiotika zu rechnen.

Gegenmassnahme: Wasser und Seife

Dass das vermutlich vom indischen Subkontinent stammende NDM-1 nun zu grösserer Aufregung führte, kann Kaase allerdings nicht ganz nachvollziehen. Gene, die gegen Carbapeneme resistent machten, seien nicht neu, sagt er. So gebe es drei weitere, die teilweise schon seit 1999 bekannt seien, aber nie zu einem vergleichbaren Echo in den Medien geführt hätten. Im Nordosten der USA oder Griechenland hätten sie aber bereits zu Problemen in Intensivstationen geführt.

Ob und wie NDM-1 sich ausbreiten wird, lässt sich derzeit noch nicht sagen. Wie es sich dabei bremsen liesse allerdings schon: In den Griff bekommen könne man die NDM-1-tragenden Bakterien am besten durch konsequente Desinfektion, sagt Kaase. Vor allem auf die Handhygiene des Klinikpersonals komme es an.

(ap)