Falsche Scham

21. August 2019 11:21; Akt: 21.08.2019 11:21 Print

Was Menschen sogar ihrem Arzt verschweigen

Manche Dinge behält man lieber für sich. Bei einigen Geheimnissen täte man aber gut daran, sie auszusprechen. Dem Arzt gegenüber zum Beispiel.

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Intime Dinge gehören für viele Menschen nicht an die Öffentlichkeit. Doch es gibt auch Themen, die erzählen sie noch nicht einmal jenen, die ihnen am ehesten helfen könnten: ihren Ärzten.

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Welche Geheimnisse derart privat gehalten werden – und warum, haben US-Forscherinnen untersucht. Dafür wertete das Team um Angela Fagerlin von der Universität Utah zwei Onlinebefragungen aus, an denen rund 4510 Menschen zwischen 18 und 91 Jahren teilgenommen hatten.

Vor allem Frauen betroffen

Dabei kristallisierte sich heraus, dass es vor allem vier Punkte sind, über die Menschen selbst vor einem Mediziner Stillschweigen bewahren: häusliche oder sexuelle Gewalt, Depressionen und Suizidgedanken.

Wie die Forscherinnen auf dem Fachportal «Jama Network Open» berichten, waren es vor allem Frauen, die mindestens eine dieser Erfahrungen gemacht hatten und diese verschwiegen.

Bei beiden Geschlechtern am häufigsten wurde über häusliche Gewalt geschwiegen. 30 bis 40 Prozent erwähnten nicht, wenn sie sexuelle Gewalt erlitten oder Depressionen beziehungsweise Suizidgedanken gehabt hatten.

Angst vor Folgen

Die Gründe dafür sind vielfältig: Die Betroffenen schämten sich, wollten nicht verurteilt oder belehrt werden. Ausserdem, so Fagerlin und ihre Kolleginnen, fürchteten sie Folgen wie die Verschreibung von Antidepressiva, eine Psychotherapie oder einen entsprechenden Vermerk in ihrer Krankenakte und daraus resultierende Nachteile. Zudem wollten sie vor ihrem Gegenüber möglichst gut dastehen.

Das Schweigen sei nicht ganz unproblematisch. «Die Ärzte müssen wissen, womit ihre Patienten zu kämpfen haben, wenn sie ihnen zur bestmöglichen Gesundheit verhelfen wollen», so heisst es in einer Mitteilung.

Die Forscher regen an, dass Ärzte künftig noch mehr Wert darauf legen, dass sich Patienten in ihrer Praxis wohl fühlen. Wie das erreicht werden kann, soll nun untersucht werden.

Gibt es auch etwas, das Sie nicht einmal ihrem Arzt gegenüber erwähnen? Erzählen Sie uns in den Kommentaren davon – und auch, warum.

(fee)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Fritz Gerber am 21.08.2019 11:42 Report Diesen Beitrag melden

    Der gläserne Patient

    Die genannten Befürchtungen (Angst vor Verschreibung von Medikanenten, Eintrag im Dossier mit möglichen negativen Folgen etc.) sind absolut legitim, und das sage ich als 'Gesunder'. Irgendwann, ich garantiere es euch, werden sehr viele (Gesundheits-)Daten dazu benutzt, individuelle Risiken festzulegen. Du hast mal erwähnt, depressive Neigungen zu haben - ok, Risiko erfasst. Plus auch noch für deine Blutsverwandten. Sonst noch was? Ah, Suizidgefährdung? Notiert! Usw. und so fort. Da wird noch was auf uns zukommen, es dauert nicht mehr lange.

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  • Karl Friedrich am 21.08.2019 11:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Krankenkassen für Gewinne, nicht Menschen

    Naja, bei dem ausschliesslich gewinnorientierten System der amerikanischen Krankenkassen könnte einem schon hin und wieder der Gedanke einer unfairen Behandlung kommen, wenn z.B. kostenintensive Psychotherapie oder Psychopharmaka anstehen...

  • Mein Name ist X am 21.08.2019 13:26 Report Diesen Beitrag melden

    Verschwiegen

    Ich verschweige beim Hausarzt meine psychische Erkrankung, weil es sonst bei jeder körperlichen Krankheit zuerst heisst, es sei psychosomatisch. Leider selber erlebt, dass Ärzte einen sofort in die Schublade stecken und dem körperlichen Problem dann nicht richtig nachgehen. Ich will eine unvoreingenommene Behandlung, keine Schubladisierung. Um meine Depression, Angststörung und die Suizidgedanken kann sich mein Psychiater kümmern.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • raucher am 22.08.2019 12:33 Report Diesen Beitrag melden

    raucher

    Am schlimmsten ist es erwähnt zu haben, dass ich rauche. Bei jedem Termin meiner damals Anti-Raucherin-Ärztin habe ich eine Standpaucke bekommen. habe nun gewechselt..

  • Dj Redflame am 22.08.2019 08:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wer nicht

    Hab immer wieder mit Depressionen zu kämpfen, manchmal lauft es im leben leider nicht rund, konnte mich bis jetzt nach einigen Tagen oder Wochen wieder zusammenraffen, wie lange das noch gut geht, wer weiss das schon. Das leben kann manchmal ganz schön schwer sein und trotzdem sollte man das beste versuchen daraus zu mache. Sollte es garnicht mehr gehen holt euch Hilfe für das gibt es eine Ärztliche Schweigepflicht.

    • El perro am 22.08.2019 20:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Dj Redflame

      Ja, das Leben ist hart! Aber weshalb verheimlichst du deine Depressionen? Das ist eine Krankheit, für die sich niemand schämen muss! Je länger du wartest, desto schlimmer wird es und desto länger dauert die Heilung. Ich rede dabaus eigener Erfahrung. Ja, es kostet Überwindung! Aber du fühlst dich dann viel besser! Und sollte es einem denn nicht gut gehen?

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  • Dr. Krankenstein am 22.08.2019 08:41 Report Diesen Beitrag melden

    Angstfrei

    Wir Alten werden von Schulmedizin + Pharma ausgenommen wie Weihnachtsgänse. Es gibt nur einen einzigen Schutz davor: Für sich selber die volle Verantwortung zu übernehmen und: sich mit dem Tod anzufreunden.

  • Bruder Motzi am 22.08.2019 08:20 Report Diesen Beitrag melden

    Ich verbitte mir

    mich mit Amis zu vergleichen....

  • komA am 22.08.2019 07:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kernkompetenzen des Arztes

    Ich habe beruflich mit vielen Ärzten zu tun, und stelle dabei folgendes fest: Es gibt ihn schon noch, diesen Typ Arzt, dem man Vertrauen schenken kann, aber immer häufiger trifft man auf Ärzte vom Typ Gesundheitsmanager mit null Sozialkompetenz. Kein Wunder, wenn man sein Inneres bei einem solchen Arzt nicht nach aussen kehren will. Es gilt noch immer die Lehrmeinung, dass ein Arzt ein immenses Wissen anhäufen muss. Meines Erachtens ist es mindestens ebenso wichtig, dass ein Arzt In der Lage ist, Eine Vertrauensbasis zu schaffen.

    • Psychopathen werden immer befördert am 22.08.2019 10:03 Report Diesen Beitrag melden

      @komA

      Nein, gibt es nicht. Denn jeder Arzt muss tun..was das System befiehlt. Ansonsten verliert er seine Lizenz. Unterschiede gibt es allenfalls im Charakter , also lediglich wie ein Arzt mit dem Patient umgeht. Ob er ihm z.B. noch mehr Probleme macht , ihn demütigt und beleidigt oder ob er das Rückgrat hat..wenigstens im ganzen Lügenkonstrukt noch halbwegs ehrlich zu sein . Hatte auch beruflich mit Aerzten zu tun. Sehr direkt als MPA. Die Meisten behandeln auch ihre MPAs wie der letzte Dreck. Hab' ich mir nicht lange angetan.

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