Niesen

13. Januar 2011 21:39; Akt: 14.01.2011 16:39 Print

Wie weit reicht der Viren-Nebel?

von Runa Reinecke - Aus welcher Distanz können uns durchs Niesen verbreitete Grippe-Viren erreichen? Ein Forscherteam aus Singapur geht dieser Frage derzeit auf den Grund.

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Auf Reisen ist die Gefahr einer Ansteckung besonders gross. Droht etwa Gefahr durch Viren, die durch die Klimaanlage im Flugzeug durch die Luft geschleudert werden? Der Infektiologe Christian Ruef vom Unispital Zürich gibt Entwarnung: «Eher nicht: Die Luft wird gefiltert. Die Infektion kann nur direkt über Tröpfchen oder kontaminierte Oberflächen erfolgen.» Und wenn ein Träger des Virus' neben oder hinter mir niest, ist es vermutlich schon um mich geschehen? «Um in einem solchen Fall das Risiko einer Ansteckung zu reduzieren ist es sinnvoll, sich abzuwenden, gegebenenfalls die Atmung einen Moment lang anzuhalten, bis sich die in der Luft versprühten Tröpfchen gesenkt haben», erklärt Ruef. Angenommen, man kam mit einem mit Grippeviren kontaminierten Gebrauchsgegenstand in Berührung und isst direkt im Anschluss einen Apfel. Kann die so aufgenommene Virenkonzentration ausreichen, um einen Gesunden zu infizieren? Der Experte bejat diese Frage und führt aus: «Die so aufgenommene Erregermenge kann ausreichen. Natürlich hängt es auch ein bisschen davon ab, ob der Betreffende ein geschwächtes Immunsystem hat (zum Beispiel durch eine andere Krankheit oder Medikamente).» Im Anschluss an den WC-Besuch wäscht sich - zumindest die Mehrzahl - die Hände. Danach wird der zuvor mit schmutzigen Händen geöffnete Wasserhahn zugedreht und die vom Vorgänger kontaminierte Türklinke mit der frisch gewaschenen Hand geöffnet. Ist da die ganze Händewascherei nicht sinnlos? «Das ist tatsächlich ein Schwachpunkt im System», meint Ruef. Auch wenn es seltsam aussehen mag - bevor man Türklinken und und andere «öffentliche» Gegenstände anfasst, rät der Experte während einer Influenza-Pandemie zum Griff ins Taschentuch-Päckli: «Es ist durchaus nachvollziehbar und nicht übertrieben, Türfallen mit einem Wegwerf-Tüchlein anzufassen und nicht mit blossen Händen.» Wie lange kann ein Grippe-Erreger auf Gegenständen (zum Beispiel dem Pult oder der Tastatur) überleben? Der Mediziner rät zur Vorsicht: «Es gibt Influenza-Viren, die über Stunden oder sogar Tagen aktiv sind.» Ist es übertrieben, ein Desinfektions-Gel oder -Schaum in der Handtasche mit sich zu führen? Ruef findet: «Dies ist eine persönliche Entscheidung: Wenn man sich sicherer fühlt, kann man das machen. Doch bisher gibt es keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass diese Desinfektionsmassnahmen sinnvoller sind als häufiges Händewaschen.» Angenommen, jemand niest in die Hand, unmittelbar danach greift er nach einer Türklinke: Genügt die durch das Berühren dieses Gegenstands aufgenommene Virenkonzentration, um eine Person zu infizieren? Der Mediziner rät zur Achtsamkeit: «Ja, denn wenn eine Person niest, gelangen Millionen von Viren auf die Hand. Von hier aus werden die Erreger an Gegenstände oder durch das Händeschütteln direkt an andere Personen weitergegeben.» Der beste Schutz vor einer Grippe ist und bleibt die Impfung. Wer sich in diesem Jahr gegen die saisonale Influenza immunisieren lässt, wird automatisch gegen die Schweinegrippe mit geimpft. Aber Vorsicht: der Impfschutz ist erst rund zwei Wochen nach der Immunisierung aktiv.

Grippe - wo droht Ansteckungsgefahr?

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Es ist so wunderbar befreiend, das Niesen. Doch kaum hat sich unser Gegenüber ruckartig seines Kribbelns in der Nase entledigt, steigt in uns ein beklemmendes Gefühl auf. Unkontrollierbar wie das Niesen unseres Gesprächspartners selbst, prallt eine Abfolge von «Was wäre wenn?»-Überlegungen auf uns ein: War das nur eine harmlose, allergische Reaktion? Machte sich just der Vorbote einer lästigen Erkältung bemerkbar? Oder, ganz schlimm: Wurden wir gerade angesteckt und liegen in spätestens drei Tagen mit einer Grippe im Bett?

Niesalarm - aufha-ha-halten meist zwecklos

Ausgelöst wird der Niesreflex, der zu einem plötzlichen Ausstoss von Luft führt, durch einen Reiz in der Nasenschleimhaut. Wissenschaftler gehen davon aus, dass ein Nieszentrum an diesem Vorgang mitbeteiligt ist. Befinden soll sich dieses Schaltzentrum im Rückenmark. Dort werden die Informationen aus der Nasenschleimhaut und dem Grosshirn verarbeitet.
Auch das Schliessen der Augen, von dem jedes Niesen unweigerlich begleitet wird, liegt einem Reflex zugrunde. Vermutet wird dahinter ein Mechanismus, der die Augen vor dem im Inneren des Körpers erzeugten Luftdruck schützen soll.

Durch das Niesen werden bis zu 40 000 winzige Speicheltröpfchen mit einer Geschwindigkeit von 160 bis 300 Stundenkilometern in die Luft geschleudert. Wie schnell der feuchte Luftstrom tatsächlich aus unserem Mund gestossen wird, konnte bislang ebenso wenig geklärt werden wie die Entfernung, welche die in den Tröpfchen enthaltenen Grippeviren durch das Niesen zurücklegen können. Mediziner empfehlen einen Sicherheitsabstand von drei Metern zu niesenden Personen. Gewisse Quellen berichten sogar, dass Viren – abhängig von Luftfeuchtigkeit und Windverhältnissen - über eine Distanz von bis zu 40 Metern durch die Luft getragen werden können.

Nies(s)nutzer im Dienste der Forschung

Diesen noch wagen Vermutungen will man jetzt in Singapur mit empirischer Forschung auf den Grund gehen. Ausgerüstet mit modernster Technik analysiert der Virologe Julian Tang gemeinsam mit einem Team vom Singapore National University Hospital die Verbreitung von Tröpfchen und Viren durch das Niesen. Aber auch die Infektionsgefahren, die von Husten, Lachen, Sprechen oder Singen ausgehen können, sollen erforscht werden. «Wir wollen Fachleute zuverlässig über das Infektionsrisiko informieren. Noch bestehen zu wenig verlässliche Daten darüber, wie es sich mit der Übertragung von Viren über den Luftweg verhält», erklärte Tang in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters.

Um Reichweite und Geschwindigkeit der entwichenen Speicheltröpfchen seiner Testpersonen genau messen zu können, lässt er seine Probanden in unterschiedlichen Distanzen an einen Spiegel niesen, husten, lachen oder singen. «Wir können das hier in Echtzeit aufnehmen», sagt Tang. Das gelingt ihm mit Hilfe einer Hochgeschwindigkeitskamera, die bis zu 250 000 Aufnahmen pro Sekunde festhält.

Luft anhalten!

Bis uns die Resultate des Forscherteams erreichen, müssen wir uns durch achtsames Verhalten vor einer Ansteckung schützen. Um anderen eine Grippe oder Erkältung zu ersparen, hilft es, in ein Taschentuch oder in die Armbeuge zu niesen. Kündigt sich durch kräftiges Einatmen beim Gegenüber eine Niesattacke an, dann hilft dem Mediziner Christian Ruef, Leiter Spitalhygiene am Universitätsspital Zürich zufolge nur noch schnelles Handeln: «Um in einem solchen Fall das Risiko einer Ansteckung zu reduzieren ist es sinnvoll, sich abzuwenden, gegebenenfalls die Atmung einen Moment lang anzuhalten, bis sich die in der Luft versprühten Tröpfchen gesenkt haben».