Immunsystem

03. Februar 2011 11:23; Akt: 03.02.2011 12:02 Print

Zum Glück ist hier der Wurm drin

von Runa Reinecke - Eine Wurminfektion der Mutter kann das Ungeborene vor einer späteren Ekzem-Erkrankung schützen. Nicht das einzige Leiden, vor dem uns sogenannte Schmarotzer bewahren.

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Hier wurmt der Parasit (nicht jeder Wurm hilft heilen).

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Der Nachwuchs von Frauen mit Wurminfektionen erkrankt deutlich seltener an einem Ekzem. Das besagt eine Studie von Forschern aus Uganda und Grossbritannien, deren Resultate unlängst im Fachmagazin «Pediatric Allergy and Immunology» veröffentlicht wurden.

Die Forscher untersuchten mehr als 2500 Neugeborene, deren Mütter während der Schwangerschaft ein Anthelminthikum (Anti-Wurm-Medikament) eingenommen hatten. Dabei zeigte sich, dass diese Kinder (im Vergleich zu den Neugeborenen, deren Mütter während der Schwangerschaft kein Anthelminthikum einnahmen), ein 1,8-fach erhöhtes Ekzem-Risiko aufwiesen.

Die «zivilisierte Welt» im Wurmloch

Dass «Doktor Wurm» Allergien vorzubeugen oder gewisse (andere) Autoimmunerkrankungen zu lindern vermag, ist nicht neu: Während der Parasit aus unseren Därmen verschwunden ist, findet er im Verdauungstrakt der Bewohner weiter Teile Afrikas nach wie vor gute Lebensbedingungen. Den Menschen scheint das zu bekommen: Asthma und Allergien sind dort nahezu unbekannt.

Und genau hier ist sozusagen der Wurm drin, oder eben nicht, denn seit Jahrtausenden leben wir eine Art Symbiose mit Made, Peitschenwurm und Co. Die Parasiten haben unser Immunsystem so trainiert, dass wir gewisse Allergien gar nicht erst entwickeln. Unserem Ekelempfinden konnten die wenig possierlichen Tierchen allerdings nicht Stand halten - der Darmparasit gilt in unseren Breiten als so gut wie ausgerottet.

Ekel versus Heilkraft

Nicht nur bei Allergien ist die Immunabwehr gestört - ähnlich verhält es sich bei Autoimmunleiden, bei Krankheiten also, bei denen das fehlgeleitete Immunsystem das eigene Körpergewebe attackiert. Dazu gehören unter anderem Multiple Sklerose, bei der die Leitfähigkeit der Nervenbahnen geschädigt wird oder die entzündliche Darmerkrankung Morbus Crohn. Ähnlich wie bei Morbus Crohn, macht sich auch die Colitis ulcerosa mit Symptomen wie Unterbauch-Schmerzen oder blutigem Durchfall bemerkbar.

Dass sich die Beschwerden besserten, nachdem Betroffene Wurmeier zu sich genommen hatten, konnte bereits durch mehrere Studien belegt werden. Das Neuste, wenn auch nicht sonderlich repräsentative Zeugnis wurmender Heilkraft war am 1. Dezember des vergangenen Jahres im Fachmagazin Science Translation Medicine nachzulesen. Ein Mann, bei dem 2003 eine Colitis ulcerosa diganostiziert wurde, nahm 500 Peitschenwurm-Eier ein. Drei Monate schluckte er weitere 1000 Wurmeier.

Untersuchung zeigten wenig später, dass die Würmer die Schleimproduktion im Darm des Patienten ankurbelten und sich dadurch ein entzündungshemmender Effekt einstellte.
Bereits zuvor konnte im Versuch mit Mäusen nachgewiesen werden, das der Wurmbefall auf die T-Helferzellen einwirkt. Diese wiederum kurbeln die Produktion des entzündungshemmenden Proteins Interleukin-22 und somit die Entstehung von Darmschleim an.