Gefährlich und illegal

27. August 2016 21:21; Akt: 27.08.2016 21:21 Print

18 Draufgänger, die die Niagarafälle runtersausten

von Fee Riebeling - Sich die Niagarafälle hinuntertreiben zu lassen, ist gefährlich und illegal. Rafa Ortiz will es trotzdem tun – so wie zahlreiche Wagemutige vor ihm.

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Sich im Kajak die Niagara-Fälle runterzustürzen ist lebensgefährlich, illegal - und das grosse Ziel von Profi-Kajaker Rafa Ortiz. Er ist damit nicht allein, wie der Blick zurück zeigt. Den Anfang machte eine Frau: Als erster Mensch stürzte sich am 24. Oktober 1901 die amerikanische Tanzlehrerin in einem Holzfass die 57 Meter hohen Horseshoe Falls hinunter - und das mit 63 Jahren. Ihr Plan: dem Armenhaus zu entkommen. Sie überlebte leicht verletzt und mit einem schweren Schock. Ihr Rat an all jene, die sie in Empfang nahmen: «Das darf niemand jemals wieder tun.» Den erhofften Geldsegen bescherte ihr das Abenteuer dennoch nicht: Ihr Manager betrog sie, fürs Kuriositätenkabinett war sie sich zu schade, und ein Filmangebot lehnte sie aus nicht überlieferten Gründen ab. Und so starb die Pionierin 1921 - im Armenhaus. Zehn Jahre später bestieg eine 2,40 Meter lange Stahltrommel, um sich mit den Wassermassen der Niagarafälle in die Tiefe zu stürzen. Obwohl er als Zirkusartist schon andere Stunts gemeistert hatte, trug er dieses Mal schwere Verletzungen davon: Er hatte sich die Kniescheiben zertrümmert und den Kiefer gebrochen. 1920 wagte auch den Stunt, überlebte ihn aber nicht. Als Gewicht hatte er einen Amboss dabei, der beim Aufprall aufs Wasser Stephens Arm abtrennte und das Eichenfass spaltete. Der Abenteurer wurde unter Wasser gezogen. Einzig sein Arm wurde geborgen. Nicht in einem Fass, sondern in einem mit Stahl verstärkten Gummiball sauste 1928 die Horseshoe Falls hinunter. Er überlebte und versuchte fortan, mit dem Stunt Geld zu verdienen: Er verkaufte sein Gefährt Stück für Stück. Aus seinen Plänen, das Ganze zu wiederholen, wurde jedoch nichts. stürzte sich 1930 gemeinsam mit seiner Schildkröte die Wasserfälle hinunter - damit sie Zeugnis ablegen könne, falls er sterben sollte. Tatsächlich überlebte er den Stunt nicht. Er erstickte, weil die Luft im Fass nur für acht Stunden reichte. Er steckte aber satte 22 Stunden darin fest. Anders als ihm machte das seiner Begleiterin nichts aus. war zeitlebens eng mit den Niagarafällen verbunden: Er wuchs in ihrer Nähe auf und stand mehreren Wagemutigen, darunter Bobby Leach, bei ihren Niagara-Stunts zur Seite. Andere zog er immerhin aus den Fluten. 1930 wollte er es dann selber wissen. Sein Mut und sein über die Jahre angesammeltes Wissen zahlten sich aus: Nach gut fünf Stunden war er zurück an Land. Dank seinem Stahlfass blieb er unverletzt. Anders erging es seinem Sohn, , der 1951 endlich aus dem Schatten seines Vaters heraustreten wollte. Um sich selber einen Namen zu machen, machte er sich am 5. August auf, die Niagarafälle hinunterzustürzen. Das Problem: Weil es um seine Finanzen schlecht bestellt war, konnte er sich kein gut gepolstertes Gefährt leisten. Stattdessen schnürte er 13 grosse Schläuche zusammen ... ... und sicherte sie mit einem Fischernetz. Das unförmige Etwas taufte er auf den Namen «The Thing». Es kam, wie es kommen musste: Unter dem Druck der herabstürzenden Wassermassen gab die Konstruktion nach. Hill, jr. hatte keine Chance: Sein lebloser Körper tauchte erst am nächsten Tag auf. Sein Tod führte dazu, dass es für illegal erklärt wurde, sich die Niagarafälle hinabzustürzen. Wie Jean Lussier 1928 nutzte auch , der eigentlich William Fitzgerald hiess, 1961 eine gepanzerte Gummikugel für sein Abenteuer. Der auf den Namen «Plunge-O-Sphere» getaufte Ball schützte ihn gut: Der erste dunkelhäutige «Daredevil» kletterte anschliessend völlig unverletzt ans Ufer. Wie viele seiner Vorgänger stürzte sich 1984 auch aus Ontario in einem Fass die Fälle hinunter. Obwohl er mit rund 121 km/h den Fällen folgte, tauchte er mit nur leichten Verletzungen an Gesicht und Arm wieder auf. Diese waren durch einen Zusammenstoss mit seiner Armbanduhr passiert. Als bis dahin jüngster Mensch stürzte sich Barkeeper aus Florida 1985 in die Fluten. Einmal hatte ihn die Polizei da schon von seinem Vorhaben abgehalten, doch beim zweiten Anlauf klappte es dann. Sein Fazit: «Der Stunt war wie die beste Achterbahnfahrt, die man als 10-Jähriger hatte.» Deswegen wagte er es 1995 erneut, diesmal in Begleitung seiner Freundin , die nach ihrem ersten Mal deutlich weniger begeistert war als Trotter. Gefragt, ob sie den Stunt wiederholen wolle, antwortete sie: «Nein, niemals. Einmal ist mehr als genug.» Gleich viermal fasste der kanadische Automechaniker den Plan, sich die Fälle hinunterzustürzen: Beim ersten Mal im Jahr 1985 machte ihm die Niagara Parks Police einen Strich durch die Rechnung, doch das zweite Mal klappte es, allerdings musste er 500 Dollar Strafe zahlen. Zwar wurde die Strafgebühr kurz darauf auf 10'000 Dollar angehoben, doch Munday liess sich auch davon nicht abhalten. 1990 wagte er den nächsten Versuch, doch die Polizei entdeckte ihn, liess das Wasserniveau drosseln - und verhinderte den Stunt. 1993 klappte es dann erneut. Aufsehen erregen und damit Gutes tun: Das war das Anliegen von im Jahr 1989. Sie stürzten sich in einer gelben Tonne die Horseshoe Falls hinab, auf der in grossen Lettern «Don't put yourself on the edge. Drugs kill» (Gehe nicht bis zum Äussersten. Drogen töten) stand. Sie überlebten. Weniger Glück hatte , der 1990 sein Glück in den Wasserfällen versuchte - im Kajak und ohne Schwimmweste, weil er Angst hatte, sich in den Felsen zu verfangen. Dass er nicht wieder auftauchen würde, hat er wohl nicht gedacht: Schliesslich hatte er für den Abend einen Tisch reserviert. Auch überlebte seinen Stunt nicht. Der Kalifornier wollte sich 1995 mit dem Jet-Ski hinunterstürzen. Allerdings öffnete sich sein Fallschirm aufgrund von unberechenbaren Luftverwirbelungen nicht rechtzeitig und er prallte aufs Wasser. Mehr Glück hatte da der Amerikaner : 2003 stürzte er - alkoholisiert, dafür ohne Hilfsmittel - die Kante hinab. Er überlebte weitestgehend unverletzt, dafür wurde er wegen «unerlaubter Ausführung einer Sensationsschaustellung» zu einer Geldstrafe von 2300 US-Dollar verdonnert. Ausserdem darf er Kanada nie wieder betreten. Dass man die Niagarafälle auch anders herum bezwingen kann, stellte 2015 der Extremsportler unter Beweis. Er kletterte kurzerhand die gefrorenen Niagarafälle hoch - als erster Mensch. Dafür wurde er zum «National Geographic Adventurer» gekürt, auch weil er eine Route wählte, bei der die Umwelt keinen Schaden nahm.

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Die Niagarafälle sind die berühmtesten Wasserfälle Nordamerikas. Jährlich werden sie von Tausenden Touristen besucht. Aber die sind nicht die einzigen, die sich der Faszination der herabstürzenden Wassermassen nicht entziehen können: Auch Extremsportler werden von ihnen magisch angezogen – allerdings aus anderen Gründen.

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Rafa Ortiz, Profi-Kajakfahrer aus Mexiko, träumt schon lange davon, einmal in seinem Leben die Niagarafälle hinunterzurauschen – in seinem Lieblingsgefährt, dem Kajak. Er belässt es nicht beim Wunsch, sondern beginnt vor drei Jahren, sein Vorhaben anzugehen.

Bei seiner mehrjährigen Vorbereitung kommt er mehrmals an seine Grenzen und liefert sich ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei. Denn: Sich mit den Wasserfällen in die Tiefe zu stürzen ist nicht nur lebensgefährlich, sondern auch illegal. Immer an seiner Seite: Rush Sturges, ebenfalls Kajaker, und zahlreiche Kameras. Die dabei entstandenen Bilder sind im Film «Chasing Niagara» zu sehen (siehe Video unten).

Viele Vorbilder

Genau wie Ortiz liessen sich auch früher schon Menschen nicht von dem irrsinnigen Vorhaben abbringen: Bereits 1901 liess sich erstmals ein Mensch von den Wassermassen der Niagarafälle treiben. Als wäre das für die damalige Zeit nicht schon Aufsehen erregend genug gewesen, handelte es sich dabei auch noch um eine Frau (siehe Bildstrecke).

Nachdem ihr Mann David früh verstorben war, war es um die Finanzen von Annie Edson Taylor schlecht bestellt. Um nicht im Armenhaus zu enden, beschloss sie, sich die Horseshoe Falls auf der kanadischen Seite der Niagarafälle hinunterzustürzen – in einem mit Eisen verstärkten Eichenfass, dass sie auf den Namen «Königin des Nebels» taufte und im Innern mit einer Matratze auskleidete.

Am 24. Oktober, ihrem 63. Geburtstag, machte sie schliesslich Ernst und überlebte den Stunt leicht verletzt. Das erhoffte Geld bescherte ihr das Abenteuer dennoch nicht: Ihr Manager betrog sie, fürs Kuriositätenkabinett war sie sich zu schade, und ein Filmangebot lehnte sie aus nicht überlieferten Gründen ab. Und so starb die Pionierin 1921 im Armenhaus.


Der Wahnsinn kommt ins Kino: «Chasing Niagara» heisst der Film. (Video: Youtube/Red Bull)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Christian am 27.08.2016 21:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geschrumpft?

    Boahh, die Fälle sind ja krass geschrumpft. 1901 waren sie noch 670 m hoch (gem. Bildstrecke) und heute nur noch etwas über 60 m. Ja, ja... Der Zahn der Zeit - oder der übermüdete, unterbezahlte Student?

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  • Scrat am 27.08.2016 21:46 Report Diesen Beitrag melden

    Legende Bild 2

    Wie um Himmels Willen kommt ihr darauf, dass die Horseshoe-Falls 670 Meter hoch sein sollen? Wieder mal so eine unredigierte Agenturmeldung?

  • Leon am 27.08.2016 22:15 Report Diesen Beitrag melden

    Feigling

    Der Mann braucht Jahre lang um mit top moderner Ausrüstung zu machen was eine FRAU vor über 100 Jahren getan hat und das, als noch das ganze Wasser herunter donnerte und nicht 70-80% für die Stromproduktion unterirdisch umgeleitet wurde? Na wenn das keine News ist.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • DerMensch am 28.08.2016 12:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zu riskant

    Ich denke, dass es eine sportliche Herausforderung ist, aber es ist viel zu riskant und wird sehr wahrscheinlich schwere Verletzungen bringen oder noch viel schlimmeres

  • Der Anwalt am 28.08.2016 11:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Menschenrechtsverletzung an den Niagarafällen

    Hier steht: "Sich die Niagarafälle hinuntertreiben zu lassen sei illegal! " Kann mir einer erklären, warum das illegal sein soll? Warum nimmt man hier Menschen ihre Rechte?

    • Thomas am 28.08.2016 15:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Der Anwalt

      Weil andere Menschen sich dann in Gefahr geben müssen um sie zu retten.

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  • m.h am 28.08.2016 07:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sichere Tod

    Die wenigsten Menschen haben die Niagarafälle überlebt. So gibt es glaube ich ein Kind, dass ohne Hilfsmittel den Fall überlebt hat(ungewollt natürlich) und mit Hilfsmittel wie einem Fass auch nur wenige

  • ruedi h meier am 28.08.2016 06:50 Report Diesen Beitrag melden

    Warum so lange?

    Wieso bleibt man da 22 Stunden (Bild 8), oder 5 Stunden (Bild 10) in diesem Fass stecken? Gefangen in der Wasserwalze? Dann war das also Zufall, dass rechtzeitig (oder eben nicht) irgendein Wirbel an der richten Stelle in die richtige Richtung drückte, dass das Fass rauskam?

  • DonnerWasser am 28.08.2016 00:45 Report Diesen Beitrag melden

    Maiden Queen

    Königin des Nebels, Queen of the mist, wobei mit Nebel die Gischt gemeint ist. Heute fàhrt unter den Fällen noch ein Boot namens Maid of the mist herum. In Anlehnung? Diese Leute erscheinen lebensmüde, dabei versuchen sie nur dem Leben etwas mehr abzutrotzen, das Leben etwas intensiver wahrzunemen.