Fast vergessene Pioniertat

03. August 2011 12:12; Akt: 03.08.2011 13:16 Print

1811 verlor die Jungfrau ihre Unschuld

von Therese Hänni, sda - Vor 200 Jahren bezwangen die Brüder Meyer aus Aarau zum ersten Mal die Jungfrau. Die Erstbesteigung wurde aber noch lange danach angezweifelt.

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1811 erstmals bezwungene Schöne: Der Gipfel der Jungfrau (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

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Kaum ein Berg hat die Phantasie beflügelt wie die ausladende, vergletscherte Jungfrau im Berner Oberland. Vor 200 Jahren verlor die Schöne ihre Unschuld. Zwei Aargauer Industriellensöhne bestiegen zusammen mit zwei Walliser Gemsjägern vom Lötschental her erstmals den Gipfel und damit den ersten Viertausender der Schweizer Alpen.

Stolz wird die vier wohl erfüllt haben, als sie am 3. August 1811 nach 14 Uhr auf dem 4158 Meter hohen Jungfraugipfel eine improvisierte Fahne aus schwarzem Tuch hissten, damit man im Tal von ihrer Heldentat erfahre.

Zweifel an der Besteigung

Doch dort war die Fahne nicht zu sehen, und so kamen alsbald Zweifel auf, ob Johann-Rudolf und Hieronymus Meyer mit ihren Walliser Führern Joseph Bortis und Alois Volken wirklich oben gewesen waren.

Um die ehrenrührigen Zweifel auszuräumen, wiederholten die Meyers die Besteigung im Jahr darauf. Diesmal war die «rothe Wachstuchfahne, vier Schuh ins Gevierte gross» nicht zu übersehen, wie der Berner Bergsteiger und Autor Daniel Anker in seinem Buch «Jungfrau - Zauberberg der Männer» aus alten Schriften zitiert.

In der Versenkung gelandet

Während 1786 die Erstbesteigung des Mont Blanc – ausgerechnet der höchste Gipfel der Alpen wurde als erster bezwungen – 25 Jahre zuvor noch ein riesiges Echo ausgelöst hatte, geriet die Erstbegehung der Jungfrau rasch in Vergessenheit. Dabei trug die Expedition der Gebrüder Meyer «unzweifelhaft moderne Züge», wie Autor und Bergsteiger Marco Volken in der Juli-Ausgabe der SAC-Zeitschrift «Die Alpen» schreibt.

Da die Gebrüder Meyer kein naturwissenschaftliches Interesse mit der Besteigung der Jungfrau verbanden, ist diese laut Volken «möglicherweise die Geburtsstunde des Bergsteigens als eigenständige Tätigkeit, die keine weiteren Rechtfertigungen braucht als die Suche nach Abenteuer und Naturerlebnis».

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts rückte die Technik dem Berg zu Leibe. Adolf Guyer-Zeller baute eine Bahn auf das Jungfraujoch und erschloss damit einem Massenpublikum die hochalpine Welt. Die Jungfrau gilt heute denn auch als einer der am leichtesten zu erreichenden Viertausender der Alpen. Dennoch darf der Berg nicht unterschätzt werden; er kann durchaus gefährlich werden. So kamen am 12. Juli 2007 sechs Rekruten ums Leben, die vom Rottalsattel in den Tod stürzten, nachdem sie eine Lawine ausgelöst hatten (siehe Infografik).

«Madame Meyer»

Die Jungfrau erhielt ihren Namen nicht, wie oft erzählt wird, aufgrund ihrer sanften, schneebedeckten Formen, die die Mönche der Propstei Interlaken an die Chorjungfrauen in ihren weissen Gewändern erinnerten. Tatsächlich aber dürfte die Namensgebung in Zusammenhang mit dem Nonnenkloster stehen, das damals im Berner Oberland ausgedehnte Ländereien besass. Auch der so genannte Jungfrauenberg, der heute unter dem Namen Wengernalp bekannt ist, gehörte dem Kloster. Der Name der Alp ging dann vermutlich auf den Berg selber über.

Nach der Erstbesteigung durch die Brüder Meyer taufte der Volksmund übrigens die bis dahin unberührte Jungfrau auf den etwas prosaisch anmutenden Namen «Madame Meyer».

Traumfrau

Schon lange bevor Alpinisten, Bahnbauer und Touristen die Jungfrau stürmten, befeuerte der wohlproportionierte, weiss vergletscherte und von weither sichtbare Berg die Phantasie der Menschen.

«Aber mehr als alle erhaben, einzig und schön ist die Jungfrau», schrieb etwa Karl Spazier um 1790 in seinen «Wanderungen durch die Schweiz». Der Berner Pfarrer Samuel Wyttenbach sah 1777 vom Pfarrhaus in Lauterbrunnen aus «die erhabenen Gipfel des Jungfrauhorns, die sich gleich zwo schneeweissen Brüsten erheben».

Volks(aber)glaube

Da erstaunt es nicht, dass sich um die Jungfrau zahlreiche mystische Geschichten ranken. Etwa jene des Kriegslochs, einem üblicherweise schwarzen Flecken im Eis des Giessengletschers. Friert er zu, soll es irgendwo auf der Welt einen grossen Krieg geben.

An einer der Jungfrau-Flanken ergeben Muster in Fels und Eis eine Formation, die der Zahl 121 ähnelt. In früherer Zeit wurde sie als Hinweis auf den biblischen Psalm 121 gesehen, in dem es heisst: «Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt».

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