Jagd anno dazumal

08. Mai 2012 11:15; Akt: 08.05.2012 16:12 Print

Als Richi Müller den letzten Panther schoss

Ein Panther soll derzeit durch den Oberaargau streifen. Nicht zum ersten Mal: In den Dreissigerjahren sorgte schon einmal eine entflohene Raubkatze für Schlagzeilen.

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Schwarzer Panther: Zehn Wochen unterwegs im Grenzgebiet von Zürcher Oberland und Kanton St. Gallen (Symbolbild / PD)

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Eine Fahndung der ungewöhnlichen Art beschäftigt derzeit die Kantonspolizei Solothurn: Ein mutmasslicher Panther irrt durch die Wälder rund um Kestenholz. Die Suche nach der mysteriösen Raubkatze weckt Erinnerungen an einen Fall in den Dreissigerjahren des 20. Jahrhunderts: Damals war ein Panther aus dem Zürcher Zoo entwichen.

Es war Werbung der unfreiwilligen Art für den jungen Zürcher Zoo: 1933 riss ein Panther aus seinem Käfig aus und hielt das Land zehn Wochen lang in Atem. Der Ausbrecher hatte sich durch ein 45 bis 50 cm grosses Loch im Deckengitter gezwängt und war durch eine Ventilationsöffnung verschwunden. Darauf verbreitete er Angst und Schrecken in der gesamten Nordostschweiz.

Die Panik, so stellte sich danach heraus, war zu grossen Teilen unbegründet. Wie so oft verlief die Begegnung der wilden Kreatur mit der zivilisierten Menschheit unheilvoll für erstere: Der schwarze Panther, ein Weibchen namens «Suma», überlebte sie nicht.

Männer auf Pantherjagd

Der erst zwei Wochen zuvor eröffnete Zürcher Zoo hatte das Weibchen am 22. September 1929 aus dem Tierpark Hannover importiert. «Suma» stammte aus Südostasien und war in Freiheit geboren worden. In Zürich fühlte sich das Pantherweibchen nicht sehr wohl; es vertrug sich schlecht mit seinem Männchen, frass wenig und blieb scheu. Im Oktober 1933 brach es aus seinem Käfig aus und verschwand.

Der in die Freiheit gelangte Panther sorgte für ein enormes Rauschen im Blätterwald: Über 800 Artikel berichteten in der Schweizer Presse über die Flucht des Raubtiers, und auch die ausländische Presse, selbst in China, fand den Vorfall erwähnenswert. Überall wurde nach dem entflohenen Tier gesucht; es kam zu zahlreichen Sichtungen, von denen die meisten wohl falsch waren. In Zürich wurden vorübergehend die Schulen geschlossen. Mutige Männer gingen in den Wald auf Pantherjagd, denn auf das lebende Tier war ein Kopfgeld von 2000 Franken ausgesetzt.

Fatale Begegnung in Walde

«Suma» blieb indes verschwunden. Erst nach rund zehn Wochen traf das scheue Tier auf einen Menschen — ein gutes Stück weit von Zürich entfernt, im St. Galler Dörfchen Walde. Der Panther war vermutlich über das Zürcher Oberland in dieses dünn besiedelte Gebiet am Ricken ausgewichen. Dort stiess der Taglöhner und Knecht Richard «Richi» Müller auf das mittlerweile wohl stark geschwächte oder gar kranke Tier, als er Werkzeug aus einem Schuppen oberhalb des Dorfes holen wollte.

Richi verschloss das Loch unter dem Schuppen, aus dem ihm ein bedrohliches Knurren entgegendrang, mit einem Brett und holte sein Gewehr. Der Schuss traf «Suma» in den Bauch und verletzte das Kreuz, so dass die gelähmte Grosskatze sich nur noch mühsam mit den Vorderbeinen aus ihrem Versteck schleppen konnte. Richi erschlug den Panther mit einer Hacke und trug dann den Kadaver zu einem Bekannten in Walde, da er nicht wusste, was für ein seltsames Tier er da erlegt hatte.

Pantherfleisch in der Pfanne

Da er fürchtete, als Wilderer angeklagt zu werden, wartete er damit bis zum Einbruch der Dunkelheit. Mit dem Bekannten im Dorf kam Richi nun überein, die unverhoffte Jagdbeute zu schlachten. Der Panther wurde ausgenommen und das Fleisch gebraten — es sei rötlich und zäh gewesen, erinnerte sich später ein Dorfbewohner, der als Kind davon kosten durfte. Gerade noch bevor aus dem Fell Einlagesohlen hergestellt wurden, bekamen die Behörden Wind von der Sache. Richi erhielt eine Belohnung von 200 Franken für das tote Tier — und musste eine Busse zahlen wegen Wilderei. Am 17. Januar 1934 berichtete die NZZ ausführlich über den Vorfall. 1983 und 2008 feierte die Gemeinde Walde jeweils ein «Pantherfest» zur Erinnerung an die Pantherjagd.

Vom Panther im Oberaargau hingegen fehlt derzeit noch jede Spur.

(dhr)