Die Tragödie im Heysel-Stadion

29. Mai 2010 09:38; Akt: 01.06.2010 16:05 Print

Als der Fussball seine Unschuld verlor

Am 29. Mai 1985 besiegte Juventus Turin den FC Liverpool im Brüsseler Heysel-Stadion mit 1:0. Doch das wahre Resultat waren 39 Tote und über 450 Verletzte.

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Das hässliche Gesicht des Fussballs: Helfer decken im Heysel-Stadion Leichen zu. Die Katastrophe bahnte sich schon lange vor dem Anpfiff des Meistercup-Finals an. Die Stimmung in dem vollbesetzten Stadion war äusserst geladen. Etwa um 19:45 Uhr eskalierte die Situation. Betrunkene Hooligans stürmten aus dem Liverpooler Block den benachbarten Block mit Juventus-Anhängern. Panik brach aus, die Fans flohen. Es gab keinen Ausweg; die Juve-Fans flohen in Panik auf die andere Seite ihres Blocks, wo sie versuchten, über die Abgrenzungsmauer zu klettern. Als die Mauer eintürzte, wurden viele erdrückt oder zu Tode getrampelt. Fans versuchen sich in Sicherheit zu bringen. Entsetzen: 39 Menschen starben, 454 wurden verletzt. 32 der Toten waren Italiener, ferner kamen vier Belgier, zwei Franzosen und ein Nordire ums Leben. Verletzte werden behelfsmässig vesorgt. Teile der Absperrungen wurden für den Transport der Verletzten verwendet. Die Juventus-Fans auf der anderen Seite des Spielfelds versuchten einzugreifen, wurden aber von der Polizei daran gehindert. Die Auseinandersetzungen auf dieser Seite gingen nach dem Anpfiff weiter. Juventus-Spieler Zbigniew Boniek tröstet eine weinende Frau. Die Polizei war schlecht organisiert, das Stadion für ein Spiel dieser Kategorie nicht geeignet. Chaos und Verwüstung nach dem tragischen Geschehnis. Särge werden für den Transport nach Italien vorbereitet. Das Heysel-Stadion wurde abgerissen und unter einem neuen Namen wieder aufgebaut. Sämtliche englischen Fussballklubs wurden für fünf Jahre von allen internationalen Wettkämpfen ausgeschlossen; der FC Liverpool für sieben Jahre. Auch Juventus Turin und der belgische Fussballverband wurden mit Strafen der UEFA belegt.

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Die «schreckliche Nacht von Brüssel», wie der ehemalige Stürmer des FC Liverpool Ian Rush die Tragödie nannte, machte endgültig klar, dass dieser Ballsport ein Gewalt- und ein Sicherheitsproblem hatte. Im baufälligen Heysel-Stadion verlor der Fussball seine Unschuld.

Die Tragödie hatte viele Ursachen. Da war zum einen das Heysel-Stadion, das trotz seines Status als belgisches Nationalstadion für das Endspiel des Meistercups ungeeignet war. Das 55 Jahre alte Stadion war so baufällig, dass an einigen Stellen Teile abbröckelten. Tatsächlich hatte ein Funktionär des FC Liverpool vor dem Spiel auf den skandalösen Zustand des Heysel-Stadions hingewiesen. Sein Rat, die Begegnung an einem anderen Ort auszutragen blieb ohne Erfolg.

Der fatale Block Z

Ungünstig wirkte sich ferner die Organisation der Sicherheitskräfte aus: Die Brüsseler Polizei war für die eine Hälfte des Stadions verantwortlich, die Rijkswacht (Gendarmerie) für die andere Hälfte. Die Funkgeräte der beiden Einheiten waren nicht kompatibel.

Hinzu kam die Art und Weise, wie die Karten verkauft wurden. Die Fans der beiden Klubs sollten das Spiel eigentlich weit voneinander getrennt in den beiden Kurven verfolgen. Der an den Liverpooler Block angrenzende Block Z sollte «neutrale» belgische Zuschauer aufnehmen. Tatsächlich gelangten aber zahlreiche Juventus-Fans in diesen Bereich, da viele in Belgien niedergelassene Italiener Karten für diesen Block kauften und belgische Fussballfans ihre Tickets auf dem Schwarzen Markt verkauften. Zudem verkauften Reisebüros ihre Kontingente für Block Z vor allem an Juventus-Fans. Beide Klubs hatten im Vorfeld vergeblich von der Einrichtung dieses neutralen Blocks abgeraten.

Erdrückt, erschlagen, zertrampelt

Die Stimmung in dem mit 58 000 bis 60 000 Menschen vollbesetzten Stadion war schon lange vor dem Anpfiff äusserst geladen. Viele — vor allem englische — Fans hatten in Brüssel schon seit Mittag getrunken und sich mit gegnerischen Fans geprügelt. Als italienische Fans sturzbetrunkene Anhänger von Liverpool im benachbarten Block provozierten, konnte die Polizei die beiden Lager nur mit grosser Mühe auseinander halten. Schon um 19 Uhr, eine Stunde vor Anpfiff, begannen Juventus-Fans, mit Steinen und Leuchtraketen zu werfen. Die Engländer antworteten mit Schmähgesängen und bengalischen Feuern.

Etwa um 19:45 Uhr eskalierte die Situation. Mehrere hundert Hooligans aus dem Liverpooler Block X durchbrachen die provisorische Absperrung, überwanden das von nur wenigen Polizisten gesicherte Niemandsland und versuchten Block Z zu stürmen. Die vielen Juventus-Fans in diesem Block hatten keinen Ausweg; sie flohen in Panik auf die andere Seite ihres Blocks, wo sie versuchten, über die Abgrenzungsmauer zu klettern.

Einigen gelang dies, die meisten wurden jedoch durch die Masse der nachfolgenden Menschen gegen die Mauer gedrückt, die schliesslich dem Druck nachgab und einstürzte. Die meisten der Todesopfer wurden unter der Mauer begraben, andere wurden erdrückt oder zu Tode getrampelt. 32 der 39 Toten waren Italiener, ferner kamen vier Belgier, zwei Franzosen und ein Nordire ums Leben. 454 Personen wurden verletzt.

Das Spiel findet statt

Die Juventus-Fans auf der anderen Seite des Spielfelds versuchten einzugreifen, wurden aber von der Polizei daran gehindert. Die Auseinandersetzungen auf dieser Seite gingen nach dem Anpfiff weiter. Dass das Spiel überhaupt stattfand, wurde nachher heftig kritisiert. Die Verantwortlichen befürchteten offenbar, dass die Lage sonst noch weiter eskalieren könnte. Immerhin brachen viele Fernsehsender ihre Direktübertragung ab.

Juventus Turin gewann die von dem Schweizer Schiedsrichter André Daina geleitete Begegnung 1:0.


Video: Tragödie im Heysel-Stadion, Teil 1
Reportage von «Welt der Wunder» auf N-TV über die Tragödie im Brüsseler Heysel Stadion 1985.

Teil 2

Teil 3

(dhr)