Zweiter Weltkrieg

23. Dezember 2010 18:55; Akt: 28.11.2013 02:30 Print

Als die Alliierten Zürich bombardierten

von Daniel Huber - Vor 70 Jahren bombardierte ein britischer Flieger Zürich. Es war der erste irrtümliche Luftangriff auf eine Schweizer Stadt; bis Kriegsende folgten weitere, mit zum Teil verheerenden Folgen.

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Bombenschäden im Zürcher Industriequartier: Zürich statt Mannheim bombardiert (Bild: Stadtarchiv Zürich)

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In der Nacht auf den 23. Dezember 1940 kam der Krieg nach Zürich: Zum ersten Mal fielen Bomben auf eine Schweizer Stadt. Eine Person kam ums Leben, mehrere wurden verletzt.

Verantwortlich für den Luftangriff war ein britischer Wellington-Bomber, der mit seinem Geschwader eigentlich die Mannheimer Motorenwerke hätte bombardieren sollen. Wegen des schlechten Wetters hatte ein Teil der Bomber Ausweichziele gesucht; dabei war eines der Flugzeuge südlich vom Kurs abgekommen und irrtümlich in den Schweizer Luftraum eingedrungen.

Perfides Kalkül

Der verirrte Bomber warf über Höngg eine erste Sprengbombe ab; ein Wohnhaus an der Limmattalstrasse wurde zerstört. Danach schlug eine weitere Bombe im Industriequartier ein und beschädigte mehrere Häuser an der Josefstrasse, gleich neben dem Eisenbahnviadukt. Wie der Schriftsteller Stefan Ineichen in seinem Buch «Zürich 1933–1945» (siehe Infobox) beschreibt, wurde auch die Fahrleitung auf dem Viadukt durch den Bombentreffer beschädigt und musste von Bahnarbeitern repariert werden. Zudem fielen über 50 kleinere Brandbomben auf die Zahnradfabrik Maag im Industriequartier; die entstehenden Brände konnten jedoch schnell gelöscht werden.

Drei Stunden nach dem ersten Treffer detonierte indes eine zweite Bombe, die mit einem Zeitzünder versehen war. Die Explosion traf die mit Reparaturen beschäftigten Arbeiter und verletzte sie schwer. Der Einsatz der Zeitzünderbombe entsprach einem perfiden Kalkül: Die Sprengbomben sollten die Dächer von den Häusern abdecken, die Brandbomben sie darauf entzünden. Die Bomben mit Zeitzündern schliesslich sollten dann die Hilfskräfte treffen.

Gerüchte

Schnell machten nach dem Luftangriff Gerüchte die Runde, die Bomben hätten der Maag-Fabrik gegolten, die den Achsenmächten Rüstungsgüter lieferte. Andere meinten, Ziel des Angriffs sei die Eisenbahnlinie gewesen, über die Kohlentransporte von Deutschland nach Italien liefen.

Diese heute klar widerlegten Thesen schienen freilich während des Krieges durchaus plausibel, zumal es zu weiteren Bombardierungen kam. Am 17. Mai 1943 fand ein weiterer Nachtangriff von britischen Bombern statt, wobei die Bomben in der Nähe der Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon und entlang der Bahnlinie Seebach-Affoltern-Wettingen einschlugen. Doch auch hier hatten die Flieger ein ganz anderes Ziel, wie der Historiker Thomas Bachmann nachwies: Sie hätten München oder als Ausweichziel Strassburg treffen sollen.

Verheerende Angriffe der US-Air Force

Viel schlimmer fielen die Angriffe der US-Luftwaffe aus: Am 1. April bombardierten 50 Bomber vom Typ B-24 Liberator irrtümlich Schaffhausen statt Ludwigshafen. Dieser schlimmste Luftangriff auf eine Schweizer Stadt kostete 49 Menschen das Leben; ungefähr 271 wurden zum Teil schwer verletzt und 300 obdachlos. Auch hier gab es Vermutungen, dass die Attacke kein Irrtum gewesen sei und die Bomben eigentlich der Waffenfabrik SIG Neuhausen gegolten hätten.

Weitere Luftangriffe der US-Air Force trafen am 22. Februar 1945 Tägerwilen, Rafz und vornehmlich Stein am Rhein, wobei insgesamt 21 Todesopfer zu beklagen waren. Und am 4. März 1945 schlugen sechs US-Bomber in Zürich zu, wo sie im Gebiet Strickhof-Frohburgstrasse 12,5 Tonnen Sprengbomben und 12 Tonnen Brandbomben abwarfen. Fünf Menschen starben bei diesem schlimmsten Angriff auf Zürich, der eigentlich Pforzheim gegolten hatte. Gleichentags wurde auch Basel getroffen.

Diese letzte irrtümliche Bombardierung von Zürich hatte ein militärgerichtliches Nachspiel: Am 1. Juni 1945 wurden ein US-Pilot und ein Navigator in England vor Kriegsgericht gestellt. Die beiden wurden jedoch freigesprochen, da Wetterverhältnisse und technische Defekte zu dem fatalen Irrtum geführt hätten. Der Vorsitzende des Kriegsgerichts war übrigens der berühmte amerikanische Schauspieler James Stewart, der im Krieg als Operationsoffizier in der Bomberflotte diente.