Sternstunde des Puritanismus

15. März 2010 10:39; Akt: 15.03.2010 10:39 Print

Als die USA trocken wurden

von Daniel Huber - Am 16. Januar 1920, vor genau 90 Jahren, trat der 18. Zusatzartikel zur Verfassung der USA in Kraft. Damit wurde Herstellung, Transport und Verkauf von Alkohol in den Vereinigten Staaten illegal. Die Prohibition dauerte bis Ende 1933; knapp vierzehn Jahre, in denen die Zahl der Leberzirrhosen sank und die Mafia mächtig wurde.

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Die Polizei von Detroit bei einer Razzia in einer Untergrund-Brauerei

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Erste Gesetze zur Eindämmung des Alkoholkonsums gab es in Amerika noch vor der Unabhängigkeit; 1735 erliess Georgia ein kurzlebiges Alkoholverbot. Maine führte dann die Prohibition als erster Bundesstaat 1851 ein. 1869 wurde die Prohibitionspartei gegründet; 1874 der Christliche Frauenbund für Abstinenz (Woman’s Christian Temperance Union, WCTU), der bald zur grössten amerikanischen Frauenorganisation anwuchs. 1893 formierte sich die so genannte Anti-Saloon-League. Bis 1916 war die Bewegung gegen den Alkohol mächtig angeschwollen und die Prohibition hatte bereits in 23 Bundesstaaten Gesetzeskraft erlangt.

Puritanisches Projekt

Die verstärkte Bekämpfung des Alkohols war zu nicht geringen Teilen eine Reaktion auf die zunehmende Kneipendichte und den wachsenden Absatz von Bier, das — von deutschen Einwanderern in den Staaten populär gemacht — ab 1890 zum beliebtesten alkoholischen Getränk geworden war. Die konkurrierenden Brauereien finanzierten die Saloons und statteten sie mit Kühlgeräten aus; zeitweise gab es in gewissen Gegenden einen Saloon auf 200 Einwohner. Glücksspiel und Prostitution folgten auf dem Fuss. Die meisten Brauereien (z.B. Anheuser-Busch) wurden von deutsch- oder österreichischstämmigen Einwanderern betrieben, während der Weinanbau eher von Italienischstämmigen beherrscht wurde. Sie waren wie die polnisch- und irischstämmigen Arbeiter, die in den Saloons dem Whisky zusprachen, in ihrer Mehrheit katholisch.

Die meisten Befürworter der Prohibition entstammten dagegen der angelsächsisch-protestantischen Mehrheitsgesellschaft; im Kampf gegen «König Alkohol» trat ein fundamentalistischer Reflex zutage, dessen Wurzeln im Puritanismus und letztlich in der calvinistischen Lustfeindlichkeit lagen. Alkohol galt den Puritanern als Instrument des Teufels («Lucifer Liquids»), ihm wurden nahezu alle sozialen Missstände angelastet. Obwohl die Prohibition ein überwiegend puritanisches Projekt war, schlossen sich ihm so unterschiedliche Gruppierungen wie Sozialisten, Guttempler und andere Abstinentenorganisationen, Ku-Klux-Klan-Mitglieder und Frauenrechtlerinnen an. Mit dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg 1917 und der damit verbundenen Aufwallung antideutscher und patriotischer Gefühle kam zusätzliche Fahrt in die Kampagne, und im Dezember dieses Jahres wurde der 18. Verfassungszusatz im US-Kongress angenommen und im Januar 1919 mit einer Dreiviertel-Mehrheit ratifiziert. Ein Jahr später trat er in Kraft; das «Noble Experiment» begann.

«Das Reich der Tränen ist vorbei»

Noch zuvor, im Oktober 1919, hatte der Kongress gegen das Veto von Präsident Wilson den Volstead Act verabschiedet, der sämtliche Getränke mit mehr als ½% Alkoholgehalt als berauschende alkoholische Getränke im Sinne des Verfassungszusatzes definierte. Dies stiess manche moderate Befürworter der Prohibition vor den Kopf, die zuvor davon ausgegangen waren, dass nur harter Alkohol verboten werden würde — damit begann die Front der Befürworter noch vor dem Beginn der totalen Prohibition auf Bundesebene zu bröckeln. Noch konnte indes der protestantische Prediger Billy Sunday den Anfang der Prohibition hymnisch feiern: «Das Reich der Tränen ist vorbei. Bald werden die Slums der Armenviertel nur noch eine Erinnerung sein. Wir werden die Gefängnisse in Fabriken umwandeln und die Gerichtsgebäude in Lagerhallen. Männer werden nun aufrecht gehen, Frauen werden lächeln und Kinder werden lachen. Die Hölle wird auf Ewigkeit zum Vermieten angeboten.»

Tatsächlich erfüllten sich gewisse Hoffnungen der Prohibitionsbefürworter. Der Alkoholkonsum, der schon während der Teilprohibition stetig abgenommen hatte, sank von knapp 0,8 Gallonen purem Alkohol pro Kopf im Jahr 1919 auf nur noch gut 0,2 Gallonen 1921. Überdies konnten die Mediziner eine deutliche Abnahme der alkoholbedingten Todesfälle verzeichnen; so gingen die Todesfälle aufgrund von Leberzirrhose seit 1916 zurück und erreichten 1920 einen Tiefstand, auf dem sie bis 1932 blieben. Nach dem Ende der Prohibition stiegen sie rasant wieder an. Der Alkoholverbrauch pro Kopf nahm indes bereits 1922 wieder markant zu und stieg in der Tendenz während der Prohibitionsjahre weiter. Auch das Trinkverhalten änderte sich, und zwar über die Dauer der Prohibition hinaus: Der Konsum verlagerte sich von Bier und Wein zusehends auf Spirituosen, die leichter zu schmuggeln und auch einfacher zu destillieren waren. Schwarzbrennerei («Moonshining») wurde zum Volkssport.

Die Mafia profitierte

Verheerend fiel die Bilanz der Prohibition denn auch auf dem Gebiet der Kriminalität aus. So stieg die Mordrate von 5,6 pro 100 000 Einwohner im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts auf 10,0 in den Zwanzigerjahren. Dies hatte massgeblich mit einer weiteren so unerwünschten wie unvorhergesehenen Folge des Alkoholverbots zu tun: der Übernahme des nunmehr illegalen Alkoholgeschäfts durch die organisierte Kriminalität. Der Schwarzmarkt weitete sich dramatisch aus, kriminelle Netzwerke bildeten sich heraus, das Schmuggelwesen blühte, die Korruption in Polizei und Politik nahm unvorstellbare Ausmasse an. In den Städten schossen illegale Geheimbars («Speak Easies») wie Pilze aus dem Boden. Nutzniesser war das organisierte Verbrechen — die Mafia wurde jetzt gross und blieb es auch. Berüchtigte Bosse wie Al Capone in Chicago bauten sich eigene Alkohol-Imperien auf, deren Logistik und Know-how nach dem Ende der Prohibition dem Handel mit anderen illegalen Drogen diente.

Die ausufernde Kriminalität — 1930 waren zwei Drittel aller Gefängnisinsassen wegen Alkohol- und Drogendelikten inhaftiert — und eine wachsende Opposition gegen das immer unbeliebtere Gesetz führten schliesslich während der Amtszeit von Präsident Franklin D. Roosevelt zur Aufhebung des 18. Verfassungszusatzes durch den 21. Zusatzartikel. Am 5. Dezember 1933 ratifizierte Utah als 36. Staat den Artikel, und die Prohibition war endgültig vorbei.

Allerdings sind prohibitive Züge im Umgang der Amerikaner mit Alkohol noch heute deutlich sichtbar: Öffentlicher Alkoholkonsum ist an vielen Orten verpönt oder gar verboten. Nach wie vor gibt es zahlreiche Landkreise, die den Verkauf von Alkohol nicht erlauben. Junge Amerikaner müssen warten, bis sie 21 Jahre alt sind, bevor sie legal Alkohol konsumieren dürfen. Und wer in der Öffentlichkeit ein Bier trinkt, sollte es in eine Tüte stecken. Noch immer stösst der legendäre amerikanische Freiheitsdrang an puritanische Grenzen.