Rückblick

20. Dezember 2019 10:57; Akt: 20.12.2019 12:15 Print

1971 brannte es im AKW Mühleberg lichterloh

Was die Pannen-Anfälligkeit betrifft, hat das Kernkraftwerk Mühleberg keinen besonders guten Ruf. Die Liste der Zwischenfälle über die Jahre ist lang.

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Das Atomkraftwerk Mühleberg wurde von 1967 bis 1972 von General Electric erbaut. Noch vor der Inbetriebnahme kam es Ende Juli 1971 zu einem Brand im Maschinenhaus. 2000 Liter Hydrauliköl entzündeten sich. Der Brand verzögerte die Inbetriebnahme um ein Jahr. Der Schaden belief sich auf über 20 Millionen Franken. Ein Übergreifen des Brandes auf das Reaktorgebäude konnte aber verhindert werden. Der Grossteil der Bevölkerung war aufgrund der Panne nicht sonderlich beunruhigt. Zu jener Zeit wurde die Atomkraft noch kaum hinterfragt. (Im Bild: Tag der offenen Tür im AKW Mühleberg am 12. September 1970.) Das änderte sich spätestens mit der Katastrophe von Tschernobyl Ende April 1986. In der Folge fanden unzählige Demonstrationen gegen die Atomkraft statt. Am 30. August 1986 forderten Demonstranten in Bern: «Alle Atomanlagen abschalten - Mühleberg stilllegen» Nur wenig später, Ende September 1986, gab es in Mühleberg einen folgenschweren Zwischenfall. Tagelang entwichen über den Kamin radioaktive Partikel. Nur eine Indiskretion eines Mitarbeiters bewegte die BKW dazu, den Vorfall publik zu machen. 1990 wurden am Kernmantel Risse festgestellt. Der Kernmantel trennt im Innern des Reaktordruckbehälters (im Bild) die Strömungsrichtungen des Reaktorkühlwassers. Kritiker befürchten, dass die Risse im Kernmantel im schlimmsten Fall zu einer Störung der Kühlung und zu einer Überhitzung der Brennstäbe führen könnten. In der Folge werden vier Zuganker angebracht, um den Kernmantel zu stabilisieren. (Legende: 1. Deckel des Reaktordruckbehälters, 2. Auslass für Dampf (Primärkreislauf), 3. Dampf, 4. Einlass für Kühlwasser (Primärkreislauf), 5. Kernmantel, 6. Brennelemente, 7. Steuerstäbe) Die Entdeckung der Risse gab der Anti-Atombewegung neuen Auftrieb. Spätestens ab diesem Zeitpunkt galt Mühleberg bei den Gegnern als «Schrottreaktor». (Im Bild: Demonstration für die Stilllegung des Atomkraftwerks Mühleberg in Bern am 20. September 1992.) Doch erst die Atomkatastrophe von Fukushima im März 2011 liess die Stimmung in weiten Teilen der Bevölkerung endgültig gegen die Atomkraft kippen. (Im Bild: Rund 10 000 Menschen demonstrieren am Sonntag, 11. März 2012 vor dem AKW Mühlberg für die sofortige Abschaltung.) Das Eidgenössisches Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) forderte nach Fukushima vom den BKW für das AKW Mühleberg neue Sicherheitsvorkehrungen für eine unbefristete Betriebsbewilligung. Daraufhin entschieden die BKW, dass es sich nicht rechnet, die Auflagen des Ensi für das AKW Mühleberg zu erfüllen und kündigten 2013 die Stillegung auf Ende 2019 an. (Im Bild: Suzanne Thoma, CEO der BKW, informiert am 3. März 2013 über die Stillegung.)

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Nach 47 Betriebsjahren wird das Atomkraftwerk Mühleberg abgeschaltet. Damit geht eine Ära zu Ende, die von Beginn weg von kleineren und grösseren Zwischenfällen geprägt war. Einer der gravierendsten Störfälle ereignete sich bereits vor der Eröffnung. Ende Juli 1971 entzündeten sich im Maschinenhaus 2000 Liter ausgelaufenes Hydrauliköl. Eine Zuleitung war nicht richtig befestigt worden.

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Das Feuer geriet kurzfristig ausser Kontrolle. Es konnte aber gerade noch gelöscht werden, bevor es auf das Reaktorgebäude übergriff. Am Tag darauf liess das Eidgenössische Verkehrs- und Energiewirtschaftsdepartement verlauten: «Der Reaktor selbst war zu keiner Zeit in Gefahr. Das Ereignis hat zu keiner radioaktiven Kontamination geführt, weder in der Umgebung noch innerhalb der Anlage.» Für die Betreibergesellschaft Bernische Kraftwerke (BKW) war der glimpfliche Ausgang des Brandes ein Beleg für ein «Notfallsystem, das spielt».

Trotzdem hatte der Brand Folgen. Die Inbetriebnahme verzögerte sich um ein Jahr. Der Schaden betrug über 20 Millionen Franken. In den Medien wurde über den Zwischenfall berichtet, doch bereits nach wenigen Tagen war die Aufregung wieder vorbei. Es war eine Zeit, in der die Atomkraft noch kaum hinterfragt wurde.

Zwischenfälle verschwiegen

Dass Pannen im AKW Mühleberg in der Bevölkerung wenig zu reden gaben, lag aber auch daran, dass viele Zwischenfälle gar nicht publik gemacht wurden. Dies zeigten 2011 Recherchen des «Beobachters» im Bundesarchiv. Die Auswertung der Akten ergab unter anderem, dass es vor der Inbetriebnahme, aber auch nach Anlaufen der atomaren Kettenreaktion zu dutzenden ungeplanten Schnellabschaltungen kam.

1972 erfuhr die Öffentlichkeit auch nichts von einem Vorfall im Kühlsystem im unteren Bereich des Reaktors. Dort kam es aufgrund einer zu hohen Wassertemperatur zu Vibrationen, die zu einem Bruch des Sicherheitsbehälters hätten führen können. 1976 wurde das System modifiziert. Ebenfalls 1972 entwich wegen eines Defekts erhöhte Radioaktivität über den Kamin.

Verseuchte Bauernhöfe

Im September 1986 kam es zur sogenannten Filterpanne. Über den Abluftkamin gelangten tagelang radioaktive Partikel in die Umwelt. Wieder erfuhr die Bevölkerung zunächst nichts. Es war ein besorgter Mitarbeiter, der die Medien informierte. In der Folge wurden auf 19 umliegenden Bauernhöfen radioaktive Isotope gefunden, die aus dem AKW stammten. Der Bevölkerung wurde geraten, Äpfel vor dem Verzehr zu schälen.

Die Behörden gaben schnell Entwarnung. Sie massen beim Bauern auf dem nächstgelegenen Bauernhof die Strahlung und kamen zum Schluss, dass die «maximale zulässige Jahresdosis» an Radioaktivität nicht erreicht worden sei. Wenige Jahre nach der Filterpanne erkrankte der Bauer an Krebs und starb.

Risse im Kernmantel

1990 wurden erstmals Risse im Kernmantel des Reaktors entdeckt. Im Kernmantel befinden sich die Halterungen der Brennstäbe. Kritiker befürchten, dass die Risse im schlimmsten Fall zu einer Störung der Kühlung und zu einer Überhitzung der Brennstäbe führen könnten. Doch die Risse wurden als unbedenklich eingestuft. Als sie jedoch weiter wuchsen, wurden 1996 vier Zuganker eingebaut, um den Kernmantel zu stabilisieren.

Die Risse wuchsen in der Folge nicht mehr so stark, bereiten Kritikern aber nach wie vor grosse Sorgen. 2012 verlangte das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) von den BKW, die Zuganker bis 2017 zu ersetzen. Als der Energiekonzern 2013 die Abschaltung des AKW Mühleberg auf Ende 2019 beschloss, wurde diese Forderung aber fallengelassen.

In der Betriebsbewilligung von 2015 wird lediglich noch die jährliche Überprüfung der Risse vorgeschrieben. Die Stabilität des Mantels wurde für ausreichend befunden, so dass von zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen abgesehen wurde.

«Geringe sicherheitstechnische Bedeutung»

Neben diesen grösseren Zwischenfällen gab es weitere Vorfälle, die die Kritiker beunruhigten. So wurden mehrfach Teile der Anlage überflutet, 1999 drang Hochwasser sogar in die Kellergeschosse ein. Mehrfach fielen Umwälzpumpen aus. Und 2007 löste sich ein Blechteil an einem Kran und verschwand im Reaktor, um nur einige Beispiele zu nennen.

Doch so lang die Liste der Zwischenfälle auch sein mag. Keines dieser Ereignisse wurde vom Ensi, beziehungsweise seiner Vorgängerorganisation als gravierender als auf Stufe 0 der Ines-Skala eingestuft. Diese Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse dient der Klassifizierung von Störfällen und reicht von 0 bis 7. Die höchste Stufe ist ein «Katastrophaler Unfall». Die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima sind hier eingeordnet. Stufe 0 dagegen ist lediglich ein «Abweichung», ein «Ereignis ohne oder mit geringer sicherheitstechnischer Bedeutung».

(jcg)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Küsu am 20.12.2019 11:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tagträumer

    Hallo ihr Grünen da draussen ....spart jetzt Strom...Hallo Klimajugend, lebt wie wir vor 40 Jahren, ahhh geht ja nicht, denn ihr wisst ja gar nicht wie das war !!! Alles wollt ihr haben aber auf nichts verzichten !!! Scheinheiligkeit !!

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  • bern am 20.12.2019 11:35 Report Diesen Beitrag melden

    Ohne AKW geht es wohl nicht

    Immer mehr Menschen in der Schweiz, da steigt der Verbrauch immer wie mehr. Und dann wollen die Grünen dass man auf Elekroautos umsteift. Die verbrauchen auch Strom. Woher soll den all dieser Strom herkommen? Wir haben schon heute dreckiger Strom aus Kohlekraftwerken von Deutschland und AKW Strom von Frankreich.Wenn die Menschenmasse nicht gebremst wird wird es nur noch ein paar Jahre gehen bis alle Ressourcen erschöpft sind. Das ist ein AKW noch das kleinste Problem.

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  • Strahler am 20.12.2019 11:26 Report Diesen Beitrag melden

    Lernfähig?

    Auch die Ewig gestrigen werden irgendwann aussterben!!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ganjaflash am 21.12.2019 21:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden
    Giphy Giphy
  • Tino K. am 21.12.2019 18:46 Report Diesen Beitrag melden

    Panik

    Das Thema wird eindeutig verpolitisiert. Linksgrün argumentiert immer mit Fukushima. Nehmt doch zur Kenntnis, dass wir als Binnenland keinen Tsunami zu befürchten haben. Auch häufige und starke Erdbeben die schlussendich den Tsunami ausgelöst haben sind, im Vergleich zu Japan, bei uns kaum ein Problem. Wenn in einem AKW eine Sicherung bei einem Ventilator durchbrennt oder ein Stromausfall im Personalrestaurant vorkommt, so steht dies in keinem Kausalzusammenhang mit der Sicherheit der Anlage, steht jedoch am nächsten Tag als "Panne im AKW" in den Medien.

  • romanmeyer am 21.12.2019 08:10 Report Diesen Beitrag melden

    Vogel Sträusse

    An alle die Befürworter der AKWs wenn ihr Atomstrom wollt, dann seit bitte schön auch bereit ein Endlager mit dem strahlenden radioaktiven Müll vor eurer Haustüre zu akzeptiern.

    • Hehe am 21.12.2019 08:40 Report Diesen Beitrag melden

      Und wer ne Benzin- oder Dieselkarre hat,

      soll täglich 30 Minuten am Auspuff schnüffeln....

    • MaschIng am 21.12.2019 09:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @romanmeyer

      verlangst Du von einem Befürworter der Windkraft auch, dass er eine Windturbine in seinem Garten akzeptieren muss?

    • Alles wird gut am 21.12.2019 13:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @romanmeyer

      Kein Problem damit!

    einklappen einklappen
  • Josef am 21.12.2019 07:09 Report Diesen Beitrag melden

    Ich glaube nicht.

    Wenn ich die ewig Besorgten von heute sehe, die Klimahysteriker und Weltuntergangspropheten. Auch wenn in Mühleberg nie etwas Gravierendes passiert ist, viele Leute hatten Angst davor. Solche Leute wird es immer geben, die sterben nicht aus.

  • Josef am 21.12.2019 07:05 Report Diesen Beitrag melden

    Jeder Fliegenschiss ist dokumentiert.

    Das zeigt, weshalb KKWs sicher sind. Im Verhältnis zu den Gefahren, denen wir uns jeden Tag aussetzen, ist das zu vernachlässigen.