Die VW-Geschichte

24. September 2015 12:55; Akt: 24.09.2015 12:55 Print

Am Anfang stand der Käfer

von J.-C. Gerber - Der Abgas-Skandal erschüttert VW in seinen Grundfesten. Solch ein Beben gabs in der Geschichte des erfolgsverwöhnten Autobauers noch nie.

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Mit ihm begann die Geschichte von Volkswagen: Der KdF-Wagen. So hiess der VW Käfer (Typ 1) bei den Nazis. 1938 liess es sich Adolf Hitler nicht nehmen, die neue Autofabrik im späteren Wolfsburg persönlich einzuweihen. Obwohl erste Exemplare des späteren Käfers 1938 hergestellt wurden, wurde das Modell wegen des Zweiten Weltkriegs zugunsten des militärischen Kübelwagens (Typ 82) zurückgestellt. Im Dezember 1945 rollte dann der erste Volkswagen, wie der Käfer damals einfach hiess, vom Band. 1950 ergänzte der VW-Bus T1 die Modellpalette. Deutlich attraktiver: Der Karmann-Ghia Typ 14, ein Coupé auf Basis des Käfers, das ab 1955 gebaut wurde. Anfang der 1960er-Jahre wurde dem Käfer der Typ 3 als VW 16500/1600 zur Seite gestellt. Auf Basis des Typ 3 wurde der grosse Karmann-Ghia Typ 34 konstruiert. Der Kleinlieferwagen Fridolin, offiziell Typ 147, war auch bei der PTT im Einsatz. Im Bild: Ein Exemplar der Deutschen Post. Als grosse Limousine kam 1968 der VW 411 (Typ4) ins Programm. Fürs Militär baute VW ab 1969 den Kurierwagen, der später auch gerne von Zivilisten gefahren wurde. Mit der Übernahme des Herstellers NSU kam VW 1969 zu einem fast fertigen Auto, das schliesslich als K70 ins Programm aufgenommen wurde. Es war der erste VW mit Front-Reihenmotor, Frontantrieb sowie Wasserkühlung. Zusammen mit Porsche wurde der VW-Porsche 914/4 entwickelt. Er wurde von 1969 bis 1976 gebaut. 1973 erblickte mit dem Passat B1 eine neue - über die Jahre äusserst erfolgreiche - Modellreihe das Licht der Welt. Der Knaller kam dann 1974, als der Golf I lanciert wurde. Die Modellreihe wurde zur erfolgreichsten der Welt. Übrigens wurde der Golf I in Südafrika bis 2009 als Citi Golf weitergebaut. Zusammen mit dem Golf I kam der Scirocco - sozusagen die Coupé-Version des Golf - auf den Markt. Der erste Polo folgte 1975. 1979 ergänzte Volkswagen die Modellpalette um den Jetta, eine Stufenheckversion des Golf. Zusammen mit der zweiten Generation des Passat kam der Santana auf den Markt. Bei uns ein kapitaler Flop, wurde der Wagen zum Grosserfolg für VW in China. Von 1988 bis 1995 gebaut, sorgte der sportliche Corrado bei manchem Jüngling für feuchte Hände. Das VW auch superklein kann, bewiesen die Wolfsburger 1998 mit dem Lupo. 2002 wurde dann das andere Ende des Spektrums bedient. Der Phaeton sollte die S-Klasse von Mercedes angreifen. Als erstes SUV in Europa verkaufte VW ab 2002 den Touareg. Nicht nur in den USA beliebt: Der Amarok, der seit 2010 im Programm ist. Andere Länder, andere Autos: In Brasilien stellt Volkswagen den Gol her, der nichts mit unserem Golf zu tun hat. Auch der brasilianische Saveiro ist hierzulande ein Exot. Den Voyage von Volkswagen do Brasil gibt es ebenfalls nur in Südamerika. Es ist die Stufenheckversion des Gol. In China baut Shanghai Volkswagen den Lavida Cross, der auf dem Audi A3 Sportback basiert. Der Magotan Alltrack aus China ist mit unserem Passat verwandt. Er wird von FAW-Volkswagen vertrieben, aber in Deutschland hergestellt. In Nigeria gibt es den Polo in einer Stufenheckversion unter dem Namen Polo Sedan.

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Ende Juli war es so weit. Der Volkswagen-Konzern war offiziell der grösste Autohersteller der Welt. Keiner verkaufte im ersten Halbjahr 2015 mehr Fahrzeuge als die Wolfsburger. Sie brachten es auf 5,04 Millionen, während der bisherige Marktführer Toyota nur 5,022 Millionen absetzen konnte. General Motors landete mit 4,8 Millionen Autos auf Platz 3.

Ob Volkswagen diese Spitzenposition angesichts des aktuellen Skandals um manipulierte Abgaswerte bis Ende Jahr verteidigen kann, bleibt abzuwarten. Trotzdem stellt das Halbjahresereignis die Krönung für eine Unternehmensgeschichte dar, die aus dem Hersteller eines Billigautos im Dritten Reich einen Weltkonzern mit zwölf Marken und 592‘586 Mitarbeitern machte.

Hitlers Auftrag

Am Ursprung von Volkswagen stand 1934 der Auftrag des Reichsverband der Deutschen Automobilindustrie an den Konstrukteur Ferdinand Porsche, ein Auto nach Adolfs Hitlers Vorgaben zu bauen. Der deutsche Diktator forderte ein Auto, das sich breite Bevölkerungsschichten leisten konnten, das vier Personen Platz bot und auf den neuen Autobahnen 100 km/h halten konnte.

Ferdinand Porsche konstruierte einen Wagen, der später unter dem Spitznamen Käfer zu einem der meistverkauften Autos aller Zeiten werden sollte. Von den Nationalsozialisten erhielt er allerdings den Namen KdF-Wagen, benannt nach der Nazi-Freizeitorganisation «Kraft durch Freude». 1938 wurden erste Exemplare gebaut, doch mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs waren Autos für Zivilisten erst einmal nicht mehr gefragt.

Der erste Käfer

Nach Kriegsende veranlassten die britischen Besatzer den zügigen Wiederaufbau der zerstörten Fabrik in Wolfsburg und so lief im Dezember 1945 der erste Käfer unter dem Namen Volkswagen vom Band. Fünf Jahre war er das einzige Modell des Herstellers, dann folgte der VW-Bus. 1955 wurde das Markenportfolio um eines der schönsten Autos aller Zeiten erweitert, den Karmann-Ghia Typ 14 (siehe Bildstrecke).

Der Käfer entwickelte sich schnell zu einem weltweiten Grosserfolg. 1971 wurde er zum meistverkauften Auto der Welt, als er mit 15‘007‘034 Exemplaren den bisherigen Produktionsrekord des Ford-T-Modells einstellte. Bis zu seinem Produktionsende 2003 in Mexiko wurde der Käfer fast 22 Millionen Mal gebaut. Das reicht allerdings schon damals nicht mehr zum Titel «meistverkauftes Auto». Der gehört seit Juni 2002 dem Käfer-Nachfolger Golf. Das Erfolgsmodell, das 1974 eine beispiellose Karriere begann, ist in unterdessen sieben Generationen über 30 Millionen Mal gebaut worden.

Inzwischen produziert der Konzern längst nicht mehr nur Autos der Marke Volkswagen. Bereits Mitte der 1960er-Jahre nahm Volkswagen nach der Übernahme der Auto Union GmbH von Daimler-Benz eine zweite Marke ins Sortiment auf: Audi war geboren. Heute gehören zwölf Marken zur Volkswagen AG, darunter Bentley, Bugatti und Lamborghini, aber auch die Lastwagenmarken Scania und MAN sowie Ducati-Motorräder.

Kleinere Skandale

Von Skandalen im Ausmass der aktuellen Abgas-Affäre ist VW in seiner Geschichte bisher verschont geblieben. Trotzdem sorgte der Konzern in jüngerer Zeit immer mal wieder für Schlagzeilen. 1990 etwa, als der Chef der VW-Devisenhandelsabteilung zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, weil er das Werk mit krummen Devisengeschäften um etwa 170 Millionen Euro gebracht hatte. 1996 kam es zur Opernballaffäre, als der niedersächsische Ministerpräsident und spätere Kanzler Gerhard Schröder samt Ehefrau auf Kosten von VW den Opernball in Wien besuchte.

Pikant war 1998 die Affäre um den ehemaligen VW-Vorstand Ignacio López, der 1993 beim Wechsel von Opel zu Volkswagen geheime Unterlagen mitgenommen haben soll. Er erhielt eine Geldstrafe, VW musste 100 Millionen Dollar an den Konkurrenten zahlen und dort Autoteile im Wert von einer Milliarde Dollar kaufen.

Einer der bemerkenswerteren Skandale um VW kam schliesslich 2005 ans Licht. Dabei ging es unter anderem um Schmiergeldzahlungen an VW-Betriebsräte. Betriebsräte spielen in deutschen Firmen als Vertreter der Arbeitnehmer eine gewichtige Rolle. Um sie für sich zu gewinnen, organisierten VW-Manager Besuche in Nobelhotels und Nachtclubs auf Firmenkosten. Die Manager sollen zudem in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Der finanzielle Schaden wurde mit fünf Millionen Euro angegeben.

Gemeinsam ist diesen Skandalen, dass sie der Erfolgsmarke Volkswagen keinen dauerhaften Schaden zufügen konnten. Bei der aktuellen Krise um die frisierten Abgaswerte wird sich erst zeigen, ob VW erneut so unbeschadet die Kurve kriegt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • sb3003 am 24.09.2015 13:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mein Dad

    Hatte auch einen. Hellblau und wunderschön. Kann mich noch an den Geruch im Innern erinnern. Damit durften wir (ich und mein Bruder 10/9 Jahre alt) fahren. Auf dem Schoss und einmal um den Block. Man waren das schöne Zeiten.

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  • The Spectator am 24.09.2015 13:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Erinnerungen werden wach

    Mein erstes Auto war ein Golf 2 GTI Jahrgang 1989, war das eine gute Zeit! Das Auto war fast so alt wie ich, jedoch 100mal zuverlässiger im Altag als ich selbst :D

  • GTI am 24.09.2015 13:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    VW

    Auch wenn jetzt alles bergab geht mit den Aktien und den Abgaswerten...VW ist Kult und halt ein Stück Geschichte von uns Allen (:

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Schweizerin4208 am 25.09.2015 22:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Käfer

    ich mag den alten Käfer. Ein richtiges schnuckelchen 3

  • R Liner am 25.09.2015 21:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ja man

    VW ist und bleibt das Beste.

  • Heinzer am 25.09.2015 20:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Stufenheck

    Optisch gefallen mir persönlich die Sedan-Modelle, aldo Stufenheck besser. Bei vielen gibt es sie aber nur in Südamerika oder Afrika, schade

  • Tobler Max am 25.09.2015 13:17 Report Diesen Beitrag melden

    Geldeintreiber USA

    Jetzt macht euch nicht in die Hosen. Der VW-Konzern produziert hervorragende Autos. Klar ist nicht korrekt, was da geschehen ist, aber gut wissen wir nicht, was in der ganzen Autobranche so alles getrückt wird. Das Ganze jetzt korrigieren und den USA möglichst kein Geld zahlen.

  • Peter Friedel am 25.09.2015 10:52 Report Diesen Beitrag melden

    Das war Kullt

    Bekam mit 18 (1986) einen Käfer von meinem Pappa geschenckt. Baujahr 70. Schön in Beige. Einfach Kult. Im Winter Fussheitzung , richtig heiss und oben damit nicht die Scheiben Beschlagen Fenster bisschen auf, gefroren. Denke gerne zurück.