Römische Latrinen

09. Januar 2016 23:13; Akt: 09.01.2016 23:13 Print

Beim WC-Besuch gabs den Bandwurm gratis dazu

Die Latrinen der alten Römer gelten als Meilenstein der Hygiene. Allerdings zu Unrecht, wie sich jetzt zeigt.

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Im alten Rom erledigte man das grosse Geschäft in grosser Gruppe, genauso wie das kleine. Das war zwar gesellig, aber auch unhygienisch. Denn über die Gemeinschaftstoiletten verbreiteten sich gefährliche Krankheitserreger. Viele Menschen im Römischen Reich litten zum Beispiel an Darmkrankheiten, die von den Erregern in den Latrinen ausgelöst wurden, schreibt Anthropologe Piers Mitchell von der Universität Cambridge im Fachjournal «Parasitology».

Mitchell untersuchte in antiken Latrinen so genannte Koprolithe, Kotsteine aus fossilen Exkrementen. Die Reste verglich er mit den Analysen aus Gräbern und Ausgrabungsresten. Ergebnis: Darin wimmelte es nur so von Überresten von Läusen, Flöhen oder Zecken. Solche Überreste finden sich im ganzen ehemaligen Reich – von britischen Siedlungen bis nach Vorderasien.

Toilettenwasser selten ausgetauscht

Die Hygienemassnahmen hatten laut Mitchell kaum positive Auswirkungen auf die Gesundheit. Flöhe und Läuse hätten sich bei den Römern ebenso stark verbreitet wie zu Zeiten der Wikinger oder im Mittelalter. Dabei herrschte zu dieser Zeit ein fast hygienischer Ausnahmezustand: Im Mittelalter schüttete man die Fäkalien und schmutziges Wasser auf die Strasse, bis diese festgetreten waren.

Doch warum kamen dann die Latrinen keiner hygienischen Revolution gleich? Eine von Mitchells Thesen besagt, dass das Wasser in öffentlichen WCs zum Teil selten ausgetauscht wurde und sich so eine Schlammschicht auf der Oberfläche gebildet haben könnte.

Fischbandwurm weit verbreitet

Bisher ging man davon aus, dass ein Kanalsystem über Aquädukte und regelmässige Wasserzulieferungen die Hygienestandards in öffentlichen Bädern verbessert hätten. «Offensichtlich waren die Badeanstalten jedoch nicht so hygienisch wie bisher angenommen», resümiert Mitchel in einer Mitteilung.

Eine zweite Theorie geht noch weiter: In den Proben fand der Forscher immer wieder die Eier einer speziellen Art von Bandwürmern, die sich vor allem in Fischen einnistet. Der mögliche Grund: Die Römer liebten Garum auf ihren Gerichten, eine Fischsauce. Diese wird nicht gekocht, sondern steht lange Zeit in der prallen Sonne – ideale Bedingungen für den Fischbandwurm. «Heute würde man von ekligem Gammelzeug sprechen, damals war es das ‹Maggi der Antike›», sagt Karl-Wilhelm Weeber von der Universität Wuppertal. Für ihn ist Mitchells Theorie plausibel. Durch intensiven Garum-Handel konnten sich die Parasiten weit verbreiten.

Teufelskreis

Der antike Lokus gibt jedoch noch anderes preis: Weil die Latrinen durch die starke Nutzung schnell überzuquellen drohten, mussten sie regelmässig ausgehoben werden. Doch wohin mit all den Exkrementen?

Aufzeichnungen legen nahe, dass diese auch als Düngemittel eingesetzt wurden. Laut Mitchell hatte diese Massnahme dramatische Konsequenzen: Die Parasiten gelangten auf die Felder – und mit der Ernte wieder auf die Märkte.

Gemeinschaftsklos gibt es seit dem ersten Jahrhundert vor Christus, als Sitzreihe für rund 50 Menschen, ohne Trennwände oder Privatsphäre. In vielen Fällen verrichteten Mann und Frau nebeneinander ihre Notdurft. Darüber hinaus war eine Latrine ein Privileg der Stadtbewohner. Rund 85 Prozent der Menschen lebten auf dem Land und nutzten die Natur, um sich zu erleichtern – und kannten das «Highlight der römischen Zivilisation» allenfalls vom Hörensagen.


(fee/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • R. Entner am 10.01.2016 00:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Solche "Gemeinschafts-Sitzreihen"

    um sich der Notdurft zu erleichtern, kann man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen! Aber an eine Holzverschalung mit Loch, das nach verrichteter "Dinge" mit einem Holzrondell-Deckel zugedeckt wurde - ja daran mag ich mich (Ü65) sehr gut erinnern! Diese "WC-Galerie" aus Holz war an einem grossen, sehr alten Haus auf der Nordseite angebaut! Alles uralt mit knarrendem Bretterboden (den ganzen Gang entlang) und eine qietschende Türe trennten die separaten Plumps-Holzklos ab! Zudem musste man immer einen Kessel mit Wasser (Gebrauchtwasser z.B. v. Teigwaren) mitnehmen, um zu spülen!

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  • Reisebegleiterin am 10.01.2016 00:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schlimm

    Wenn Ihr ähnliche Situationen erleben wollt, reist in die Türkei! Schlimm und unhygienisch, fast im ganzen Land, ausser in den Hotels! 2 Platz der unhygienischen Örtchen geht an Sizilien.

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  • Römer am 10.01.2016 00:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hauptsache Headline!

    Nichtsdestotrotz setzteb die Römer neue Massstäbe in Puncto Zivilisation, Kultur, Technologie und ja, auch Hygiene. Die Römer brachten mit ihren Kanälen fliessendes Frischwasser in alle Grossstädte und führten die Exkremente auch wieder ab. Was glaubt ihr, wie es bei den Barbaren ausgesehen hat bzw. wie wohl dort die Hygiene waren??

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Nachdenker am 10.01.2016 21:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zerfall des römischen Reiches

    könnte durchaus auch sein, das in der Endphase des römischen Reiches die Anlagen zunehmend vergammelten, nicht mehr richtig unterhalten wurden und der Schmutz sich immer mehr ansammelte.

  • M.G. am 10.01.2016 14:07 Report Diesen Beitrag melden

    Garum-Produktion stank zum Himmel

    In aufgelassenen Salinen wurden die flachen Becken mit toten Fischen gefüllt und man ließ das Ganze an der Sonne verrotten. Die Verwesung verwandelte alles in eine stinkende Brühe. Am Ende ließ der Gestank nach, man mischte die Flüssigkeit mit Gewürzen und füllte sie in Amphoren genormter Größe. Diese Fischsoße war nicht nur bei den Römern beliebt, man findet die Scherben von Garum-Amphoren bis nach Russland und Nord-Skandinavien. Und entlang der Handelsrouten verbreiteten sich nicht nur Parasiten sondern auch mehrere Pestwellen die die römische Bevölkerung dezimierte.

  • QonoS am 10.01.2016 12:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bandwurm hat auch gutes

    Bandwürmer sind nicht nur schlecht. Zur Zeit laufen Studien in denen man untersucht ob eine Infektion mit Bandwurm morbus Crown heilen kann

  • Stef am 10.01.2016 12:07 Report Diesen Beitrag melden

    Städte

    Städte waren schon immer unhygienisch. Nicht ohne Grund lebten die reichen Römer in der Regel ausserhalb in Landvillen.

  • Dinosaurier am 10.01.2016 11:19 Report Diesen Beitrag melden

    Dinger erst im 18./19. Jahrhundert entde

    Offensichtlich ist dem Wissenschaftler eine andere ausserordentliche Entdeckung gelungen. Denn bis heute ist man davon ausgegangen, dass der Dünger erst neueren Datums entdeckt wurde. Bisher kannte man nur die Brandrodung, Feueropfer und die Dreifelderwirtschaft. Oder ist er einfach wieder einer der irgend eine Behauptung aufstellt, damit die Zeitungen über ihn schreiben.

    • Stef am 10.01.2016 12:24 Report Diesen Beitrag melden

      Ist man?

      Cato der Ältere schrieb in De agri cultura ca. 150 v. Chr: "Was heißt den Acker gut zu bebauen: Gut pflügen, zweitens: Pflügen und drittens: Düngen!" Das ist schon lange bekannt.

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