Vor 55 Jahren

25. Februar 2011 07:24; Akt: 25.02.2011 07:25 Print

Das Ende des Stalinismus

von Rolf Maag - Am 25. Februar 1956 rechnete Chruschtschow in einer «Geheimrede» mit seinem Vorgänger Stalin ab und leitete ein politisches «Tauwetter» ein.

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Chruschtschow vor der UNO-Vollversammlung im Oktober 1960 (Bild: Keystone/AP)

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Als der 20. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) am 14. Februar 1956 begann, war Josif Wissarionowitsch Stalin seit beinahe drei Jahren tot. Zu diesem Zeitpunkt genoss er in der Sowjetunion nicht nur einen guten Ruf, sondern es wurde ein regelrechter Kult um seine Person getrieben: Stalins einbalsamierter Leichnam wurde in einem Mausoleum aufbewahrt, zahlreiche Strassen, Brücken und Plätze waren in der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten nach dem früheren Diktator benannt. Dass schätzungsweise 20 Millionen Menschen seiner Schreckensherrschaft zum Opfer gefallen waren, schien keine Rolle zu spielen. Doch schon bald sollte dieses Bild Kratzer erhalten.

Nach dem Ende des Parteitages, am 25. Februar, bestellte Stalins Nachfolger Chruschtschow handverlesene Parteimitglieder zu einer Sondersitzung, die unter vollkommenem Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Zur Verblüffung der Anwesenden verlas Chruschtschow nun eine lange Rede, in der er kein gutes Haar an seinem Vorgänger liess. Stalin habe gegen den Geist des Marxismus-Leninismus verstossen, indem er übermenschliche Eigenschaften und Unfehlbarkeit beansprucht habe. Er habe auch niemals versucht, die Menschen aufzuklären und mit ihnen zusammenzuarbeiten, sondern immer absolute Unterwerfung unter seine Meinung verlangt. «Wer sich seiner Konzeption widersetzte, …, wurde unweigerlich aus dem Führungskollektiv ausgestossen und anschliessend sowohl moralisch als auch physisch vernichtet…».

Unsagbarer Terror

Anschliessend zeichnete Chruschtschow ein bedrückendes Bild des stalinistischen Terrors. Sowohl die Kader als auch die Parteimitglieder hätten in ständiger Angst gelebt, denn jederzeit habe der paranoide Diktator nach völlig willkürlichen Kriterien Verhaftungen anordnen können. Er verschwieg auch nicht, dass ein grosser Teil der Festgenommenen nach teilweise grotesken Verfahren ermordet wurde.

Eigene Rolle nicht thematisiert

Allerdings war Chruschtschows Darstellung der Schreckenszeit in zwei wichtigen Hinsichten unvollständig. Einerseits legte er nur die Verbrechen gegen die Kommunistische Partei offen – tatsächlich wurden in den Dreissiger- und Vierzigerjahren rund 70 Prozent aller Parteimitglieder ermordet –, liess aber den Terror gegen die Bevölkerung im Allgemeinen unerwähnt, der noch wesentlich mehr Opfer gefordert haben dürfte. Andererseits ging er aus gutem Grund mit keinem Wort darauf ein, dass er selbst seinen Aufstieg niemand anderem als Stalin verdankte; als Parteichef von Moskau und der Ukraine war er sogar für zahlreiche Erschiessungen persönlich verantwortlich.

Tauwetter

Im Anschluss an Chruschtschows Enthüllungen begann eine historische Periode, die schon bald im Anschluss an einen Romantitel Ilja Ehrenburgs als «Tauwetter» bezeichnet wurde: Millionen Häftlinge konnten die Straflager verlassen, die Zensur wurde gelockert, der Druck auf die Satellitenstaaten liess nach. Sogar die verbliebenen 30 000 deutschen Kriegsgefangenen durften nun nach Hause zurückkehren.

Polen und Ungarn

Doch als im Juli 1956 in Polen die Arbeiter in Posen streikten und im Oktober/November desselben Jahres in Ungarn sogar bürgerliche Freiheitsrechte, Parlamentarismus und nationale Unabhängigkeit gefordert wurden, sah sich Chruschtschow veranlasst, die Schraube wieder anzuziehen: Beide Volkserhebungen wurden blutig niedergeschlagen. Indem er eine regelrechte Hetzkampagne gegen den Schriftsteller Boris Pasternak (Doktor Schiwago) anzettelte und ihn zur Ablehnung des Nobelpreises zwang, der ihm 1958 verliehen wurde, machte Chruschtschow deutlich, dass nun auch innenpolitisch wieder ein rauerer Wind wehte.

Meilenstein des 20. Jahrhunderts

Mitte der Fünfzigerjahre schien der Kommunismus in Europa, besonders aber in der Dritten Welt auf dem Vormarsch zu sein, denn schliesslich war 1949 mit China das bevölkerungsreichste Land der Erde kommunistisch geworden, die USA hatten es zwischen 1950 und 1953 nicht geschafft, das kommunistische Nordkorea entscheidend zu besiegen, und 1954 waren die französischen Kolonialherren von kommunistischen Aufständischen aus Indochina vertrieben worden. Chruschtschows Rede erschütterte weltweit den Fortschrittsoptimismus kommunistischer Funktionäre und säte Zweifel an der Legitimität des gesamten Projekts.

In den folgenden Jahrzehnten stagnierten die kommunistischen Staaten und brachen ab 1989 schliesslich mit wenigen Ausnahmen fast wehrlos zusammen. Da sie gewissermassen den Beginn dieser Entwicklung bedeutete, hält der russische Historiker und frühere Dissident Roy Medwedew Chruschtschows Geheimrede nach der Oktoberrevolution von 1917 und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 sogar für den wichtigsten Wendepunkt in der Geschichte des 20. Jahrhunderts.