Ein Mythos geht zu Ende

22. Juni 2011 14:04; Akt: 22.06.2011 14:23 Print

Das Réduit ist Geschichte

von Daniel Huber - Zum letzten Mal feuern heute die Bison-Geschütze am Lukmanier-Pass. Das Réduit – lange Ausdruck schweizerischer Befindlichkeit – existiert nicht mehr.

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Kilometerlange Gänge: Festung Fürigen am Vierwaldstättersee (Bild: Keystone/Urs Flueeler)

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Mit der Aufhebung der Festungsartillerieabteilung 13 (Fest Art Abt 13) und dem Rückbau der Bison-Geschütze und Bunker ist das Réduit Geschichte. Es war ein Jahrhundertwerk: 657 Millionen Franken, in heutiger Kaufkraft gut acht Milliarden Franken, wurden von 1941 bis 1945 in den Ausbau eines Festungsgürtels gesteckt, der sich von den Sarganser Bergen über das Gotthardmassiv bis nach St. Maurice im Wallis erstreckte.

Kilometerlange Gänge verbanden die unterirdischen Anlagen, es gab Bäckereien und Lazarette. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges besass die Schweiz rund 20 000 Befestigungsanlagen. Das Réduit, ursprünglich entstanden als Antwort des Schweizer Generalstabs auf die Blitzkrieg-Taktik der deutschen Wehrmacht und im Kalten Krieg beibehalten gegen einen neuen Feind, wurde schliesslich zum Sinnbild schweizerischer Abwehrhaltung überhaupt.

Rütli-Rapport gegen «Operation Tannenbaum»

Im Frühsommer 1940 besiegte die Wehrmacht im Westfeldzug die alliierten Truppen; Frankreich brach völlig überraschend zusammen. Damit stand die schweizerische Defensivplanung, die auf der nach Nordosten ausgerichteten Limmatstellung – einer Art verlängerter Maginotlinie – beruhte, vor grossen Problemen. Mitte Juni, kurz bevor in Deutschland erste Planspiele zur Einnahme der Schweiz in der «Operation Tannenbaum» anliefen, schlug der Generalstab dem Oberbefehlshaber General Guisan vor, die Feldarmee ganz oder teilweise in ein Alpenréduit zurückzunehmen. Immerhin gab es im Bereich des Gotthards bereits eine Alpenfestung, die Ende des 19. Jahrhunderts angelegt und bis 1920 erweitert worden war. Überdies war der Festungsausbau aufgrund der verschärften Bedrohungslage schon seit Mitte der Dreissigerjahre wieder aufgenommen worden.

Nach dem Kriegseintritt Italiens am 10. Juni 1940 war die Schweiz von den Achsenmächten umzingelt. Am 25. Juli berief General Guisan 500 höhere Offiziere zum Rapport auf das Rütli, wo sie auf die neue Strategie des Rückzugs ins Réduit eingeschworen wurden: Sollten die Achsenmächte angreifen, würde die Schweizer Armee sich auf die Verteidigung der Hochalpen, vor allem des Gotthardmassivs, konzentrieren. Auf diese Weise sollte dem Feind die Nutzung der strategisch wichtigen Alpentransversalen verwehrt und ein souveräner schweizerischer Rumpfstaat möglichst bis zum Kriegsende bewahrt werden.

Panzergräben und Überflutungen

Allerdings war man erst im Mai 1941 so weit, dass die Hauptstellung der Feldarmee im Réduit lag. Die Aufgabe der vorgeschobenen Stellung im Mittelland – hier sollte künftig nur noch ein Verzögerungskampf geführt werden – und die Konzentration der Truppen auf das Réduit war wohl unter dem Eindruck des deutschen Balkanfeldzugs im April erfolgt. Der schnelle Vorstoss der deutschen Panzertruppen in Jugoslawien hatte gezeigt, dass hügeliges Gelände nur geringen Verteidigungsnutzen hatte.

So waren nun die Festungswerke Sargans, St. Maurice und im Zentrum der Sankt Gotthard die wichtigsten Eckpfeiler der schweizerischen Defensive. Wo natürliche Hindernisse zum Schutz der Réduitlinie fehlten, wurden Strassensperren, Panzergräben und zahllose andere Befestigungen angelegt. Für den Kriegsfall waren zudem Sprengungen von Brücken und Tunnels sowie künstliche Überflutungen vorgesehen. Der Réduitraum umfasste insgesamt mehr als ein Viertel des schweizerischen Territoriums; die urbanen und wirtschaftlichen Zentren im Mittelland wären indes im Kriegsfall nahezu kampflos dem Feind überlassen worden – eine Strategie, die nicht unumstritten war.

Die Schweiz als Igel

Doch es blieb bei der Planung; der Ernstfall blieb zum Glück aus. Das Festungswerk im Zentrum der Schweiz aber überdauerte den Frieden bis in die Neunzigerjahre: Erst der Untergang der Sowjetunion und das Ende des Kalten Krieges war der endgültige Todesstoss für den Réduitgedanken. Und auch ideologisch wurde nun kräftig abgerüstet: Das Réduit als steingewordener Ausdruck der Geistigen Landesverteidigung hatte sich längst in einen Mythos verwandelt, der sich der Kritik entzog; das Bild des stachelbewehrten Igels galt als Inbegriff der wehrhaften Schweiz. Das ganze Land, nicht nur der Alpenraum, war mittlerweile vom Réduitgedanken durchdrungen; als stellten all die Zivilschutzbunker, die flächendeckend das ganze Land überzogen, gewissermassen lauter kleine Réduits dar. Aussenpolitisch entsprach dem Rückzug in den Bunker die gewollte Abstinenz von supranationalen Organisationen wie UNO oder EU.

Jetzt aber wurden jene kritischen Stimmen immer lauter, die es nicht der Armee und dem Réduit als Verdienst anrechneten, dass die Schweiz im Krieg verschont geblieben war. Heute ist man sich viel stärker bewusst, dass eine unversehrte Schweiz für die Achsenmächte, insbesondere Nazi-Deutschland, viel wertvoller war als ein besetztes, aber zerstörtes Land.

Die ideologischen Grabenkämpfe um das Réduit sind heute weitgehend Vergangenheit; die Bunker und Festungsanlagen sind geschleift, in Privatbesitz übergegangen oder zu Museen umfunktioniert worden.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Markus am 24.06.2011 23:27 Report Diesen Beitrag melden

    Rettet die Bisons

    Ich bin ehemaliger Werkbetriebs-Uof und habe auch in den Bisons Dienst geleistet. Diese Anlagen sind topmodern und keinesfalls mit dem alten Reduit vergleichbar. Die Verschrottung ist ein grosser (teurer) Fehler.

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  • Franz Brechtbühl am 22.06.2011 14:41 Report Diesen Beitrag melden

    Jahrhundertleistung

    Wahnsinn, was die Schweiz damals geschafft hat. Mit der heutigen Einstellung der Bevölkerung wäre das leider nicht mehr vorstellbar.

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  • Blaser R. am 23.06.2011 00:06 Report Diesen Beitrag melden

    Festungen

    sind Eigentum des Schweizervolkes! Sie dürfen nicht verscherbelt werden und müssen nachkommenden Generationen erhalten bleiben! Welche Festungen sind in Privatbesitz übergegangen und WER hat sie zu WELCHEM Preis erworben und durch WEN konnten sie erworben werden?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Markus am 24.06.2011 23:27 Report Diesen Beitrag melden

    Rettet die Bisons

    Ich bin ehemaliger Werkbetriebs-Uof und habe auch in den Bisons Dienst geleistet. Diese Anlagen sind topmodern und keinesfalls mit dem alten Reduit vergleichbar. Die Verschrottung ist ein grosser (teurer) Fehler.

    • Klaus Heller am 06.07.2011 14:20 Report Diesen Beitrag melden

      zu: Rettet die Bisons

      Unbedingt sind diese Anlagen, zumindest Teile davon, als zeithistorisches "Anschauungsmaterial" der Nachwelt zu erhalten! Dank der enormen Anstrengungen der CH, wurde die CH vor den Verwüstungen des wahnsinnigen Hitlers geschützt. Vielen Dank allen die das ermöglichten. Ich lebe jetzt seit fast 50 Jahren in diesem schönen Land.

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  • Noah am 24.06.2011 17:48 Report Diesen Beitrag melden

    Arche Noah

    Vielleicht sollte man die Bunker als "Arche Noah" behalten und die wertvollsten Menschen im Krisenfall einbunkern. Aber wen ? Ich würde mich nicht mal selber auswählen - ich glaub wir taugen alle nichts !

  • Kahn am 23.06.2011 18:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geld verschwender marathon

    Die schweizer armee ist eine riesige geldverschwendung! In manchen ländern gibt es die militär nicht mehr ausser die berufssoldaten. Dies könnten viele länder nachmachen un VIEL geld sparen

    • SirKilt am 27.06.2011 16:44 Report Diesen Beitrag melden

      Berufsheer nicht billiger

      Nun, es wäre ja schön, wenn das so einfach wäre. Eine Berufsarmee käme keinesfalls billiger, als unsere Milizarmee!

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  • Ex Korporal am 23.06.2011 08:00 Report Diesen Beitrag melden

    Bison - Unglaubliche Geldvernichtung

    Ich war selbst in der Fest Art Abt 13 und bei meinen letzten WKs in einem Bison eingesetzt. Diese Bison Bunker sind nicht die alten 2. Weltkrieg Festungen, das sind hochmoderne Super-Artillerie-Bunker mit vollem EMP-Schutz und allem Schnickschnack. Meines Wissens wurden 8 von den Dingern gebaut, sogar noch in den 90ern, jedes einzelne kostete mehrere Milliarden. Genutzt wurden aber nur 2 davon, der Rest wurde nach Fertigstellung eingegraben für den Ernstfall! Ansonsten wurden die geheimen Bunker als Showroom für die Waffenwerke Thun genutzt, die ihre Kanonen ausländischen Interessenten zeigten.

    • Einverstandener am 23.06.2011 09:07 Report Diesen Beitrag melden

      Ich will meine Steuern zurück!

      Und jetzt wird für den Rückbau nochmals Geld vernichtet. Man hätte schon beim Bau sicher sein können, dass der Bison in den 20 Jahren Lebensdauer nie wirklich gebraucht wird, um Kanistergeschosse auf die Alpentranversalen zu ballern... Die Verantwortlichen sollten zur Kasse gebeten werden!

    • gesch.mech. am 23.06.2011 10:51 Report Diesen Beitrag melden

      @ex korporal

      Ich wurde als geschm. als erste rs auf dem bison ausgebildet. klar moderner als die uralten minenwerfer waren die schon, man hatte ja auch ein wenig mehr platz in den räumen. Ein bunker war ja der sim-bunker für die ausbildung der andere um das gelernte einzusetzen. aber mehrere milliarden? die kosten waren ca. 50millionen pro bunker/2geschütze laut Ausbildungs Stabs Adj. Mit dem rest hast natürlich recht.

    • Ex Korporal am 23.06.2011 15:52 Report Diesen Beitrag melden

      @gesch. mech

      50 mio kosteten die Geschütze. Der Bau war um ein vielfaches teurer, dazu kommen de Munitionslager mit u.a. den Kanistergeschossen (Bomblets), welche mit dem nun von der CH ratifizierten Verbot nicht einmal im Ernstfall mehr gebraucht werden könnten. ;-) Meine Quelle ist unser Kadi, welcher selbst als Subunternehmer beim Bau gut verdient hat.

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  • Blaser R. am 23.06.2011 00:06 Report Diesen Beitrag melden

    Festungen

    sind Eigentum des Schweizervolkes! Sie dürfen nicht verscherbelt werden und müssen nachkommenden Generationen erhalten bleiben! Welche Festungen sind in Privatbesitz übergegangen und WER hat sie zu WELCHEM Preis erworben und durch WEN konnten sie erworben werden?

    • Peter Seeholzer am 26.06.2011 09:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Festungsbunker

      Das muss eidgenössisch bleiben, nicht schweizerisch!

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