US-Angriff 1986

24. März 2011 17:33; Akt: 27.03.2011 10:09 Print

Déjà-vu im libyschen Luftraum

von Douglas Birch, dapd - Die Luftangriffe auf Libyen wecken Erinnerungen: Vor 25 Jahren bombardierten die USA schon einmal Flugplätze und Kasernen. Auch Gaddafi war im Visier.

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Während heute Zivilisten vor den Truppen von Machthaber Muammar al Gaddafi geschützt werden sollen, handelte es sich bei dem Einsatz am 15. April 1986 um Vergeltungsschläge der USA. Im Dezember 1985 waren Terroranschläge auf die Flughäfen von Rom und Wien verübt worden. Am 5. April 1986 zündeten mutmassliche libysche Agenten in der von US-Soldaten frequentierten Diskothek «La Belle» in Berlin eine Bombe. Bei dem Anschlag wurden zwei Soldaten getötet und 79 weitere Menschen verletzt.

Daraufhin befahl Ronald Reagan den Angriff gegen den «verrückten Hund des Nahen Ostens», wie der damalige US-Präsident Gaddafi nannte. Bei den Luftangriffen kamen über hundert Libyer ums Leben, darunter eine angebliche Adoptivtochter Gaddafis. Hauptziel der Angriffe war der militärische Komplex Bab al Asisija in Tripolis, in dem sich der Diktator auch heute versteckt hält – sein Tod wurde also zumindest in Kauf genommen.

Lockerbie als Racheakt

Den Willen des libyschen Machthabers konnte Reagan nicht brechen. Zwei Jahre nach der «Operation El Dorado Canyon» verübten mutmassliche Agenten des Gaddafi-Regimes einen Bombenanschlag auf den Pan-Am-Flug 103, bei dem im schottischen Lockerbie alle Fluggäste, die gesamte Besatzung und zahlreiche Menschen am Boden getötet wurden. Es war ein Racheakt des Diktators, wie abtrünnige Mitglieder seiner Regierung enthüllten.

Nach dem Absturz eines Kampfjets vom Typ F-15 der US-Luftwaffe am vergangenen Dienstag über Libyen lassen sich weitere Parallelen zu den Angriffen vor 25 Jahren ziehen. Damals stürzte ein Bomber vom Typ F-111 ab. Während im April 1986 der Pilot jedoch im Meer ertrank und der Waffenoffizier bis heute als verschollen gilt, konnten sich die Besatzungsmitglieder am Dienstag unversehrt hinter die Linien der Aufständischen retten.

Ohne internationale Unterstützung

Im Gegensatz zu den aktuellen Luftangriffen gelang es den USA vor 25 Jahren nicht, eine internationale Koalition gegen Gaddafi zu schmieden. Weil Spanien, Italien und Frankreich den US-Kampfjets die Überflugrechte verweigerten, mussten die in Grossbritannien gestarteten Verbände einen 2100 Kilometer weiten Umweg machen, um über die Strasse von Gibraltar ins Mittelmeer zu gelangen.

US-Pilot Robert Stumpf war bei der Operation dabei. Er flog damals einen Kampfjet vom Typ F/A-18 und gab anderen Flugzeugen beim Angriff auf Bengasi Geleitschutz. Es habe damals überraschend wenig Widerstand der libyschen Streitkräfte gegeben. «Niemand ist abgeschossen worden», sagt Stumpf im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP. «Ich war nicht nervös, denn es gab überhaupt keinen Widerstand.» Einige libysche Flugzeuge und Flugabwehrgeschütze hätten zwar das Feuer eröffnet, jedoch keines ihrer Ziele getroffen. Die US-Luftwaffe hingegen versenkte mehrere libysche Kriegsschiffe.

Libysche Luftwaffe blieb am Boden

Die grösste Sorge der Einsatzleitung sei gewesen, dass ein Flugzeug abgeschossen und der Pilot getötet oder gefangen genommen werden könnte, sagt der ehemalige US-Admiral Frank Kelso, der als Kommandant der 6. Flotte im Mittelmeer für die Luftangriffe 1986 verantwortlich war. Wie heute habe damals der Einsatzbefehl deshalb gelautet, zuerst die libysche Luftabwehr auszuschalten. «Wenn man einen Luftangriff fliegt, muss man vor oder während des Bombardements die Luftabwehr zerstören», sagt Kelso.

Als über zwei Dutzend Kampfflugzeuge der US-Streitkräfte in den frühen Morgenstunden des 15. Aprils 1986 in den libyschen Luftraum eindrangen, taten sich vor den Piloten die hell erleuchteten Strassen von Tripolis und Bengasi auf. Flugzeuge von Gaddafis Luftwaffe waren nirgendwo zu sehen. «Die libysche Luftwaffe hat am Kampf über Libyen nicht teilgenommen», sagt Kelso. «Die sind noch nicht mal in die Luft aufgestiegen.»