«Unternehmen Barbarossa»

22. Juni 2011 07:25; Akt: 22.06.2011 07:31 Print

Der Beginn eines Vernichtungskriegs

von Rolf Maag - Am 22. Juni 1941 überfielen mehr als drei Millionen deutsche Soldaten die Sowjetunion. In den folgenden knapp vier Jahren tobte der wohl grausamste Krieg der Menschheitsgeschichte.

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Kampf um eine Traktorfabrik in Stalingrad (Bild: Keystone)

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An jenem Sonntagmorgen legte sich der sowjetische Diktator Stalin gegen zwei Uhr schlafen, nachdem er sich noch einige Gläschen Wodka genehmigt hatte. Doch nicht einmal drei Stunden später wurde er von einem Anruf geweckt; am Apparat war Georgi Schukow, der Generalstabschef der Roten Armee. Dieser berichtete seinem Vorgesetzten, dass drei riesige deutsche Armeen im Baltikum, an der Westgrenze und am Schwarzen Meer angegriffen hätten. Nach einer kurzen Schockstarre berief Stalin eine Krisensitzung im Kreml ein.

Erstaunlicherweise war der sowjetische Despot bis zuletzt überzeugt, dass sein Diktatorenkollege Hitler den Überfall nicht wagen würde, obwohl seit 1940 vieles darauf hindeutete: Im Reichsluftfahrtministerium in Berlin sass ein sowjetischer Spion mit dem Decknamen «Hauptfeldwebel», der schon monatelang warnende Informationen nach Moskau gekabelt und am 11. Juni sogar Details des deutschen Angriffsplans übermittelt hatte. Ähnliche Hinweise waren von Richard Sorge gekommen, einem deutschen Kommunisten in Tokio, dem die dortige deutsche Botschaft leichtfertig Material überliess. Doch Stalin glaubte, es handle sich um Provokationen, hinter denen die Briten steckten.

Ende eines Bündnisses

Tatsächlich befanden sich die Sowjetunion und Nazideutschland zu diesem Zeitpunkt noch in einer Allianz. Am 23. August 1939 hatten die Aussenminister Molotow und Ribbentrop ein Abkommen unterzeichnet, das als «Hitler-Stalin-Pakt» in die Geschichte eingegangen ist. Neben einer gegenseitigen Nichtangriffsverpflichtung wurde vereinbart, dass die Sowjets Rohstoffe und Nahrungsmittel, die Deutschen Maschinen und Waffen liefern sollten. Zudem legten sie in einem geheimen Zusatzprotokoll Einflusssphären fest: Hitler durfte das westliche Polen annektieren, während Stalin unter anderem den Ostteil Polens, fast das gesamte Baltikum und Finnland erhielt.

Der Entschluss zum Angriff

Im September 1939 überrannten deutsche Truppen «ihren» Teil Polens, während die russische Armee in den Osten des Landes einrückte und später auch die baltischen Staaten und einen Teil Finnlands besetzte. Nach einer beispiellosen Siegesserie beherrschten Hitlers Armeen bis Ende Juni 1940 auch Frankreich und einen grossen Teil Westeuropas; England blieb als einziger Gegner übrig, war aber vom Kontinent verdrängt worden.

In dieser Situation ordnete der «Führer» Vorbereitungen für den Krieg an, der ihm am meisten am Herzen lag, nämlich den Kampf gegen das Riesenreich im Osten. Hitler war von der wahnhaften Vorstellung besessen, das deutsche Volk benötige «Lebensraum im Osten», da sein traditionelles Siedlungsgebiet zu eng sei. Zudem war der Bolschewismus für ihn der Todfeind jeglicher Zivilisation und überdies, wie Hitler trotz Stalins Antisemitismus fand, jüdisch geprägt. Daher musste er erst recht vernichtet werden. Im Dezember wurde dem Vorhaben der Codename «Barbarossa» verliehen.

Verbrecherische Befehle

Spätestens im Frühling 1941 wurde den deutschen Truppenkommandanten bewusst, dass Hitler keineswegs die Absicht hatte, sich im Krieg gegen die Sowjetunion an Rechtsnormen zu halten. Er verkündete, der «Vernichtungskampf» gegen den Erzfeind sei mit «brutalster Gewalt» zu führen. Die Armeeführung leistete dieser Anweisung Folge, indem sie eine Reihe von unmenschlichen «Führererlassen» an die Truppe weitergab. Der «Kriegsgerichtsbarkeitserlass» ermöglichte die umstandslose Ermordung von Partisanen, ohne sie vor ein Kriegsgericht zu stellen. Falls man ihrer nicht habhaft werden konnte, waren kollektive Vergeltungsmassnahmen gegen ganze Ortschaften erlaubt. Am 6. Juni erging der berüchtigte «Kommissarbefehl», der die sofortige Erschiessung derjenigen Offiziere anordnete, die in der Roten Armee für die Einhaltung der ideologischen Linie sorgen sollten. Die massenhafte Tötung von Kriegsgefangenen war damit von höchster Stelle abgesegnet.

Anfangserfolge

Zunächst eilte die Wehrmacht von Sieg zu Sieg. Sie profitierte dabei vom Überraschungseffekt und von ihrer überlegenen Strategie, die sich bereits in den Feldzügen in Westeuropa bewährt hatte. Massierte Panzerverbände mit starker Luftunterstützung durchbrachen die russische Front an sensiblen Stellen, was die Einkesselung und Vernichtung ganzer Armeen ermöglichte. Die Rote Armee ihrerseits war schlecht ausgerüstet und teilweise mangelhaft geführt, da Stalin während der «Säuberungen» in den späten Dreissigerjahren rund 80 Prozent der höheren Offiziere als angebliche Staatsfeinde hatte verhaften oder erschiessen lassen. Bis zum Ende des Jahres eroberten die Deutschen das Baltikum, Weissrussland, die Ukraine und einen erheblichen Teil Russlands.

Doch im Dezember 1941 erlitten sie vor Moskau einen ersten Rückschlag: Die Sowjets hatten von Spion Sorge aus Tokio erfahren, dass Japan nicht etwa seinen deutschen Verbündeten vom Fernen Osten her zu Hilfe kommen, sondern sich in Südostasien und im pazifischen Raum gegen Grossbritannien und die USA wenden würde. Die in Sibirien stationierten Divisionen konnten daher abgezogen und vor der Hauptstadt in die Schlacht geworfen werden. Die überraschte Wehrmacht musste etwa 300 Kilometer nach Westen zurückweichen. Schon jetzt hatten die deutschen Truppen mit über 200 000 Toten und 620 000 Verwundeten gewaltige Verluste erlitten.

Gräueltaten

Als die Rote Armee nun in die zuvor von den Deutschen besetzten Dörfer der Umgebung Moskaus einzog, wurde den Soldaten drastisch vor Augen geführt, welcher Art der Krieg war, den die Invasoren hier führten. In den Ruinen der meist völlig zerstörten Ortschaften suchten Frauen und Kinder verzweifelt nach Essbarem, an Galgen fand man Leichen gehängter Partisanen mit Pappschildern um den Hals, deren warnende Aufschriften die Bevölkerung einschüchtern sollten. Vor allem aber hatten der SS unterstehende «Einsatzgruppen» seit Beginn des Krieges bereits Hunderttausende von Juden erschossen. Besonders berüchtigt ist bis heute das Massaker in der Schlucht von Babi Jar bei Kiew, wo am 29. und 30. September 1941 33 771 Menschen ermordet wurden, hauptsächlich Juden, aber auch Kriegsgefangene. Die Gase der verwesenden Leichen lösten noch ein halbes Jahr später kleine Explosionen aus, die Erdfontänen in die Höhe schiessen liessen. Um die Spuren zu beseitigen, öffneten die SS-Männer, die für den Massenmord verantwortlich waren, das Massengrab und verbrannten die Toten ohne weitere Umstände.

Doch auch die Sowjets waren in der Wahl ihrer Mittel alles andere als zimperlich, sowohl bei der Bekämpfung des Feindes als auch bei der Disziplinierung der eigenen Leute. Im August 1941 wurde Stalins Befehl 270 publik, der alle Soldaten, die sich ergaben oder gefangen nehmen liessen, kurzerhand zu Vaterlandsverrätern erklärte. Frauen gefangener Offiziere wurden sogar in Sippenhaft genommen. Als sein eigener Sohn Jakow den Deutschen in die Hände fiel, machte der Despot keine Ausnahme: Seine Schwiegertochter wurde festgenommen und musste zwei Jahre in einem Arbeitslager verbringen. Ein deutsches Austauschangebot lehnte Stalin ab. Jakow wurde 1943 erschossen, als er absichtlich den Sperrstreifen am Zaun seines Gefangenenlagers betrat.

Die Wende

Nach dem Rückschlag vor Moskau griff die Wehrmacht im Sommer 1942 erneut an, diesmal im Süden. Ziel der Heeresgruppe Süd waren die kaukasischen Ölfelder. Wieder stiessen die deutschen Truppen schnell vor; im Spätsommer erreichten die Truppenspitzen den Kaukasus. Zugleich griff der Eliteverband der Sechsten Armee die strategisch wichtige Industriestadt Stalingrad an der Wolga an. Dies führte zu einer enormen Überdehnung der Front. Ende September kam der Vormarsch zum Stillstand.

Um Stalingrad entbrannte nun ein erbitterter Häuserkampf. Der Sechsten Armee gelang es nicht, die Stadt vollständig zu erobern. Mitte November wurden die Deutschen von einer sowjetischen Grossoffensive überrascht; die Sechste Armee wurde in Stalingrad eingekesselt. Luftwaffenchef Göring verkündete grosssprecherisch, er werde die Soldaten aus der Luft versorgen, doch der Stellvertreter Hitlers war nicht in der Lage, sein Versprechen zu halten. Im Januar 1943 kapitulierten die letzten traurigen Überreste der Sechsten Armee. Die Wehrmacht hatte den Nimbus der Unbesiegbarkeit endgültig verloren.

Die Initiative lag nun immer mehr bei den Sowjets; in der gewaltigen Panzerschlacht bei Kursk konnten sie im Sommer einen weiteren wichtigen Sieg erringen. Die Rote Armee hatte strategisch und taktisch viel von ihrem zunächst weit überlegenen Gegner gelernt, zudem produzierten die russischen Rüstungsbetriebe mittlerweile enorme Mengen von Waffen. Ermöglicht wurde dies nicht zuletzt durch die finanzielle wie materielle Unterstützung der USA, die als Verbündete galten, seit ihnen Hitler im Dezember 1941 überraschenderweise den Krieg erklärt hatte.

Trotzdem war der deutsche Widerstand noch lange nicht gebrochen. Erst die Operation «Bagration», eine gigantische russische Offensive, die am 22. Juni 1944, also genau drei Jahre nach «Barbarossa», begann, brachte die Entscheidung an der Ostfront. Die Kämpfer der Roten Armee besetzten in den folgenden Monaten fast ganz Osteuropa und stiessen schliesslich auch auf deutsches Territorium vor. Vom Verlangen nach Rache erfüllt, gingen sie dabei äusserst brutal vor: Ganze Dörfer wurden ausgelöscht, Frauen jeden Alters systematisch vergewaltigt. Erst als die Gewaltorgie die Disziplin der Truppe zu untergraben drohte, griffen die Kommandanten teilweise ein.

Das Ende

Im April 1945 erreichte die Rote Armee Berlin. Nach dem Selbstmord Hitlers am 30. April und der von General Keitel unterzeichneten Kapitulation am 9. Mai (im Westen hatte Generaloberst Jodl bereits am 7. Mai seine Unterschrift unter ein entsprechendes Dokument gesetzt) wurde der Sieg in Moskau mit einer pompösen Parade gefeiert. Stalin genoss nun einen gottähnlichen Status und beförderte sich selbst zum «Generalissimus». Doch sein Rachedurst war noch lange nicht gestillt: Schon gegen Ende des Krieges hatte der gebürtige Georgier ganze Völker, die kollektiv der Kollaboration mit den Deutschen bezichtigt wurden, nach Sibirien oder Zentralasien deportieren lassen, darunter die Wolgadeutschen, Krimtataren, Tschetschenen und Kalmücken. Aus der Gefangenschaft zurückkehrende Soldaten oder Zwangsarbeiter landeten vielfach ebenfalls in Straflagern oder gar vor dem Exekutionskommando.

Die Menschen in der schwer zerstörten Sowjetunion hatten noch lange unter Entbehrungen zu leiden, doch dank der Eroberungen im «Grossen Vaterländischen Krieg» durften sie sich nun als Bürger einer Supermacht fühlen. Deutschland hingegen verlor seine Ostprovinzen, wurde besetzt und geteilt und büsste auch seinen Grossmachtstatus endgültig ein. Hitlers Vernichtungsfeldzug war nicht nur ein Verbrechen, das seinesgleichen sucht, sondern letztlich auch ein grandioser Fehlschlag.