Gabriele D’Annunzio

15. September 2019 19:07; Akt: 15.09.2019 19:07 Print

Der Mann, der den Hitlergruss erfand

von Rolf Maag - 1919 hielt ein italienischer Dichter die Welt kurz in Atem. Er gilt als ein Vordenker des Faschismus.

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Es war ein riesiges Spektakel, das sich am 12. September 1919 in Fiume (heute Rijeka an der kroatischen Adria) abspielte. Ein Konvoi von Lastwagen brachte italienische Freischärler in die Stadt, die mehrheitlich italienische Bevölkerung jubelte den Männern zu. An ihrer Spitze stand Gabriele D’Annunzio, ein bedeutender Dichter, aber auch ein politischer Abenteurer.

Vom Balkon des Rathauses aus erklärte er: «Ich, der Freiwillige, der in allen Waffengattungen gekämpft hat, ich, der verwundet und verstümmelt wurde, ich reagiere auf die tiefe Sorge meines Landes, indem ich verkünde, dass Fiume heute auf ewig zur Mutter Italien zurückgekehrt ist.»

Verstümmelter Sieg

Das Problem dabei war, dass Mutter Italien Fiume gar nicht haben wollte. Zwar waren viele Italiener enttäuscht darüber, dass ihre Teilnahme am Ersten Weltkrieg an der Seite der Sieger nur zu bescheidenen Gebietsgewinnen geführt hatte. D’Annunzios Rede vom «verstümmelten Sieg» (vittoria mutilata) fand durchaus Zuspruch. Die meisten hatten sich aber damit abgefunden, dass Fiume in den Pariser Friedensverhandlungen Kroatien zugesprochen worden war.

Exzentriker

D’Annunzio als schillernde Figur zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Er brüstete sich damit, Hunderte von Frauen verführt zu haben, darunter die reichsten und berühmtesten seiner Zeit. In seiner Garderobe fanden sich nicht nur Hunderte von Schuhen und Handschuhe aus erlesenem Leder, sondern auch ein Nachthemd, das vorne mit einem goldbestickten Loch ausgestattet war. Es sollte ihm wohl den Beischlaf mit seiner jeweiligen Geliebten erleichtern.

Er war aber auch ein Kriegsheld. Beim Kriegseintritt Italiens 1915 meldete er sich sogleich freiwillig, obwohl er schon 52 Jahre alt war. Er nahm an zahlreichen Gefechten teil und verlor dabei sein rechtes Auge. Legendär wurde er, als er 1918 Wien, die Hauptstadt von Italiens Erzfeind, überflog und dabei Flugblätter in den italienischen Nationalfarben abwarf.

Impresa di Fiume

Der Impresa di Fiume (Unternehmen von Fiume) genannte Stadtstaat, über den D’Annunzio nun herrschte, war eine Mischung aus archaischen und modernen Elementen. Er war nach dem Ständeprinzip organisiert, garantierte aber auch die Gleichheit der Geschlechter.

D’Annunzios Hofhaltung wirkte auf ausländische Besucher unwiderstehlich komisch. Wenn er im Rathaus die Staatsgeschäfte führte, spielte im Hintergrund seine aktuelle Geliebte, eine Pianistin, Sonaten von Beethoven.

Das Ende

1920 wurde es der italienischen Regierung zu bunt. Nach einer längeren Wirtschaftsblockade liess sie Fiume bombardieren. D’Annunzio wurde verwundet, konnte aber nach Italien fliehen, wo er trotz seiner Eskapaden bis zu seinem Tod im Jahr 1938 unbehelligt lebte.

Römischer Gruss

Das Unternehmen von Fiume scheiterte grandios, blieb aber nicht ohne Folgen. Der spätere italienische Diktator Benito Mussolini war von D’Annunzios Inszenierungen fasziniert. In seiner faschistischen Bewegung führte er den «römischen Gruss» mit ausgestrecktem rechtem Arm ein. Und dieser war unter D’Annunzios Anhängern üblich gewesen.Tatsächlich ist die Bezeichnung «römischer Gruss» unhistorisch: Nach Auskunft des Altphilologen Wilfried Stroh gibt es zwar einige Römerstatuen mit erhobener rechter Hand, aber eine übliche Grussgebärde war das nie. Die Nazis machten daraus den Hitlergruss.

Wie D’Annunzio liess sich Mussolini von seinen Getreuen Duce (Führer) nennen, was Hitler bekanntlich auch übernahm. Und wie D’Annunzio hielten Mussolini und Hitler stundenlange Reden vor ihren Anhängern und liessen ihre paramilitärischen Verbände endlos defilieren. Die faschistischen Diktatoren haben die Kunst der Massenverführung auch von D’Annunzio gelernt. Insofern wird man ihm einen Anteil an deren Verbrechen nicht absprechen können.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Dani G. am 15.09.2019 21:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danke, hatte keine Ahnung

    Mega spannend! Vielen Dank für diese geschichtliche Lektion. Mir war das völlig unbekannt. Man hat nie ausgelernt...

  • Jose Perez am 15.09.2019 22:35 Report Diesen Beitrag melden

    Zusatzinfo

    Es fehlt ein extrem wichtiger Punkt. Warum hat Mussolini diesen uralten, tömischen Gruss übernommen? Aus dem einfachen Grund, dass er eine Phobie vor dem Handschütteln hatte, und dieses mit dem römischen Gruss "Ave" umgehen konnte.

  • fred@züri am 15.09.2019 22:19 Report Diesen Beitrag melden

    Geschichte

    Geschichte ist immer interessant. Sehr guter Bericht über die damalige Zeit und dessen Folgen. Bitte mehr solche Beiträge.

Die neusten Leser-Kommentare

  • roger miller am 16.09.2019 06:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    veränderung

    der unterschied heute,gruss verboten,aber stundenlanges reden,ohne erfolge natürlich nicht im gegenteil. hört man genau zu,erinnert man sich an altes,heute nur in anderer bebekleigung,der befehlston ist geblieben.

  • Jadran am 15.09.2019 22:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Heute noch Solche

    Jetzt, genau zum 100. Jahrestag der Besetzung von Rijeka durch D'Annunzio, haben Italienische Neofaschisten in Rijeka eine riesige Flagge des Italienischen Königreichs als Provokation aufgehängt. Ebenfalls wurde im nahegelegenen Trieste, offiziell eine Statue von D'Annunzio eingeweiht. Solche Aktionen geben zu Denken. Die Kroatische Polizei hatte auch eine Gruppe Italiener die mit kleinen Flugzeugen eingeflogen sind, nicht einreisen lassen, da sie provokative Flugblätter etc. im Gepäck hatten. Zum Glück hat die Mehrheit keine solche Ideologien und die Meisten sind nette Italienische Touristen

  • Jose Perez am 15.09.2019 22:35 Report Diesen Beitrag melden

    Zusatzinfo

    Es fehlt ein extrem wichtiger Punkt. Warum hat Mussolini diesen uralten, tömischen Gruss übernommen? Aus dem einfachen Grund, dass er eine Phobie vor dem Handschütteln hatte, und dieses mit dem römischen Gruss "Ave" umgehen konnte.

  • axel g. am 15.09.2019 22:32 Report Diesen Beitrag melden

    Geballte Faust

    Strecken die Sozialisten beim Singen der "Internationalen" nicht auch ihren rechten Arm gestreckt nach vorne oben? Der einzige Unterschied: Die Hand wird zur Faust geballt.

  • fred@züri am 15.09.2019 22:19 Report Diesen Beitrag melden

    Geschichte

    Geschichte ist immer interessant. Sehr guter Bericht über die damalige Zeit und dessen Folgen. Bitte mehr solche Beiträge.