John Dillinger

11. August 2019 18:31; Akt: 11.08.2019 18:31 Print

Der brutale Gangster, der zum Volkshelden wurde

von J.-C. Gerber - Im September soll die Leiche eines der berühmtesten Verbrecher der US-Geschichte exhumiert werden. Das ist seine Geschichte.

Zeitgenössischer Bericht zum Ende John Dillingers. (Video: NARA)
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John Dillinger wurde 1934 erschossen. Doch noch heute ist der Bankräuber in den USA so bekannt wie der Mafiaboss Al Capone oder das Gangsterpärchen Bonnie und Clyde. Seine Verbrecherkarriere wurde mehrfach verfilmt, etwa im Film «Public Enemies» (2009) mit Johnny Depp. Nun wollen Nachfahren Dillingers seine Überreste exhumieren lassen. Denn seit Jahrzehnten hält sich das Gerücht, dass es sich dabei gar nicht um Dillinger handelt.

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Dillinger kam 1903 in Indianapolis im US-Bundesstaat Indiana zur Welt. Schon mit 21 Jahren fand sich er ein erstes Mal vor Gericht wieder, nachdem er einen Ladeninhaber überfallen hatte. Da er ohne Anwalt zur Verhandlung erschien, traf ihn die volle Härte des Gesetzes. Er wurde zu 10 bis 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Später gab er diese überharte Strafe als Grund dafür an, weshalb er komplett auf die schiefe Bahn geraten war.

Dillinger musste achteinhalb Jahre seiner Strafe absitzen. In dieser Zeit wurde er von Mithäftlingen in die Kunst des Banküberfalls eingeweiht. Sein neu erworbenes Wissen setzte er schon kurz nach seiner Entlassung am 10. Mai 1933 in die Praxis um. Mit seiner Bande erbeutete er bei einer Reihe von Überfällen rund 50’000 Dollar, damals ein Vermögen. Zwar schnappte ihn die Polizei nach einem Tipp seiner Vermieterin erneut, doch ein Kollege aus alten Gefängniszeiten sorgte mit Waffengewalt dafür, dass er nicht lange im in Haft blieb.

Perfekt inszenierte Überfälle

Wieder auf freiem Fuss begann Dillingers Bande im Mittleren Westen der USA eine der blutigsten Bankraubserien, die das Land je gesehen hatte. Um an die dazu nötigen Waffen zu kommen, räumten sie kurzerhand eine Waffenkammer der Polizei aus. Diese Verbrechen machten Dillinger so berühmt, dass sich die Zeitungen gegenseitig mit Sensationsberichten überboten.

Die minutiös geplanten Banküberfälle glichen oft einer Theaterinszenierung. So verkleideten sich die Bandenmitglieder einmal als Vertreter für Alarmanlagen, um so in den Tresorraum zu gelangen. Ein anderes Mal erklärten sie, sie würden einen Film über Banküberfälle drehen.

Ein höflicher Räuber

In den Zeitungen wurde auch über Kurioses berichtet. So soll während eines Überfalls ein Bauer von Dillinger gefragt worden sein, ob das Geld, dass er in der Hand halte ihm oder der Bank gehöre. Als der Bauer erklärte, dass es seins sei, habe Dillinger geantwortet, er könne es behalten, man wolle nur das Geld der Bank.

Es waren solche Episoden, die den höflichen Bankräuber bei der Bevölkerung trotz seiner Brutalität zu einer Art Volksheld im Stile eines Robin Hood machten. Denn die USA befanden sich damals in einer beispiellosen Wirtschaftskrise, der Grossen Depression. Viele verloren alles, was sie hatten. Dass die Banken im grossen Stil ihre Häuser und Farmen pfändeten, trug nicht gerade zur Popularität der Geldinstitute bei.

Dillinger bricht erneut aus

Im Januar 1934 flog die Bande schliesslich auf. Dillinger kam ins Gefängnis in Crown Point in Indiana, wo er der Presse vorgeführt wurde. Die Stimmung war gelöst und Dillinger scherzte mit den Reportern. Für ein Foto stützte er sogar seinen Ellbogen auf die Schulter des zuständigen Staatsanwaltes (siehe Video), was diesen Jahre später die Wahl zum Gouverneur kosten sollte.

Dillinger war ins Gefängnis von Crown Point gebracht worden, weil es als ausbruchsicher galt. Das hielt den Gangster allerdings nicht davon ab, sich am 3. März 1934 mithilfe einer hölzernen Pistolenattrappe aus dem Knast zu verabschieden.

Wieder in Freiheit machte Dillinger dort weiter, wo er aufgehört hatte. Nachdem er im April 1934 bei einem Überfall verletzt worden war, musste er erneut untertauchen. Nur dank eines gut vorbereiteten Fluchtplans konnte er dabei der Verhaftung durch FBI-Agenten entgehen. Die Bundespolizei war aktiv geworden, weil Dillinger nach seinem Ausbruch in Crown Point mit einem gestohlenen Wagen eine Staatsgrenze überfahren hatte. Damit hatte er gegen Bundesgesetze verstossen.

Der Bankräuber John Dillinger

Dillingers letzte Stunde

Nun galt Dillinger als Staatsfeind Nr. 1 (Englisch: Public enemy number one). 10’000 Dollar wurden auf seinen Kopf ausgesetzt. Am 30. Juni 1934 überfiel er seine letzte Bank. Dabei stiess die Bande auf erbitterten Widerstand der Bürger von South Bend, Indiana. Es gab Tote und Verletzte, die Räuber entkamen nur knapp. Wie sich später herausstellte, waren es offenbar die 10’000 Dollar Belohnung, die die Menschen in South Bend zum Handeln brachten.

Dillingers letzte Stunde schlug am 22. Juli 1934. Eine Bekannte verriet dem FBI, dass er am Abend in Chicago ins Kino gehen würde. Agenten passten Dillinger nach der Vorstellung ab und erschossen ihn, als er sich der Verhaftung entziehen wollte.

Seinen Leichnam brachte man in die örtliche Leichenhalle, wo im Laufe des nächsten Tages geschätzte 15’000 Menschen daran vorbeigingen, um einen Blick auf den berühmten Verbrecher zu werfen. Begraben wurde er am 25. Juli in Indianapolis. Sein Vater, der von mehreren Schaustellern Angebote für die Leiche erhalten hatte, fürchtete, dass diese geschändet werden könnte. Deshalb ummauerte er den Sarg mit 90 Zentimeter dicken Betonplatten.

Wurde wirklich Dillinger begraben?

Da durchzukommen, dürfte am kommenden 16. September, am Tag der geplanten Exhumierung, die grösste Herausforderung sein. Gelingt es, werden DNA-Proben entnommen und die Leiche am gleichen Tag wieder bestattet. Die DNA wird danach mit jener seiner lebenden Verwandten verglichen. Die Aktion soll Klarheit bringen, ob damals wirklich Dillinger begraben wurde, oder ob das FBI einen Unbeteiligten erschossen hatte. Denn davon geht Dillingers Nichte und Neffe aus.

Sie erklärten vor Gericht, dass die Leiche mehrere Merkmale aufwies, die nicht zu Dillinger passten. So etwa die Augenfarbe, die Form der Ohren, die Fingerabdrücke und die Zahnstellung. Das FBI dagegen hielt immer daran fest, dass man Dillinger damals zweifelsfrei identifiziert habe. Wer am Ende recht behalten wird, dürfte sich diesen Herbst zeigen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Kaa73 am 11.08.2019 18:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Weiter so

    Top solche Artikel. Das mag ich am liebsten.

  • Findnicht am 11.08.2019 19:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lesenswert

    Solche Artikel sind immer wieder interessant und passen gut zur Sommerlektüre. Merci!

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  • Der Alte am 11.08.2019 19:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Wahrheit

    Was mit Dillinger damals geschah, war laut Historikern reiner Mord!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Georg am 12.08.2019 12:35 Report Diesen Beitrag melden

    Ganzjahr Rollerfahrer

    Schon Sein Name ist Cool. John Dilinger. Wir alle können das nicht beurteilen wie es früher war. Es war einfach eine andere Zeit.

  • Brumm am 12.08.2019 10:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gesellschaft halt

    Zuerst böse böse Mördergangster, dann, oooh, Bank auch böse, gute gute Gangster, dann, es gibt Geld für Verhaftung, böse böse Mördergangster.

  • Blasius am 12.08.2019 09:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frage

    Vermutlich fragte man sich schon damals: Was ist das grössere Verbrechen eine Bank zu gründen oder eine solche zu überfallen?

  • Heidi Heidnisch am 12.08.2019 06:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Volksheld

    Angesichts der tum Teil haarsträubenden Geschäftspraktiken der Banken ist es nicht verwunderlich, wenn Bankräuber zu Volkshelden hochstilisiert werden. Genauso wie friedliche Protestler gegen "dreckige" Bankengeschäfte gleich als Verbrecher abgetan werden.

  • Canoe II am 12.08.2019 02:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zum Glück nichts vom Klimawandel. Bravo

    Endlich mal was interessantes zum lesen, Gut gemacht! Bitte mehr solche stories bringen!