Highnoon im Pazifik

30. September 2012 16:29; Akt: 30.09.2012 16:29 Print

Der brutale Poker um das friedliche Südmeer

von P. Dahm - China gegen die Philippinen, Japan gegen Taiwan – im Pazifik brechen alte Konflikte auf. Vor 100 Jahren zankten die USA, Grossbritannien und das Deutsche Kaiserreich um Inseln und Einfluss.

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High Noon im Pazifik: Einmal stehen sich philippinische und chinesische Marine-Boote gegenüber, dann setzen japanische Schiffe Wasserwerfer gegen taiwanesische Fischer ein – und als Japan eine ganze Flotte von Kuttern zu einigen Inseln entsendet, reagiert China mit Kriegsrhetorik. Eigentlich ist in diesem Teil der Welt immer so gelaufen. Nur die Protagonisten änderten zeitweise.

Südsee, Stiller Ozean, Ozeanien, Pazifik – seine Namen hat das Gebiet von seinen Entdeckern. Der Spanier Vasco Núñez de Balboa sticht 1513 von Panama aus westwärts in See und tauft das «Mar del sur», also Südmeer. Sieben Jahre später folgt ihm der Portugiese Ferdinand Magellan nach und prägt den Begriff «mar pacifico», also friedliches Meer. Er gründet einen Stützpunkt auf den Molukken, die westlich der Insel Papua-Neuguinea liegen.

Rule Britannia

Weil Spanien Anfang des 17. Jahrhunderts über Portugal herrscht und Krieg mit den Niederlanden führt, verlieren die beiden Länder jedoch grosse Gebiete an den Feind. Nach der Eroberung der Molukken 1605 setzte sich die «Vereinigte Niederländische Ostindien-Kompanie» im Gebiet des heutigen Indonesiens fest. Portugal bleibt schliesslich nur noch durch Osttimor in der Region vertreten.

Noch im 18. Jahrhundert finden Entdecker neue Inseln, während im 19. Jahrhundert um deren Besitz gefeilscht wird. Grossbritannien ist durch seinen Stützpunkt Australien ohnehin in der Südsee vertreten und sichert sich mit der Annexion Neuseelands (1839), der Fischis (1874), der Gilbert Inseln (1877) und Teilen Neuguineas (1884) weiteren Einfluss. Paris errichtet derweil Kolonien in Französisch-Polynesien (1842) und Tahiti (1843).

Die USA - die verkappte Kolonisierung

Ein neuer Mitspieler im Roulette des Imperialismus ist das Deutsche Kaiserreich, das durch die Kongo-Konferenz 1885 in Berlin zur Kolonialmacht wird. Neben Gebieten in Afrika konnte Reichskanzler Otto von Bismarck den 14 Signaturstaaten die Hoheit über Deutsch-Neuguinea aufdrängen. Neben dem Nordosten der gleichnamigen Insel gehören auch die Eilande in ihrem Norden im so genannten Bismarck-Archipel sowie die nördlichen der Salomon-Inseln dazu.

Die wohl weitreichendste Bedeutung für heutige Pazifik-Konflikte hat der Auftritt der USA. Obwohl Washington gegenüber den eigenen Bürgern so tut, als sei die amerikanische Politik anti-imperialistisch, schneidet sich auch Uncle Sam ein Stück vom kolonialen Kuchen ab. Möglich macht das der «Guano Island Act» von 1856, dem zufolge einwohner- und herrenlose Inseln in Besitz genommen werden dürfen, um Vogelkot zu gewinnen. Der wurde einerseits als Dünger und andererseits zur Gewinnung von Schiesspulver benötigt.

Spanien verliert seinen Grossmacht-Status

1858 geraten so die Phoenixinseln unter US-Kontrolle, die heute zu Kiribati gehören. Doch erst 40 Jahre später kommt Washington im Pazifik richtig an, nachdem es Krieg mit Spanien führt. Das iberische Land verliert 1898 neben Kuba und Puerto Rico seine verbliebenen ostindischen Kolonien. Die Philippinen werden amerikanische «Überseebesitzung», zudem annektiert Uncle Sam die Mariannen-Insel Guam. Bereits 1897 wurde die Königin Hawaiis gestürzt und das Eiland übernommen.

Auch Kaiser Wilhelm II. machte während dieses Krieges Spanien Druck, doch ohne seinen «Kapitän Bismarck» verliert der Deutsche jedwedes Gespür für Diplomatie. Als US-Kriegsschiffe den Hafen der philippinischen Hauptstadt blockieren, entsendet das Reich einen starken Marineverband. So provoziert es die US-Marine und den «Manila-Zwischenfall», der das Verhältnis zwischen den Staaten deutlich abkühlen lässt.

Kaiser Wilhelm II. poltert

Die Philippinnen kann Berlin so zwar nicht unter Kontrolle bringen, doch dafür kauft es 1899 den Rest der spanischen Kolonien. Die Marianen, die Karolinen und die Palau-Inseln wechselten für rund 17 Millionen Mark den Besitzer. Schon ein Jahr zuvor ist China eine Art deutsches Hongkong abgerungen worden: Nachdem zwei deutsche Missionare ermordet worden waren, besetzte das Ostasien-Geschwader der Kaiserlichen Marine die Bucht von Kiautschou. Später wurde ein 99 Jahre dauernder Pachtvertrag mit China geschlossen.

Zur Jahrhundertwende ist nur noch ein Territorium strittig: die Samoa-Inselgruppe. Das Deutsche Kaiserreich, Grossbritannien und die USA zanken sich seit Jahren um das Gebiet und haben bereits ihre Marine zusammengezogen, als im März 1889 ein verheerender Zyklon mehrere Kriegsschiffe versenkt. Die Parteien vereinbaren eine gemeinsame Regierung, 1899 wird nachverhandelt. Weil London durch die Buren-Kriege in Südafrika gebunden ist, erreichen Berlin und Washington eine Aufteilung unter sich.

Auf Verteilung folgen Weltkriege

Im Jahre 1900 ist der Pazifik ausgeteilt – bis zum Ausbruch des Erstem Weltkrieges herrscht Ruhe. Nach Kriegsausbruch 1914 hat die Kaiserliche Marine gegen die britische Übermacht in der Region nichts zu melden: Das in Kiautschou stationierte Ostasien-Geschwader wird nach Südamerika verlegt. Was diese Schiffe Aussergewöhnliches erleben, wie sich die Europäer benehmen, wie Kolonien in Besitz genommen werden und ob sich das rechnet, lesen Sie in obiger Bildstrecke.

Zurück zum Pazifik: Deutschland verliert seine Kolonien, die die Sieger unter sich aufteilen. Nach dem Zweiten Weltkrieg muss auch Japan Inseln aufgeben, in den 1960er Jahren setzen zudem Unabhängigkeitsbestrebungen ein. Doch alte Verbindungen überdauern oft genug: Die Philippinen werden 1946 selbstständig, bleiben aber wichtiger militärischer Partner der USA, die dort Stützpunkte unterhalten. Auch Guam und die Marianen sind heute noch unter Washingtons Kontrolle. Uncle Sam wird von dort aus genau verfolgen, wie es im Streit zwischen China und seinen Nachbar weitergeht.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Admiral am 30.09.2012 23:26 Report Diesen Beitrag melden

    Chinesische Dschunke

    Ein grosses Lob an 20min, vor allem an P.Dahm. Historisch gut recherchiert, sehr unterhaltsam geschrieben. Schade, dass Admiral Zheng He 1371 in ihren Recherchen übersehen hat. Sehr zu empfehlen: Gigant der Meere Die Expeditionen des Zheng He oder einfach Google fragen nach Zheng He, Cheng Ho oder the Greatest Admiral.

  • Andreas am 30.09.2012 22:10 Report Diesen Beitrag melden

    Toller Beitrag

    Vielen Dank für diesen interessanten und lehrreichen Artikel! Dafür fehlen die sonst so unterhaltsamen Kommentare mit all ihren Rechtschreibfehlern... :-)

  • Marcel Breu am 01.10.2012 17:07 Report Diesen Beitrag melden

    Toll!

    Toller Artikel! Danke für die Bilder und Karten!

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  • Marcel Breu am 01.10.2012 17:07 Report Diesen Beitrag melden

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  • Admiral am 30.09.2012 23:26 Report Diesen Beitrag melden

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  • Andreas am 30.09.2012 22:10 Report Diesen Beitrag melden

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