Ethnologie

23. Januar 2010 11:38; Akt: 15.03.2010 11:40 Print

Der gefährlichste Indianerstamm

von Daniel Huber - 1956 drangen fünf protestantische Missionare allen Warnungen zum Trotz in das Gebiet der Huaorani am Oberlauf des Amazonas ein. Sie überlebten nicht lange. Heute sind die Huaorani friedlich – zumindest die meisten.

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Huaorani: Tödliche Stammesfehden

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Das Unterfangen trug den Namen «Operation Auca», nach dem Quechua-Wort für die Huaorani, das «wild, unzivilisiert» bedeutet. Die fünf Amerikaner – Jim Elliot, Nate Saint, Ed McCully, Peter Fleming und Roger Youderian – warfen zuerst Geschenke aus der Luft ab, um die Huaorani freundlich zu stimmen. Schliesslich entdeckten sie im Januar 1956 eine Sandbank am Oberlauf des Curaray, wo ihr Flugzeug landen konnte. Dort schlugen sie ihr Lager auf. Nach einer ersten friedlichen Begegnung endete «Operation Auca» zwei Tage später in einem Blutbad: Eine Gruppe Huaorani griff die fünf Missionare an und spiesste sie mit ihren Speeren auf. Die Leichen warfen sie in den Fluss.

Jagd auf alle «Cowodi»

Elliot und seine Schicksalsgenossen hätten es besser wissen müssen: Die Huaorani galten als äusserst kriegerischer Stamm. Wer in ihr Territorium eindrang, rund 20 000 km² Regenwald zwischen den Flüssen Napo und Curaray in der ecuadorianischen Provinz Oriente, der musste mit ihrer Feindschaft rechnen. Mit Speeren machten die Huaorani Jagd auf alle Eindringlinge, die sie «Cowodi» (etwa: «nicht-menschliche Kannibalen») nannten.

Doch die Aggressivität dieses Amazonas-Volkes richtete sich nicht nur gegen aussen. Unaufhörliche Fehden zwischen verschiedenen Clans und Familien führten dazu, dass die Zahl der Huaorani in den Fünfzigerjahren auf nur noch etwa 500 gesunken war. Eine kürzlich erschienene Studie des Anthropologen Stephen Beckermann von der Pennsylvania State University schätzt, dass nicht weniger als 59 Prozent aller Todesfälle bei Erwachsenen – Männern und Frauen – durch Gewalteinwirkung herbeigeführt wurde. Die Urheber des vorzeitigen Ablebens waren in aller Regel andere Huaorani auf Rache- oder Raubfeldzügen. Die Auswertung der Daten zeigte auch, dass die wildesten Krieger weniger Frauen und Kinder hatten und dass ihr Nachwuchs gefährdeter war.

Vom Killer zum Prediger

Dieser Befund widerspricht den Erkenntnissen, die der umstrittene amerikanische Anthropologe Napoleon Chagnon 1988 über die Yanomami in Brasilien veröffentlichte. In «The Fierce People» («Das wilde Volk») beschrieb er eine gewalttätige Dschungel-Gesellschaft, in der die aggressivsten Männer den grössten Fortpflanzungserfolg hatten (siehe Info-Box). Allerdings waren die Yanomami nicht ganz so aggressiv wie ihre Vettern am westlichen Ende des Amazonas-Beckens, und offenbar schalteten sie – anders als die Huaorani – zwischen ihren Rachefeldzügen Pausen ein.

Vielleicht war es ausgerechnet die Schwester des von den Huaorani umgebrachten Missionars Saint, die dem hyperaggressiven Volk den Ausbruch aus der Gewaltspirale ermöglichte: Rachel Saint suchte den Stamm auf und richtete schliesslich mit Hilfe der Witwe von Elliot und der konvertierten Huaorani-Frau Dayuma einen Missionsposten ein. Was den Männern nicht gelungen war, das erreichten die Frauen: Zahlreiche Huaorani wandten sich dem Christentum zu. Unter der Schar der Bekehrten findet sich auch Mincaye, einer der Männer, die beim Massaker am Curaray dabei waren. Mincaye wurde ein Prediger der christianisierten Huaorani und baute eine besondere Beziehung zu Steve Saint auf, dem Sohn seines Opfers, der ebenfalls bei den Huaorani missionierte.

Shorts und Ölarbeiter

In der Folge ging die Gewalt zurück und die Zahl der Stammesmitglieder stieg. Heute soll es wieder rund 2000 Huaorani geben. Doch es gibt auch Kritik an den Missionaren: Ihre christliche Propaganda habe die kulturelle Identität des indigenen Volks zerstört und – schlimmer noch – ihre Missionsarbeit habe den Ölfirmen Tür und Tor zum Huaorani-Gebiet geöffnet. In der Tat bedecken die Ureinwohner heute ihre Blössen in der Regel züchtig mit Shorts. Und es gibt Gerüchte, die Missionare seien von den Ölkonzernen bezahlt.

89 Speerwunden

Ohnehin haben sich nicht alle Huaorani dem christlichen Pazifismus ergeben. Ein Teil von ihnen, die Tagaeri-Huaorani, haben sich auf der Flucht vor Missionaren und Ölarbeitern tiefer in den Dschungel zurückgezogen und den Kontakt zu den restlichen Stammesgenossen aufgegeben. Und sie zögern nicht, Eindringlinge wie früher umzubringen: Der Mönch Alejandro Labaca und die Nonne Ines Arango, beide vom katholischen Kapuzinerorden, mussten diese Erkenntnis 1987 mit dem Leben bezahlen. Labacas Leiche wies nicht weniger als 89 Speerwunden auf, als man sie fand. Seither ist kein Versuch mehr unternommen worden, die Tagaeri-Huaorani zu bekehren – der gefährlichste Stamm lebt noch immer in der Tiefe des Regenwalds.