Papst auf delikater Mission

09. Mai 2009 09:32; Akt: 17.03.2010 12:03 Print

Der katholische Hass auf die «älteren Brüder»

von Daniel Huber - Benedikt XVI. reist nach Israel – der Pontifex, der das katholisch-jüdische Verhältnis schwer belastet hat. Die Judenfeindschaft der katholischen Kirche hat eine lange Tradition.

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Judenverbrennung: Keine Gnade für die «älteren Brüdern im Glauben»

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Als erster deutscher Papst bereist Benedikt XVI. im Mai 2009 «als Pilger des Friedens» das Heilige Land. Dort wird man jeden Schritt des Oberhaupts der katholischen Kirche genau verfolgen, denn die Erwartungen sind hoch: Nachdem der Papst die Exkommunikation der Bischöfe der stark antisemitisch geprägten Pius-Bruderschaft aufgehoben und dabei auch den notorischen Holocaust-Leugner Richard Williamson wieder in die Kirche aufgenommen hatte, war die Empörung in der jüdischen Welt gross. Der Pontifex maximus hat jetzt in Israel Gelegenheit, einiges zerschlagenes Geschirr zu kitten. Aber es besteht auch die Gefahr – um beim Bild zu bleiben –, dass er sich als Elefant im Porzellanladen gebärdet. Denn das Verhältnis der katholischen Kirche zu ihren «älteren Brüdern im Glauben» ist ein schwieriges.

Ungeliebte jüdische Wurzeln

Das Christentum und damit auch die katholische Kirche ist aus dem Judentum hervorgegangen. Jesus war Jude. Das «verstockte» Judentum wies aber den messianischen Anspruch des Zimmermannsohns aus Nazareth zurück. Aus diesem Grunde beteten Katholiken jahrhundertelang am Karfreitag in der – 1970 entschärften und jetzt von Benedikt XVI. wieder zugelassenen – «Judenfürbitte» für die Bekehrung der «treulosen Juden».

Aus der kleinen jüdischen Sekte wurde das Christentum: eine universalistische Weltreligion mit Alleingeltungsanspruch. Die neue Religion, in der die ursprünglich jüdischen Gläubigen bald in die Minderheit gerieten, eroberte das Römische Reich und schuf sich machtvolle Institutionen wie das Papsttum. Das Christentum vergass freilich seine jüdischen Wurzeln nicht ganz; immerhin wurde das Judentum nach der christlichen Machtübernahme im Imperium Romanum (um 380) nicht wie die heidnischen Kulte verboten.

Doch die Erinnerung daran, dass sie aus einer anderen Religion hervorgegangen sind, ist für Glaubensbekenntnisse – zumal für solche mit Absolutheitsanspruch – im Grunde immer problematisch. Das gilt besonders für das Christentum, das ja mit dem Alten Testament grosse Teile der jüdischen Tradition übernommen hat. Die «älteren Brüder im Glauben», deren Bekenntnis zudem praktisch als einziges das christliche Wahrheitsmonopol herausforderte, mussten also fortan immer an den ihnen zukommenden Platz erinnert werden.

Totschlagargument Christusmord

Zu diesem Zweck stand das theologisch begründete, buchstäbliche Totschlagargument von Anfang an bereit: der Vorwurf des Christusmordes. Schon im frühen Christentum war der römische Anteil an der Kreuzigung zusehends in den Hintergrund gedrängt worden, während der jüdische entsprechend betont wurde. Dafür diente vor allem die angebliche Selbstverfluchung des jüdischen Mobs, der Pilatus aufforderte: «Kreuzige ihn. Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!» (Matthäus 27,23.25) Die ersten Kirchenväter wie Justinus (110-165) oder Origines (185-254) gossen dann eifrig Öl ins Feuer. Origines richtete dabei den Blick schon weit in die Zukunft: «Die Juden haben Jesus ans Kreuz genagelt... daher fällt das Blut Jesu nicht nur auf die Juden seiner Zeit zurück, sondern auch auf alle Generationen der Juden bis ans Ende der Welt.»

Vorerst floss indes nur wenig Blut. Die Juden genossen, von steter Diskriminierung und einigen Ausschreitungen abgesehen, eine Phase relativer Sicherheit. Erst in der Zeit der Kreuzzüge wurde es für sie brandgefährlich. Nachdem der schiitische Fatimidenherrscher Al-Hakim 1009 die Grabeskirche in Jerusalem zerstört hatte, wurde in Frankreich die «Bosheit der Juden» für dieses «ungeheure Verbrechen» verantwortlich gemacht. Man enthauptete oder ertränkte sie; wer überlebte, musste sich taufen lassen.

Fromme Ritter im Blutrausch

Als dann Papst Urban II. 1095 zum Ersten Kreuzzug zur Rückeroberung Jerusalems von den Heiden aufrief, schritten die christlichen Heere schon in Europa zur Tat und brandschatzten die jüdischen Gemeinden entlang der Reiseroute. Von Rouen über Metz und Trier bis Mainz und Speyer brannten die Synagogen, starben die Menschen. Das Finale fand 1096 in Jerusalem statt, wo die jüdische und muslimische Bevölkerung nahezu komplett hingemetzelt wurde.

Der Blutrausch der frommen Ritter ging dem Klerus zu weit. Papst Eugen III. verbot in der Bulle «Sicut Judaeis» unter Androhung der Exkommunikation Zwangstaufen und Übergriffe. Theologen wie Bernhard von Clairvaux erklärten, dass die Juden nicht getötet werden dürften, da ihre Existenz an die Leiden Jesu erinnere. Die Päpste unterstellten nun die Juden ihrem Schutz, der «Sündenknechtschaft». Zugleich auferlegte ihnen die Kirche scharfe Vorschriften: Sie mussten durch ihre Kleidung erkennbar sein und in gesonderten Stadtvierteln wohnen. Damit entstanden in den meisten deutschen Städten jüdische Ghettos.

Lesen Sie weiter in Teil II:
Vom «Judenhammer» nach Auschwitz