Vor 25 Jahren

26. Februar 2011 10:07; Akt: 26.02.2011 20:35 Print

Der rätselhafte Mord

von Daniel Huber - Ende Februar 1986 wurde der schwedische Premier Olof Palme in Stockholm erschossen. Ein Vierteljahrhundert später ist der Mord immer noch nicht vollständig aufgeklärt.

storybild

Der international bekannteste skandinavische Politiker: Palme im Jahr 1985 (Bild: Keystone/AP/Pressens Bild/Tobbe Gustavsson)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Am Abend des 28. Februar 1986 verliessen der schwedische Premierminister Olof Palme und seine Frau Lisbet das Kino, in dem sie sich den Film «Die Brüder Mozart» angeschaut hatten. Das Paar machte sich ohne Leibwächter auf den Heimweg durch die menschenleere Stockholmer Innenstadt. Wenige Meter vor den Treppen zur U-Bahn, bei der Ecke Sveavägen/Tunnelgatan, tauchte ein Mann hinter ihnen auf. Aus nächster Nähe schoss er zweimal; eine Kugel traf Palme in den Rücken. Der Attentäter konnte fliehen. Noch vor Mitternacht wurde der 59-jährige Premier für tot erklärt.

So simpel dieser Tathergang ist, so verworren ist der Fall, der auch 25 Jahre nach den tödlichen Schüssen nicht wirklich aufgeklärt ist. Um den gewaltsamen Tod des damals international bekanntesten skandinavischen Politikers ranken sich zahlreiche, zum Teil abenteuerliche Theorien, in denen Waffenhändler, Terrorgruppen und Geheimdienste eine Rolle spielen. Begünstigt wurde dieser Wildwuchs durch zahllose Fahndungspannen und Ungereimtheiten.

Passanten fanden Patronenhülsen

So wurde der Tatort von der überforderten Polizei nicht abgesperrt. Gaffer konnten ungehindert ihre Neugier befriedigen und zerstörten dabei alle Spuren. Statt der Polizisten fanden Passanten die Patronenhülsen. Die Fahndung kam nur schleppend in Gang; besonders nachteilig wirkte sich dabei das Kompetenzgerangel zwischen der Stockholmer Stadtpolizei und dem schwedischen Geheimdienst Säkerhetspolisen (Säpo) aus. Überdies war der Stockholmer Polizeichef Hans Holmér am Tag des Mordes an einem Sportanlass und konnte erst am nächsten Tag mit den Ermittlungen beginnen. Diese soll er zudem einseitig und schlampig vorgenommen haben – schliesslich wurde er im Februar 1987 von dem Fall entbunden.

Da die Polizei lange keinen Tatverdächtigen vorweisen konnte, richtete sich der Verdacht auf eine ganze Reihe von möglichen Drahtziehern. So soll sich die deutsche Terrorgruppe RAF für die Beendigung der Geiselnahme in der deutschen Botschaft in Stockholm 1975 gerächt haben (siehe Infografik). Verdächtigt wurden auch die kurdische Terrororganisation PKK, der amerikanische Geheimdienst CIA (Palme hatte den US-Bombenkrieg in Vietnam mit Nazi-Verbrechen in Treblinka verglichen) und dessen sowjetisches Gegenstück, der KGB. Ins Zwielicht geriet ferner die Säpo, der man vorwarf, sie sei ins Attentat verwickelt und von Rechtsextremen unterwandert.

Ein Tipp von der Polizei

Palme war ein entschiedener Gegner des Apartheid-Regimes in Südafrika. Daher wurde der Burenstaat bezichtigt, die Bluttat in Auftrag gegeben zu haben. Palmes Kritik an Israel und seine Unterstützung der PLO waren Anlass genug, den israelischen Geheimdienst Mossad mit seinem Tod in Verbindung zu bringen. Schliesslich gibt es Stimmen, die behaupten, Palme sei aus dem Weg geräumt worden, weil er schwedische Waffenlieferungen in Kriegsgebiete habe verhindern wollen. Zuletzt wurde sogar der jugoslawische Geheimdienst als Drahtzieher ausgemacht.

All diese Gerüchte und Theorien schienen Ende 1988 Makulatur, als die schwedische Polizei – beinahe drei Jahre nach dem Mord – endlich einen Tatverdächtigen präsentieren konnte. Der vorbestrafte und drogenabhängige Christer Pettersson, der schon 1970 einen Mann ohne ersichtlichen Grund getötet hatte, hatte ein falsches Alibi für die Tatnacht angegeben. 1989 wurde er schuldig gesprochen und zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Das Berufungsgericht hob das Urteil indes wieder auf – die Polizei hatte Palmes Witwe bei der Gegenüberstellung einen Hinweis auf Pettersson gegeben.

Mord aus Rache

Pettersson wurde auf freien Fuss gesetzt und erhielt eine Entschädigung von 300 000 Kronen. Danach verkaufte er seine Geschichte den Medien, wobei er den Mord mehrfach gestand – und sein Geständnis mehrfach widerrief. 1998 wies der Oberste Gerichtshof einen Antrag der Staatsanwaltschaft auf Wiedereröffnung des Verfahrens ab. Im September 2004 wurde Pettersson nach einem Sturz mit schweren Kopfverletzungen ins Krankenhaus eingeliefert, wo er einige Tage später starb. Die Umstände seines Todes nährten Spekulationen, er sei von Hintermännern aus dem Weg geräumt worden, um ihn an Enthüllungen zu hindern.

Allerdings gab Petterssons langjährige Freundin im Februar 2007 gegenüber einer schwedischen Zeitung zu Protokoll, Pettersson habe ihr den Mord gestanden. Er habe Palme stellvertretend für einen Freund erschossen, der sich wegen Steuerproblemen an dem Preimier rächen wollte. Auch der Polizeikommissar Stig Edqvist, der heute die nach wie vor weiterlaufende Fahndung leitet, nimmt wie die meisten Experten an, dass Pettersson der Mörder war – auch wenn er dies aus rechtlichen Gründen nicht laut sagen darf. Edqvist geht freilich davon aus, dass es sehr schwierig sein wird, den Fall endgültig zu lösen. Mittlerweile haben sich in seiner Behörde 225 Laufmeter Akten angesammelt – mehr als zum Kennedy-Mord. Wie dieser wird auch der Mord an Olof Palme wohl nie vollständig aufgeklärt werden.