60 Jahre «Bild»-Zeitung

23. Juni 2012 19:10; Akt: 23.06.2012 19:10 Print

Deutschlands Organ der Niedertracht

von Peter Blunschi - Die grösste Zeitung Deutschlands feiert ihren 60. Geburtstag. Doch ist «Bild» überhaupt ein journalistisches Medium? Ein Rückblick auf eine Geschichte voller Kontroversen.

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Die erste Ausgabe der «Bild»-Zeitung am 24. Juni 1952 setzte ganz dem Namen entsprechend auf der Titelseite schwergewichtig auf Fotos. Sie hatte vier Seiten und kostete 10 Pfennig. Verleger Axel Springer gründete «Bild» als «gedruckte Antwort auf das Fernsehen». Vorbild war die auflagenstarke Boulevardpresse in Grossbritannien. Zu den besten Zeiten Anfang der 1980er Jahre hatte «Bild» eine Auflage von über 5 Millionen, heute ist es etwa die Hälfte. Ab Ende der 50er Jahre wurde «Bild» zu einem politischen Meinungsblatt mit konservativer, antikommunistischer Ausrichtung. Am 15. Oktober 1959 verkündete die Zeitung, dass sie die DDR nicht anerkenne. Bis kurz vor dem Mauerfall 1989 wurde der zweite deutsche Staat konsequent mit Anführungszeichen («DDR») geschrieben. Den Bau der Berliner Mauer im August 1961 kommentierte «Bild» mit entsprechender Schärfe und Kritik an den Westmächten. Die deutsche Wiedervereinigung war ein Hauptanliegen von Verleger Axel Springer. Die Studentenbewegung der 60er Jahre und der Springer-Verlag sahen sich gegenseitig als Feindbilder. Die Lage eskalierte nach dem Mordanschlag auf Studentenführer Rudi Dutschke am 11. April 1968. Demonstranten versuchten, das Springer-Hochhaus in Berlin zu stürmen und setzten «Bild»-Lieferwagen in Brand. In den 70er Jahren blieb «Bild» ein Hassobjekt der Linken: Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll veröffentliche 1974 seine Erzählung «Die verlorene Ehre der Katharina Blum», in der er die Kampagnen des Boulevardjournalismus anprangerte. Ähnlichkeiten mit den Praktiken der «Bild»-Zeitung seien «weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich», schrieb Böll im Vorwort. Im Frühjahr 1977 arbeitete der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff unter dem Pseudonym Hans Esser drei Monate bei der «Bild»-Zeitung. In seinem Buch «Der Aufmacher» warf er ihr schwere journalistsche Fehlleistungen vor. Der Springer-Verlag verklagte Wallraff bis vor das Bundesverfassungsgericht, das praktisch vollumfänglich zu Gunsten des Autors urteilte. Der Fall der Berliner Mauer und das Ende des Kalten Krieges war die Vollendung des Lebenstraums von Axel Springer, der bereits 1985 gestorben war. Danach positionierte sich die Zeitung politisch breiter, blieb aber in der Tendenz konservativ. «Wir sind Papst!» ist die vielleicht bekannteste Schlagzeile in der 60-jährigen Geschichte von «Bild». Damit reagierte die Zeitung am 20. April 2005 auf die Wahl von Joseph Ratzinger alias Benedikt XVI.. Als der Papst im Herbst 2011 seine Heimat besuchte, zierte ein gigantisches Plakat mit jener Titelseite das Springer-Haus in Berlin. Mit sinkender Auflage wurde «Bild» wieder pointierter: Mit ihren Enthüllungen brachte die Zeitung Bundespräsident Christian Wulff zu Fall. Als die verantwortlichen Journalisten mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet wurden, kam es prompt zu Protesten gegen die Ehrung des Boulevardblatts. Besonders rabiat verhält sich «Bild» mit seiner Berichterstattung über die «Pleite-Griechen». Sie sorgte europaweit für Aufsehen und brachte der Zeitung den Vorwurf ein, eine Hetzkampagne zu führen.

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Härter kann man es kaum formulieren: «Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht», schrieb der Autor und Satiriker Max Goldt über «Bild». Seit 60 Jahren erscheint das viel gelesene und innig gehasste Blatt. Die Jubilarin hat allerdings schon bessere Zeiten gesehen: Anfang der 1980er-Jahre betrug die Auflage mehr als fünf Millionen Exemplare. Heute ist es noch etwa die Hälfte. Die Medienkrise hat auch das grossformatige Blatt mit den grossen Buchstaben voll erwischt, seine jahrzehntelange Position als auflagenstärkste Zeitung Europas verlor «Bild» zu Beginn dieses Jahres an das Murdoch-Revolverblatt «The Sun».

Zumindest für einen Tag wird «Bild» die Konkurrenz weit hinter sich lassen: Die Ausgabe vom Samstag, 23. Juni 2012, wird als «Geburtstagsgeschenk» in einer Mega-Auflage von 40 Millionen an sämtliche Haushalte der Bundesrepublik verteilt – zumindest an jene, die sich nicht dagegen wehren. Denn natürlich hat diese Jubiläumsaktion Widerstand provoziert – wie so vieles in der 60-jährigen Geschichte der Boulevardzeitung.

Vom seichten Klatsch zum Kampfblatt

Die erste Ausgabe der «Bild»-Zeitung erschien am 24. Juni 1952 als «gedruckte Antwort auf das Fernsehen», wie es der legendäre Verleger Axel Cäsar Springer ausdrückte. Mit ihren grossen Fotos unterschied sie sich deutlich von den «Bleiwüsten», die damals die gedruckte Presse dominierten. In den ersten Jahren war «Bild» ein eher seichtes Produkt mit viel Klatsch und wenig Politik. Ab Ende der 1950er-Jahre und besonders nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 entwickelte sich die Zeitung jedoch zu einem konservativen, stramm antikommunistischen Kampfblatt.

Dies führte auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung zur Eskalation. «Bild» bezichtigte die protestierenden Studenten mal kommunistischer, dann wieder faschistischer Umtriebe und schrieb von «SA-Methoden». Die so genannte Ausserparlamentarische Opposition revanchierte sich mit der Parole «Enteignet Springer!». Nach dem Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke am 11. April 1968 kam es vor dem Springer-Hochhaus in Berlin zu schweren Ausschreitungen, bei denen «Bild»-Lieferwagen angezündet wurden.

Die Wallraff-Enthüllungen

Mit dem Terrorismus der Roten Armee Fraktion (RAF) in den 70er-Jahren verschärfte sich der Konflikt. Nach dem Bombenanschlag auf das Springer-Verlagsgebäude in Hamburg am 19. Mai 1972 wurden vermeintliche Terror-Sympathisanten wie der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll Ziel scharfer Attacken. Böll schrieb darauf die Erzählung «Die verlorene Ehre der Katharina Blum», in der eine unbescholtene Frau wegen ihrer Freundschaft zu einem Straftäter von einer Boulevardzeitung gnadenlos fertiggemacht wird. Ähnlichkeiten mit Praktiken der «Bild»-Zeitung seien «unvermeidlich», schrieb Böll im Vorwort.

Noch mehr in die Defensive geriet «Bild» 1977 durch die Enthüllungen des Journalisten Günter Wallraff, der unter dem Pseudonym Hans Esser drei Monate auf der Lokalredaktion in Hannover gearbeitet hatte und in seinem Buch «Der Aufmacher» die zweifelhaften Methoden des Boulevards schilderte. Selbst Verleger Axel Springer sagte 1980 in einem Interview mit der «Zeit», er leide oft «wie ein Hund», wenn er morgens die «Bild»-Zeitung lese. Dem kommerziellen Erfolg schadete dies nicht, «Bild» erreichte in jenen Jahren seine höchsten Auflagen.

«Nur ‹Bild›, BamS und Glotze»

Nach dem Ende des Kalten Kriegs öffnete sich das Blatt, das sich heute als Teil der bürgerlichen Mitte versteht. SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder soll gesagt haben, zum Regieren brauche er «nur ‹Bild›, BamS und Glotze» – wobei mit BamS «Bild am Sonntag» gemeint ist. Die Feministin Alice Schwarzer berichtete für «Bild» über den Prozess gegen den Wettermoderator Jörg Kachelmann. In der Tendenz steht die Boulevardzeitung jedoch nach wie vor den konservativen Unionsparteien nahe, wie Untersuchungen gezeigt haben.

Angela Merkel ist für «Bild» die Eiserne Kanzlerin, dem CSU-Politstar Karl Theodor zu Guttenberg hielt man auch nach seinem Sturz über die Plagiatsaffäre die Treue. Dafür enthüllte man die privaten Affären von CDU-Bundespräsident Christian Wulff und brachte ihn damit zu Fall. Als die beiden verantwortlichen Reporter in diesem Frühjahr mit dem renommierten Henri-Nannen-Preis geehrt wurden, verweigerten drei Journalisten der «Süddeutschen Zeitung» aus Protest gegen das «Drecksblatt» die Annahme der gleichen Auszeichnung.

Kampagne gegen «Pleite-Griechen»

Dabei hat der Boulevardstil längst die ganze Medienbranche erfasst. Vielleicht schlägt «Bild» auch deshalb in letzter Zeit wieder schärfere Töne an, diesmal nicht gegen den inneren, sondern gegen den äusseren «Feind», genauer die «Pleite-Griechen», denen mit einer beispiellosen Kampagne Lüge und Betrug vorgeworfen wird. «So wurden früher Kriege vorbereitet», urteilte der Medienberater Wolfgang Storz, Mitautor einer kritischen Studie zur Griechen-Kampagne, die zum Schluss kommt, dass «Bild» im Kern «kein journalistisches Medium» ist.

Selbst Aussenminister Guido Westerwelle konnte sich am Mittwoch bei der Präsentation des elf Kilo schweren Jubiläumsbuches im originalen Zeitungsformat eine kritische Bemerkung nicht verkneifen: «Da hat die ‹Bild› keinen so guten Kompass», sagte er. «Die ganze Redaktion müsste mal vier Wochen Urlaub in Griechenland machen.» Damit spielte Westerwelle auf die Verlegung der gesamten «Bild»-Redaktion nach New York aus Anlass des 10. Jahrestags der Terroranschläge vom 11. September 2001 an.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Robin G. am 27.06.2012 19:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Soso..

    Wer im Glashaus sitzt sollte nicht mit Steinen werfen!

  • Urs Bünzli am 23.06.2012 21:12 Report Diesen Beitrag melden

    Alles das Gleiche...

    Bild ist wie der Blick oder 20Min, nur dass sie halt etwas mehr Geld haben, Ihre Stories auch vor Gericht zu verteidigen. Leider ist die Bild das einzigste Organ in Deutschland, das die Politiker aushebeln kann, weil der Bürger selbst dies nicht mehr direkt kann.

  • Max am 23.06.2012 19:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bild

    Die Bild ist eine Art RTL auf Papier. Viel Bla Bla, zwischendurch was interessantes, oft nicht die volle Wahrheit und selten ihr Geld Wert.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Robin G. am 27.06.2012 19:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Soso..

    Wer im Glashaus sitzt sollte nicht mit Steinen werfen!

  • Andreas B am 24.06.2012 10:19 Report Diesen Beitrag melden

    sich weiden am Elend

    Ein übler Aspekt, der mir im (sehr guten!) Artikel noch zu wenig zur Sprache kam, ist das sich Weiden am Elend anderer (zB Unfallopfer) bzw mangelnde Pietät und Achtung vor Opfern und Verunglückten. Hat zwar nicht BILD erfunden (siehe britische Boulevardpresse und dann auch die schlechte Kopie von BILD, BLICK). Fairerweise muss man zugeben, dass Bild manchmal auch sehr gute Artikel hat, zB letzthin einen um gratis Werbefahrten und Einsamkeit im Alter.

  • Jorge Valderamos am 24.06.2012 07:28 Report Diesen Beitrag melden

    Witzig, wirklich.

    Es ist schon lustig einen solchen Artikel gerade hier zu lesen. Zeigt Selbstironie und einen gewissen Humor. Stimmt mich sehr nachdenklich das dieses Blatt das meist gelesene im grossen Kanton ist. Wie Volker Pispers zu sagen Pflegt; Man beleidigt den toten Fisch wenn man ihn in dieser "Zeitung" einwickelt.

  • K. W. am 24.06.2012 05:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bild => Abfall

    Zum Thema Bild gibt es nicht viel zu sagen. Als Mensch sehe ich meine Pflicht und entsorge dieses Blatt wann immer ich kann, die Umwelt rettet sich ja nicht von alleine.. das wärs noch, eine "Bild" die sich selbst gleich in den Müll wirft, das wär ein historischer Moment!

  • W.N. München am 23.06.2012 23:13 Report Diesen Beitrag melden

    Schwacher Journalismus aus der Schweiz

    Herr Blunschi beleidigt Millionen >BILDSüdd. ZeitungBILD Journalisten sahen vie-le Probleme früher, berichten sachlich ausgewogener und weniger langatmig.