Vor 200 Jahren

20. November 2015 12:04; Akt: 20.11.2015 12:04 Print

Die Geburt der Schweizer Neutralität

von Rolf Maag - Am 20. November 1815 trat der Zweite Frieden von Paris in Kraft. Seither ist die Schweiz neutral im heutigen Sinn.

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Seit November 1814 tagten Vertreter der wichtigsten europäischen Mächte auf einem Kongress in Wien. Ziel der Konferenz war eine Neuordnung des Kontinents nach dem Ende der napoleonischen Kriege.

Auf der Traktandenliste stand auch das künftige Schicksal der Eidgenossenschaft. Sollte sie erhalten bleiben? Wenn ja, in welcher Form? Und sollte sie sich Bündnissen anschliessen dürfen oder besser neutral bleiben?

Helvetische Republik

Zuvor hatten lange die Franzosen die Geschicke der Schweiz bestimmt. 1798 besetzten sie das Land und stellten die Verhältnisse vollständig auf den Kopf.

In der alten Eidgenossenschaft gab es 13 völkerrechtlich selbständige Orte, die vollwertige Mitglieder des Bundes waren. Sie verwalteten gemeinsam die «Gemeinen Herrschaften», also Untertanengebiete wie den Aargau oder die Waadt, deren Bewohner rechtlich stark benachteiligt waren und unter der Last hoher Abgaben ächzten. Die einzige gesamteidgenössische Institution war die «Tagsatzung», eine Versammlung von Delegierten der 13 Orte. Dort wurden Fragen erörtert, die alle gleichermassen betrafen.

In der neugegründeten «Helvetischen Republik» wurden die Untertanengebiete zu gleichberechtigten Kantonen erhoben. Erstmals gab es nun ein gesamtschweizerisches Parlament, das indirekt über Wahlmänner vom Volk gewählt wurde. Es bestand aus zwei Kammern, dem Grossen Rat und dem Senat. Die Exekutive bildete ein fünfköpfiges Gremium, das nach französischem Vorbild Direktorium hiess. Die altehrwürdige Institution der Landsgemeinde wurde ersatzlos gestrichen. Die Schweiz war nun ein zentralistischer Staat im Stil von Frankreich.

Mediationsakte

Das passte besonders den konservativen Innerschweizern nicht, zumal die neue Verfassung auch noch eine Reihe von antikatholischen Bestimmungen enthielt, die sie zutiefst empörten. Es kam zu Aufständen, die von den Franzosen gnadenlos unterdrückt wurden. Am 9. September 1798 fanden in Nidwalden 500 Einheimische den Tod.

Weil die Unzufriedenheit auch in den folgenden Jahren nicht nachliess, sah sich Napoleon Bonaparte, seit 1799 der starke Mann in Frankreich, zum Eingreifen veranlasst. Am 19. Februar 1803 liess er den Honoratioren der Helvetischen Republik die «Mediationsakte» aushändigen, die am 10. März in Kraft trat. Es gab jetzt wieder eine Tagsatzung, und die nunmehr 19 Kantone hatten erneut alle eine eigene Verfassung. Zu ihnen gehörten weiterhin die aus den Untertanengebieten neugebildeten Kantone, wenn auch in anderen Grenzen als 1798. Weil Frankreich das Recht erhielt, jederzeit in die inneren Angelegenheiten der Schweiz einzugreifen, war diese de facto ein Satellitenstaat.

Restaurationsverfassung

Am Wiener Kongress nahmen neben den drei offiziellen Repräsentanten des Bundes zahlreiche Abgesandte der Kantone und Gemeinden teil, die mitunter abenteuerliche Forderungen stellten. Die Stadt Biel verlangte sogar, als eigenständige Republik anerkannt zu werden.

Die offiziellen Vertreter hatten drei Verhandlungsziele: staatliche Unabhängigkeit, Neutralität und so viele territoriale Zugewinne wie möglich. Die teilweise reichlich kühnen Gebietsforderungen, etwa die nach Konstanz und weiteren Gebieten in Baden, wurden mehrheitlich nicht erfüllt. Am 20. März 1815 einigte man sich immerhin darauf, der Eidgenossenschaft die drei neuen Kantone Wallis, Genf und Neuenburg hinzuzufügen. Der neue, gelegentlich «Restaurationsverfassung» genannte Bundesvertrag war eigentlich gar keine Verfassung, weil jeder der inzwischen 22 Kantone seine eigene Konstitution hatte. Abgesehen davon, dass die sechs von Napoleon geschaffenen Kantone zum Verdruss der Berner und Innerschweizer nicht angetastet wurden, kehrte man nun zu den Zuständen vor 1798 zurück. Der Bundesvertrag konnte erst am 7. August 1815 feierlich beschworen werden, weil zuvor der aus seinem Exil auf Elba entkommene Napoleon endgültig besiegt werden musste. Es blieb die Frage der Neutralität.

Immerwährend und bewaffnet

Darüber wurde 1815 das ganze Jahr heftig diskutiert. Am 20. November wurde sie im Zweiten Frieden von Paris (nach demjenigen von 1814) von den Grossmächten mit Auflagen «garantiert». Sie sollte zwar «perpétuelle» (immerwährend) sein, doch dafür musste sich die Schweiz eine nationale Armee zulegen, was es zuvor nicht gegeben hatte. Man wollte verhindern, dass das Land erneut zum Schauplatz von Kämpfen zwischen den Grossmächten werden konnte, wie es Ende des 18. Jahrhunderts der Fall gewesen war.

Hätte die Schweiz nicht auf ihre Gebietsforderungen verzichtet, wäre dies wohl ihr Ende gewesen. Also musste sie eine Neutralität nach den Vorstellungen der Mächtigen akzeptieren. Der Historiker André Holenstein bemerkt daher: «Die heute von der SVP so beschworene und gefeierte «immerwährende bewaffnete Neutralität» ist also keine Schweizer Erfindung, sondern wurde uns von Europas Grossen als Bedingung für die weitere Existenz als eigenständiger Staat auferlegt.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Paede am 20.11.2015 12:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gleichheit

    Bravo, gut geschrieben, das sollen sich gewissen Damen und Herren die gelegentlich nicht ganz so Geschichtstreu sind mal einverleiben! Und allen sei somit nochmals klar vor Augen geführt, dass niemand gleich war in der Schweiz! Erst seit 200 Jahren gibt es die Gleichheit!

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  • Kati am 20.11.2015 12:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    bewaffnete Neutralität

    im Kleinen wäre zutreffend: es ist erstaunlich wie gute Worte deeskaliered wirken, wenn man dabei einen Knüppel in der Hand hält. Oder wie mein Vater sagte: man hat über kurz oder lang immer eine Armee im Land, entweder die eigene oder eine fremde.

  • mr. smith am 20.11.2015 14:14 Report Diesen Beitrag melden

    Neutralität

    Die Schweiz ist nur neutral, weil sie noch nicht weiss, auf welcher Seite Chuck Norris steht.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • us dem Volk am 21.11.2015 22:26 Report Diesen Beitrag melden

    Gehört, SVP?

    Die Neutralität wurde der Schweiz von den Mächtigen Staaten Europas aufgezwungen. Als souveräner Staat muss die Schweiz dem heute nicht mehr folgen. Warum aber will uns die SVP dazu zwingen?

  • 15-Jähriger am 21.11.2015 20:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schweizer Neutralität?

    Schweizer Neutralität, dass ich nicht Lache. Im 2. WK kann man von keiner Neutralität sprechen und bei der Franzrevolution kann man von keiner Neutralität sprechen und die war in dieser Zeit... Das mit dem 2. WK ist bewiesen die Schweizer haben einen grossenteil des Krieges auf Deutscherseite Finanziert. Wenn ihr den Daumen nach Unten drückt, würde ich mich über eure Meinung freuen.

  • Von wegen neutral am 21.11.2015 16:43 Report Diesen Beitrag melden

    Neutral

    Der schweizerische Staat ist vielleicht neutral, Schweizer Firmen hingegen nicht oder kann mir jemand erklären warum die Credit Suisse (und auch Herr Blocher um den zu erwähnen) das Apartheid Regime in Südafrika finanziell unterstützt haben?

    • Cira am 21.11.2015 21:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Von wegen neutral

      Wenn man von Neutralität der Schweiz spricht, ist sie nur im Kriegsfall neutral.

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  • B. Statter am 21.11.2015 07:13 Report Diesen Beitrag melden

    Neutral?

    Und wann wurde die Neutralität wieder abgeschafft?

    • toine us züri am 21.11.2015 11:11 Report Diesen Beitrag melden

      Gute Frage

      Seit wir auf Druck der EU bei Sanktionen mitmachen, so z.B. ggü Russland. Warum eigentlich? Wir haben dabei nur zu verlieren.

    • Zürcher am 21.11.2015 22:29 Report Diesen Beitrag melden

      Die Neutralität wurde uns aufgezwungen

      Jetzt wollen uns Putinversteher wieder die Neutralität aufzwingen.

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  • rory am 20.11.2015 21:29 Report Diesen Beitrag melden

    Danke

    An alle, die sich jetzt über die Schweiz in der jetzigen Form, die Neutralität und alle anderen Dinge, die die Schweiz ausmachen Negativ äussern, denen sei gesagt, dass genau diese Dinge das ausmachen, dass sie heute diese Leserbriefe schreiben können. Es hätte auch anders laufen können aber in ihrer Selbstherrlichkeit und Dekadenz haben sie es nicht nötig, unseren Ahnen zu danken, dass sie diesen unseren Kleinstaat sicher durch zwei Weltkriege praktisch ohne Verluste geführt haben.

    • Landamman Stauffacher am 20.11.2015 23:32 Report Diesen Beitrag melden

      Bitte!...

      Wer äussert sich denn schon negativ über die Neutralität der Schweiz? Haben sie nur EIN Beispiel dazu? Bitte hier gleich anführen und Link setzen! Und dann wieder mal wegen der Ahnen... ja auch mein Grossvater musste sein Geschäft für den Aktivdienst aufgeben... wir haben trotzdem irgendwie einfach ziemlich Glück gehabt... und tun so, als ob dies ein wahnsinniger Verdienst wäre, als ob unsere Ahnen mehr wert wären, als die Ahnen von all den Ländern, welche in diesen zwei Kriegen unter die Räder kamen.

    • svpoleon der achte am 21.11.2015 07:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      denken vor schreiben

      unsere europäischen nachbarn sind in der nato und nicht neutral. man kann aber dort auch leserbriefe schreiben, sogar im tv an regierungskritischen sendungen auftreten.

    • Mama Leone am 21.11.2015 08:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Seit dankbar!

      @Rory, schön geschrieben, bin gleicher Meinung. Viele haben keine Ahnung wie gut es uns hier geht und haben das Gefühl es wäre selbstverständlich.

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