370 Jahre Westfälischer Friede

24. Oktober 2018 10:49; Akt: 28.10.2018 17:25 Print

War das die Geburt der unabhängigen Schweiz?

von Rolf Maag - Für Christoph Blocher erlangte die Schweiz mit dem Ende des 30-jährigen Krieges die Unabhängigkeit vom Deutschen Reich. Ein Historiker widerspricht.

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Der 30-jährige Krieg, der 1618 mit dem Prager Fenstersturz begann, dürfte im Deutschen Reich etwa sechs Millionen Menschen das Leben gekostet haben. Nach zähen Verhandlungen in Münster und Osnabrück endete er am 24. Oktober 1648. Weil die Tagungsorte in Westfalen liegen, spricht man vom Westfälischen Frieden.

Die Eidgenossenschaft war von diesem Gemetzel verschont geblieben. Sie hatte sogar davon profitiert, weil sie Lebensmittel in die kriegführenden Staaten hatte exportieren können. Dennoch war sie in Münster mit einer Delegation vertreten, die vom Basler Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein angeführt wurde. Warum?

Exemtion

Um das zu verstehen, müssen wir ins Jahr 1499 zurückblicken. Damals endete der Schwabenkrieg (in Deutschland heisst er Schweizerkrieg) zwischen der Eidgenossenschaft und dem Schwäbischen Bund mit dem Frieden von Basel. Dabei gestand Kaiser Maximilian I. den damals zehn eidgenössischen Orten eine Exemtion (Befreiung) vom Reichskammergericht zu. Sie konnten sich damit die Steuer sparen, mit der dieser Gerichtshof finanziert wurde. Ihre inneren Konflikte lösten die Eidgenossen lieber mit Vermittlungsverfahren oder Schiedsgerichten.

Wettstein hat Erfolg

Diese Exemtion galt aber nicht für Basel, Schaffhausen und Appenzell, die erst nach 1499 der Eidgenossenschaft beigetreten waren. Noch 1643 hatte das Reichskammergericht Basler Waren beschlagnahmen lassen. Wettstein wollte in Münster erreichen, dass für die drei jüngsten Kantone dasselbe Recht galt wie für die zehn älteren. Das gelang ihm: Schon im Herbst 1647 erliess Kaiser Ferdinand III. ein entsprechendes Dekret, das dann auch Eingang in den Friedensvertrag von Münster fand.

Unabhängigkeit?

Hatte sich die Eidgenossenschaft damit vollständig vom Deutschen Reich gelöst? Diese Ansicht vertrat Christoph Blocher, als er 1998 in einer Rede sagte: «Wettstein erreichte vor 350 Jahren durch seine diplomatische Mission bei Verkündung des Westfälischen Friedens die europäische Anerkennung der (für die meisten eidgenössischen Orte im Grunde seit den ‹Schwabenkriegen› von 1499 geltenden) Souveränität.»

Der Historiker Thomas Maissen ist damit nicht einverstanden. In seinem Buch «Schweizer Heldengeschichten» weist er darauf hin, dass in Stans und Sarnen noch um 1720 der doppelköpfige Reichsadler das Ratshaus schmückte. Die katholischen Orte der Innerschweiz sahen im Reich weiterhin eine Rückversicherung gegen die protestantischen, wirtschaftlich übermächtigen Stadtkantone Zürich, Bern und Basel.

Faktische Souveränität

Dennoch wird man Blocher darin recht geben müssen, dass das Reich fortan keinen nennenswerten Einfluss auf die eidgenössische Politik mehr hatte. Wie Maissens Kollege Volker Reinhardt in seiner «Geschichte der Schweiz» schreibt, waren es nur noch Rückzugsgeplänkel, wenn Organe des Reichs gegen eidgenössische Souveränitätserklärungen Protest einlegten. Er fügt hinzu: «Die Eidgenossenschaft war zweihundert Jahre nach dem Zürichkrieg, in dem sie erstmals festere Umrisse gewonnen hatte, zu einem unabhängigen Staat geworden: eine föderale Republik zwischen mächtigen Monarchien.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Didi Weidmann am 24.10.2018 13:37 Report Diesen Beitrag melden

    Die Schweiz gibt es erst seit 1848!

    Guter Artikel. Allerdings dürfte das ganze noch wesentlich komplexer sein. Eigentlich begann ein schweizerischer oder wie es damals hiess helvetischer Staat erst 1798 erstmals wirklich zu existieren - und zudem war die Helvetische Republik von 1798 sogar wohl eher nur ein Sattelitenstaat von Napoleons Frankreich. Eine wirklich eigenständige und selbständige Republik wurde die Schweiz tatsächlich erst 1848 mit der Gründung unseres heutigen Bundesstaates und erst mit dem Anschluss von Neuenburg durch den Pariser Vertrag von 1857 erlangte die Schweiz ihre heutigen Grenzen!

  • Rusty Bloom am 24.10.2018 19:04 Report Diesen Beitrag melden

    Romantisch

    Na, immerhin gehts nicht mehr so lange bis der Traum wieder zu Ende ist wenn ich mir die heutigen Politiker und der Schweizer Abstimmungen betrachte.

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  • Heidi Heidnisch am 24.10.2018 13:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zu welchem Preis?

    Im Artikel wird nicht erwähnt, warum der Schweiz diese Souveränität von den Deutschen geschenkt wurde. Sicher nicht, weil der Wettstein so ein Netter war.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Martin S. am 24.10.2018 20:35 Report Diesen Beitrag melden

    Heute ist nicht gestern

    Viel wichtiger als die Frage nach dem Ursprung ist doch die Frage der Gegenwart. Wir haben eine Schweiz in der wir heute und jetzt leben und die gar nicht mal so schlecht ist. Die Geschichte wird eh immer von ein paar wenigen geschrieben, aber die Gegenwart gehört uns! Also interessiert doch vor allem, was aus der Schweiz wird. WIR entscheiden das. Wir sind Teil der Schweiz, Wenn in der Schweiz was besser ist als im Rest von Europa, dann die direkte Demokratie, die Meinungsfreiheit und äh... ja das wars dann auch schon, doch das ist unsere Schweiz

  • LM AA am 24.10.2018 20:34 Report Diesen Beitrag melden

    Aufklärung nötig

    Wenn Maissen mit seiner Behauptung des Doppeladlers recht hat, muss man sofort Deutschland und Italien darüber aufklären, dass Deutschland eigentlich immer noch eine Provinz des Nachfolgers von Rom, nämlich Italien darstellt. Dies bedeutete, dass eigentlich nicht wie heute Deutschland über die EU Italien den Tarif durchgeben sollte, sondern umgekehrt. Dennoch sollte Maissen zur Kenntnis nehmen, dass die Schweiz keineswegs Teil des Reiches ist, da in der Schweiz sämtliche öffentliche Doppeladler eliminiert wurden.

  • Rusty Bloom am 24.10.2018 19:04 Report Diesen Beitrag melden

    Romantisch

    Na, immerhin gehts nicht mehr so lange bis der Traum wieder zu Ende ist wenn ich mir die heutigen Politiker und der Schweizer Abstimmungen betrachte.

    • Fraz am 24.10.2018 19:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Rusty Bloom

      So ist es. Wozu muss ich da die Jahreszahl so genau wissen. Was vorbei ist, ist vorbei. Am besten man denkt gar nicht darüber nach und erspart sich dieses Elend...

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  • d.J. am 24.10.2018 17:44 Report Diesen Beitrag melden

    Wie sich Populisten die Geschichte fehli

    Nationalstaatlichkeit und Religion haben in einer globalisierten Welt nichts verloren und nur wenn wir es schaffen die alten Muster zu durchbrechen werden wir irgendwann auf der ganzen Welt in Frieden und Luxus leben. Natürliche Grenzen wie Sprache oder regionale Eigenarten gehört es dabei zu erhalten und zu fördern. Aber vergesst das "Die Anderen" wir haben nur diese kleine Kugel alle zusammen.

  • Geissenpeter am 24.10.2018 16:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    immer diese Weltverbesserer

    die EU bringt Frieden, ohne Euro gäbe es keine Stabilität, ohne Schengen bräuchten wir noch einen Pass etc. alles nur Müll. Globalisierungspraxis (EU, Euro usw) ist eine Fehlkontruktion. So funktioniert die Welt nicht und darum wird es wieder Krieg geben!

    • Tempo am 24.10.2018 19:36 Report Diesen Beitrag melden

      Weltverschlechterer

      Nationalismus hat uns in zwei Weltkriege geführt. Verschränkte Märkte und gegenseitige Abhängigkeit hat uns seither davon bewahrt.

    • Confus am 24.10.2018 19:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Geissenpeter

      Fakt ist, dass es seit annähernd 2000 Jahren in Mitteleuropa nie eine so lange Friedenszeit gab. Hätten sich Deutschland und Frankreich unter anderem dank Adenauer nicht zusammengetan, wäre es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis einer der beiden erneut zu den Waffen gegriffen hätte.

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