Modell aus dem Mittelalter

20. März 2010 14:33; Akt: 26.03.2010 21:53 Print

Die Wurzeln des Zölibats

von Daniel Huber - Trotz der gehäuften Fälle von sexuellem Missbrauch will der Vatikan am Zölibat festhalten. Dabei hat die Zwangskeuschheit nicht nur geistliche Wurzeln.

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Seit 1139 kirchenrechtlich zur Ehelosigkeit verpflichtet: Katholische Priester

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Kaum ein Tag vergeht, ohne dass ein neuer Missbrauchs-Skandal die katholische Kirche erschüttert. Mittlerweile haben die Vorwürfe selbst den Heiligen Stuhl erreicht. Nicht wenige Kritiker sehen im Zölibat einen Hauptgrund für die Häufung von Missbrauchsfällen beim katholischen Klerus. Unlängst sagte selbst der österreichische Kardinal Christoph Schönborn, einer der engsten Vertrauten von Papst Benedikt XVI., bei der Frage nach den Ursachen sexuellen Missbrauchs gehöre «das Thema Zölibat» dazu.

Der Vatikan stellt sich allerdings taub: Noch am letzten Freitag hatte der Papst darauf hingewiesen, der Zölibat sei «ein heiliger Wert», «ein grosses Geschenk», das bewahrt werden müsse. Und am Sonntag doppelte Bischof Giuseppe Versaldi im vatikanischen Amtsblatt «L'Osservatore Romano» nach, zwischen Zölibat und den sexuellen Übergriffen durch Geistliche bestehe kein Zusammenhang.

Geldbussen für Konkubinen

Nicht einmal der — auch aufgrund des Zölibats — sich zusehends verschärfende Priestermangel kann den Vatikan von seiner strikten Haltung abbringen. Die zwangsverordnete Ehelosigkeit scheint der Kirche also am Herzen zu liegen. Das war indes nicht immer so. Erst seit dem Zweiten Laterankonzil (1139) gilt der Zölibat als unabdingbare Zugangsvoraussetzung (conditio sine qua non) für den Empfang der Priesterweihe. Noch bis zum Konzil von Trient (1545-1563), das den katholischen Klerus im Geiste der Gegenreformation disziplinierte, kam es jedoch durchaus vor, dass Priester mit ihren Konkubinen in einer festen Beziehung zusammenlebten. Die Kirche pflegte dieses ungebührliche Verhalten aber mit hohen Geldbussen zu ahnden.

Die Bemühungen, den Priesterstand zur Keuschheit zu verpflichten, reichen allerdings bedeutend weiter zurück. Das erste kirchliche Gesetz dazu wurde wohl schon um 306 auf der Synode von Elvira in Spanien erlassen; die entsprechende Praxis dürfte noch älter sein. In Elvira ging es freilich um ein Enthaltsamkeitszölibat; Priester durften demnach durchaus verheiratet sein, mussten aber nach der Weihe enthaltsam leben. Zu dieser Zeit spielte der Ehelosigkeitszölibat noch keine Rolle. Priesterehe und Priesterkonkubinat wurden besonders beim niederen Klerus in ländlichen Gebieten allgemein geduldet.

Entwicklung zur Ehelosigkeit

Im Hochmittelalter verschärfte die Kurie dann die Regeln schrittweise. 1022 ordnete Papst Benedikt VIII. auf der Synode von Pavia an, dass Priester künftig nicht mehr heiraten durften. 1059 wurde auf der Lateransynode beschlossen, dass Geistliche, die sich in einer festen Bindung befanden, keine Messe mehr zelebrieren durften. Dagegen protestierten, besonders in Deutschland, Angehörige des niederen Klerus, die vornehmlich davon betroffen waren. Die Entwicklung hin zum Ehelosigkeitszölibat schloss dann 1139 das erwähnte Zweite Laterankonzil ab, das unter anderem festlegte, dass verheirateten Geistlichen Amt und Besitz entzogen werden sollte.

Für die allmähliche Verschärfung der Regeln gibt es innerkirchliche und ökonomische Gründe. Ein innerkirchlicher Grund lag in der Cluniazensischen Reform und allgemein in den Kirchenreformen des 11. Jahrhunderts, die die Emanzipation der Kirche von den weltlichen Mächten vorantrieben. Die Reformer bekämpften die Laieninvestitur — am augenfälligsten im Investiturstreit mit dem Kaiser — und wandten sich zugleich gegen Missstände wie Ämterkauf oder eben Priesterkonkubinat. Ferner sollte die Ehelosigkeit wohl auch die ständische Abgrenzung des Klerus gegenüber den Laien verdeutlichen und verstärken.

Keine klerikalen Dynastien

Der ökonomische Grund für die Durchsetzung des Zölibats lag im Bedürfnis der Kirche, ihre Güter zusammenzuhalten und klerikale Dynastien zu verhindern. Da im Mittelalter die Vererbung von Ämtern durchaus üblich war, bestand für die Kirche die Gefahr, dass geistliche Pfründen im Laufe der Zeit in Familienbesitz übergegangen wären. Dem wurde mit dem Zölibat erfolgreich ein Riegel vorgeschoben: Mangels legitimer Priester-Söhne fiel der Kirchenbesitz immer wieder an die Kirche zurück. Möglicherweise ist der Zölibat daher einer der Faktoren, auf dem die enorme Zählebigkeit der römisch-katholischen Kirche beruht, die als Institution seit der Antike überdauert hat.

So gesehen handelt es sich um ein Erfolgsmodell aus dem Mittelalter — das der Kirche heute indes zunehmend Probleme bereitet.

Der Zölibat — spirituelle Notwendigkeit, Tradition oder alter Zopf? Ihre Meinung gehört ins TalkBack!

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Bianca Portner am 22.03.2010 11:10 Report Diesen Beitrag melden

    Naives Gedankengut

    Aufgrund der aktuellen Abgründe die sich da auftun wird einem mal wieder bestätigt wie weltfremd, naiv und vor allem HEUCHLERISCH diese ganze Truppe mit ihren Schäfchen ist. Die letzten Tage waren diverse Interviews zu hören, bei denen Kirchgänger zu den aktuellen Gegebenheiten befragt wurden, ich habe gedacht ich hör nicht richtig. Es ist doch eine absolute Frechheit wie dort gehandelt wird. Bei unserer linken und gläubigen Politik wird es dann nicht verwunderlich sein wenn die lieben Pädophilen * einfach die Gemeinde wechseln und NICHTS weiter zu befürchten haben! Jaja Gott schaut auf alle ;

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  • Markus Hübscher am 23.03.2010 08:28 Report Diesen Beitrag melden

    und tschüss

    Wer nicht mit der Zeit geht - geht mit der Zeit. Die Katholiken sind sich am Verabschieden - gut so!

  • Peter Stutz am 22.03.2010 10:18 Report Diesen Beitrag melden

    Schafft endlich die Religionen ab !!!

    Das ganze ist ja so ein verlogenes System ! Die Kirche wusste von allem und hat's einfach unter den Teppich gekehrt ! Das ganze ist ja so verlogen ! Denkt einmal zurück an die Verfolgungen im Mittelalter ! Führt Euch mal vor Augen, wieso es so viele Kriege gibt ! 90% davon ist wegen diesen verlogenen Religionen ! Schafft diese endlich ab und der Welt würde es bedeutend besser gehen !!! Wäre ich nicht schon aus der Kirche ausgetreten, würde ich dies umgehend machen oder soll ich mit meinen Steuern, ein solche vorgehen noch unterstützen ??? SICHER NICHT !!!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • db3 am 28.07.2010 23:50 Report Diesen Beitrag melden

    Das Zölibat hat KEINE geistlichenWurzeln

    denn in der Bibel steht: Wer ein Hirte sein will, begehrt ein vorteffliches Amt. Er muss Mann einer Frau sein, seine Kinder müssen untadelig sein, usw., dann kommen noch weitere Anforderungen. Und begründet wird das Ganze damit, dass wer nicht verheiratet ist und Kinder hat, also nicht Erfahrung hat, einer Familie vorzustehen, erst recht nicht fähig ist, einer Gemeinde (Kirche) vorzustehen.GeistlicheWurzeln für das Zölibat sucht man also vergebens. Wer gegen Gottes Willen handelt, muss sich nicht wundern, wenn derSegen ausbleibt. Darum die Übergriffe,denn sie entblößen die DekadenzDesZölibats!

  • christian@macek.ch am 03.04.2010 03:30 Report Diesen Beitrag melden

    es gibt nur eine Lösung: austreten

    »Da hilft kein Zorn. Da hilft kein Spott. Da hilft kein Weinen, hilft kein Beten. Die Nachricht stimmt! Der liebe Gott ist aus der Kirche ausgetreten.« 11

  • andré gubelmann am 27.03.2010 21:27 Report Diesen Beitrag melden

    Zölibat im Jahr 2010

    Durch das Zölibat wird der natürliche sexuelle Trieb nicht aufgehoben sondern nur verschoben.Deshalb kommen die sexuellen Abarten so häufig bei den kath.Kirchenführer vor.Will die kath. Kirche das weglaufen ihrer Schafe verhindern muss Sie das Zölibat schnellstens abschaffen,bevor es zu spät ist.Die kath.Kirche wird wahrscheinlich an der Sturheit der Bischöfe,Kardinäle und Papst scheitern.

  • Linda Bachmann am 27.03.2010 13:58 Report Diesen Beitrag melden

    Christkatholisch ist die Lösung!

    Katholisch bleiben, aber ohne Papst & Zölibat? Das geht ganz einfach mit einem Übertritt zur dritten Landeskirche, den Christkatholiken. Einfach mal googeln...

  • Anwi am 26.03.2010 13:44 Report Diesen Beitrag melden

    Probleme schieben bis zum Gehtnichtmehr.

    Frauenrechte (Rassismus) alle Probleme in der Kirche werden nicht gelöst, sondern von der Obrigkeit geschoben und wahrscheinlich auch nie aufgehoben. Es ist eine verkrampfte Zurückschreitung festzustellen auch bei Jungpriestern. Gehorsam nicht Denken ist das höchste Gebot. Der Geist kann nicht wehen wo er will. Staumauern nützen langfristig wenig, das Wasser vermodert. Sünde lässt grüssen, hilft zur Machtausübung.