Vor 150 Jahren

17. März 2011 11:14; Akt: 17.03.2011 11:16 Print

Die schwere Geburt Italiens

von Rolf Maag - Am 17. März 1861 bestieg Viktor Emanuel II. den Thron des neu gegründeten Königreichs Italien. Manche sehen darin keinen Anlass zum Feiern.

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Infografik: Die Einigung Italiens

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Vor 14 Jahren riet Umberto Bossi seinen Anhängern, sie sollten die italienische Flagge als Toilettenpapier verwenden, und wurde dafür zu 16 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Die Fahne nämlich ist in Italien ähnlich sakrosankt wie in den USA. Dass der Chef der separatistischen «Lega Nord» ein gestörtes Verhältnis zum italienischen Staat hat, wird niemanden erstaunen. Doch offenbar denken andere ähnlich, beispielsweise der Südtiroler Landeshauptmann Luis Durnwalder von der SVP (Südtiroler Volkspartei), der unlängst am Radio verlauten liess: «‹Es lebe Italien›, das kommt mir niemals über die Lippen.» Lässt sich diese Skepsis aus der Geschichte des Landes erklären?

Bündnis mit Frankreich

Um 1850 war Italien ähnlich wie Deutschland in mehrere Staaten zersplittert; wichtige Gebiete wie die Lombardei, Venetien, Modena und die Toskana standen sogar unter österreichischer Fremdherrschaft. Allerdings hatte das Bewusstsein der sprachlichen und kulturellen Gleichartigkeit zur Gründung mehrerer Bewegungen geführt, die die nationale Einheit als Ziel verfolgten, etwa Giuseppe Mazzinis 1831 in Marseille ins Leben gerufener Geheimbund «Giovane Italia» (Junges Italien). Im Sommer 1833 unternahm diese Organisation sogar einen Umsturzversuch, der aber kläglich scheiterte.

Aussicht auf Erfolg hatte das Projekt erst, als sich der wirtschaftlich und politisch fortschrittlichste italienische Staat, das Königreich Sardinien-Piemont, seiner annahm. Ministerpräsident war dort seit dem November 1852 Graf Camillo di Cavour. Im Juli 1858 schloss dieser ein Geheimabkommen mit dem französischen Kaiser Napoleon III., einem Neffen Napoleons I. Es sah vor, dass die Franzosen Waffenhilfe im Kampf gegen die Österreicher leisten, dafür aber das italienischsprachige Nizza und Savoyen erhalten sollten.

Tatsächlich kam es im Sommer 1859 zum Krieg, nachdem Sardinien-Piemont ein österreichisches Ultimatum, das die sofortige Abrüstung der königlichen Armee verlangte, nicht beantwortet hatte.

Das Ziel wird verfehlt

Im Juni besiegten die französischen und sardisch-piemontesischen Truppen ihre österreichischen Gegner in den Schlachten bei Magenta und Solferino. Gleichzeitig führten Aufstände in Mittelitalien zum Sturz mehrerer Regierungen. Doch im Juli scherte Napoleon III. plötzlich aus dem Bündnis mit Sardinien-Piemont aus und bot dem österreichischen Kaiser Franz Joseph einen Waffenstillstand an. Der französische Monarch wollte zu diesem Zeitpunkt gar keinen italienischen Nationalstaat, sondern lediglich eine lose Konföderation italienischer Staaten, in der der Papst formal das Sagen haben sollte. Im Friedensvertrag von Zürich, der am 10. November 1859 unterzeichnet wurde, musste Österreich zwar die Lombardei an Sardinien-Piemont abtreten, behielt aber Venetien, Modena und die Toskana. Cavour war alles andere als zufrieden.

Das Volk will die Einigung

Doch in Mittelitalien gärte die revolutionäre Bewegung weiter, zumal sie über reichlich Waffen verfügte, die Sardinien-Piemont geliefert hatte. Im März 1860 stimmte Napoleon III. daher Volksabstimmungen in den Regionen Romagna, Toskana, Parma und Modena zu; sie erbrachten allesamt überwältigende Mehrheiten für den Anschluss an das Königreich Sardinien-Piemont, das nun ganz Oberitalien ausser Venetien und Mittelitalien mit Ausnahme der Besitzungen des Kirchenstaates umfasste. Man war dem Ziel der Einigung also wesentlich nähergekommen, doch erreicht war es noch lange nicht.

Garibaldis Eroberungsfeldzug

In dieser Situation trat der aus Nizza stammende Giuseppe Garibaldi auf den Plan, ein überzeugter Republikaner und Veteran der Bewegung Mazzinis. Am 6. Mai 1860 brach er an der Spitze einer Truppe von Freiwilligen von Genua aus zum legendären «Zug der Tausend» gegen das reaktionäre Königreich beider Sizilien auf, unter dessen Herrschaft fast ganz Süditalien stand. Nachdem er zunächst Sizilien erobert hatte, setzte er über die Strasse von Messina auf das Festland über; am 7. September 1860 zog er triumphal in Neapel, der Hauptstadt des Königreichs, ein.

Ein Land ohne Zusammenhalt

Die politische Einheit (bis auf Venetien und die Reste des Kirchenstaates, die 1866 bzw. 1870 dazukamen) war nun hergestellt, doch hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung und des durchschnittlichen Bildungsstandes lagen Welten zwischen Nord und Süd. Auf dem Territorium des ehemaligen Königreiches Sardinien-Piemont hatte sich bereits in früheren Jahren die Industrie vielversprechend entwickelt, während im Süden, besonders im Herrschaftsbereich des früheren Königreichs beider Sizilien, weiterhin Grossgrundbesitzer, Kleinbauern und Landarbeiter das Bild prägten. In diesen Gebieten konnten zur Zeit der italienischen Einigung höchstens 15 Prozent der Menschen lesen und schreiben, während die Alphabetisierungsquote im Norden bei immerhin 50 Prozent lag. Obwohl in den folgenden Jahrzehnten ein straff organisierter Zentralstaat nach dem Vorbild Frankreichs geschaffen wurde, verschwanden die Gegensätze zwischen den Regionen keineswegs. Bis heute fühlt sich der Norden vom auf Subventionen angewiesenen Süden ausgesaugt, der Süden vom reichen Norden übervorteilt. Es verwundert daher nicht, dass die Lega Nord inzwischen nicht mehr die einzige Regionalpartei ist, die sich grosser Popularität erfreut; auch Sizilien wird derzeit von einer «Bewegung für Autonomie»regiert, und weitere Südligen dürften bald folgen.
Übrigens: Der 17. März ist in Italien kein gesetzlicher Feiertag, doch nach endlosen Streitereien konnte sich die Regierung Berlusconi doch noch zu einem Dekret durchringen, das den 150. Jahrestag der Staatsgründung wenigstens zum arbeitsfreien Tag erklärt.