Römer in China

27. November 2010 13:59; Akt: 27.11.2010 14:21 Print

Die verlorene Legion

DNA-Tests zeigen, dass Bewohner eines Dorfes in China von Europäern abstammen. Eine umstrittene Theorie behauptet, dass es sich bei den Vorfahren um römische Legionäre handelt.

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Römische Legionäre in Schildkrötenformation - angeblich wird eine solche in einer chinesischen Quelle erwähnt.

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Homer Dubs, ein Professor für chinesische Geschichte an der Universität Oxford, formulierte die Theorie in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Sie bezieht sich auf die Schlacht bei Carrhae in der heutigen Türkei, in der das römische Reich unter dem Kommando von Marcus Licinius Crassus 53 v. Chr. gegen die Parther eine seiner schlimmsten Niederlagen erlitt. Etwa 20 000 Legionäre wurden getötet und 10 000 als Gefangen ins Partherreich in Zentralasien gebracht, wo sie laut dem Historiker Plinius Zwangsarbeit leisten mussten.

Im Jahr 36 v. Chr später kam es im heutigen Kasachstan zu einer Schlacht zwischen einem Nomadenvolk und Han-Chinesen. Eine chinesische Quelle, auf die sich Dubs bezog, berichtet von rund hundert Männern, die in «Fischschuppen-Formation» kämpften. Dubs glaubte, dass es sich um die römische Schildkrötenformation (Testudo) und bei den Männern um ehemalige Carrhae-Gefangene gehandelt haben könnte. Sie seien von den Chinesen gefangen genommen worden und hätten später das Dorf Liqian am Rand der Wüste Gobi im Nordwesten Chinas, unweit der legendären Seidenstrasse, gegründet.

Helle Haut und blaue Augen

Die Theorie stiess überwiegend auf Ablehnung, bis chinesische Archäologen in den 90er Jahren in Liqian auf Überreste einer antiken Festungsanlage stiessen, die eine «verblüffende Ähnlichkeit» mit römischen Verteidigungsstrukturen hatte, so die Zeitung «China Daily». Mehr noch: Im Dorf lebten einige Menschen mit heller Haut, blondem Haar, blauen oder grünen Augen und einer langen Nase. Ein DNA-Test bei einem dieser Bewohner, der von seinen Freunden nur Cai Luoma (Cai der Römer) genannt wird, ergab, dass sein Erbgut zu 56 Prozent kaukasischen – also europäischen – Ursprungs ist.

Nun gab es zwischen dem Imperium Romanum und dem chinesischen Kaiserreich tatsächlich einen intensiven Handel über die Seidenstrasse. Rom bezog Seide aus China und lieferte Luxusgüter wie Glaswaren. Belegte persönliche Kontakte fanden allerdings erst im 2. Jahrhundert n. Chr. statt, als eine römische Delegation China besuchte, und somit lange nach Carrhae. Experten des neu gegründeten Zentrums für italienische Studien an der Universität Lanzhou wollen nun gemäss «China Daily» Ausgrabungen entlang der Seidenstrasse durchführen, um nach Spuren von römischen Legionären zu suchen.

Waren es die Hunnen?

Allerdings stösst die Theorie der «verlorenen Legion» noch immer auf Ablehnung. Yang Gongle, ein Professor in Peking, verwies darauf, dass es entlang der Seidenstrasse «viele Möglichkeiten für transnationale Verbindungen gab». Liqian sei zudem bereits 104 v Chr. gegründet worden, mehr als ein halbes Jahrhundert vor der angeblichen Ankunft der römischen Soldaten. Der DNA-Test sei nicht unbedingt ein Beleg für römische Vorfahren.

Andere Experten verweisen darauf, dass es unter den Hunnen, die in den ersten Jahrhunderten nach Christus in Asien und Europa Angst und Schrecken verbreiteten, auch Menschen kaukasischer Herkunft gab. Maurizio Bettini, ein Anthropologe an der Universität von Siena, bezeichnete die Theorie gegenüber «La Repubblica» als «Märchen». Um sie zu stützen, müsse man Gegenstände wie römische Waffen oder Münzen finden. «Ohne einen derartigen Beweis ist die Geschichte der 'verlorenen Legion' nur eine Legende.»

(pbl)