Sprachkritik

13. Oktober 2018 18:19; Akt: 15.10.2018 16:00 Print

Diese Ausdrücke sollten Sie nicht gebrauchen

von Rolf Maag - Unsere Sprache ist von Modewörtern und -wendungen durchsetzt. Einige davon sind problematisch, andere inhaltsleer.

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Die menschliche Sprache unterscheidet sich von tierischen Signalsystemen durch ihre Kreativität. Aus einer begrenzten Anzahl von Lauten und Wörtern können wir potenziell unendlich viele Sätze bilden. Wir machen einen unendlichen Gebrauch von endlichen Mitteln, wie der Sprachphilosoph Wilhelm von Humboldt (1767–1835) sagte.

Doch manche scheinen diesen Reichtum der Möglichkeiten als Belastung zu empfinden. Man liest heute nur noch «Das ist ein No-go», wo man ebenso gut «Das geht gar nicht» oder «Das liegt nicht drin» sagen könnte. Gewisse Sachverhalte werden bis zum Überdruss durch die immer gleichen Wendungen ausgedrückt. Die meisten dieser Moden sind harmlos, doch einige haben einen problematischen Hintergrund.

Der innere Schweinehund

«Überwinden Sie Ihren inneren Schweinehund!» So fordern uns Fitnessstudios regelmässig dazu auf, unsere Trägheit zu überwinden und endlich von ihren grosszügigen Angeboten Gebrauch zu machen. Ein «Schweinehund» ist laut dem Duden ein «niederträchtiger Kerl» oder «Lump». Muss man unsere Abneigung dagegen, stundenlang Gewichte zu stemmen oder auf einem Laufband zu keuchen, wirklich so derb beschimpfen? Würde «Überwinden Sie Ihre Trägheit!» nicht auch reichen?

Der Ausdruck «den inneren Schweinehund überwinden» kam unter deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg auf. Offensichtlich war gemeint, dass man die (nur allzu verständliche) Angst vor Kampfeinsätzen beiseiteschieben solle. Einige Jahre zuvor gebrauchte der SPD-Politiker Kurt Schumacher diese Wendung auf viel nachvollziehbarere Weise. Am 23. Februar 1932 sagte er im Reichstag: «Die ganze nationalsozialistische Agitation ist ein dauernder Appell an den inneren Schweinehund im Menschen.» In Personen, die der Weltanschauung der Nazis etwas abgewinnen können, wohnt wahrscheinlich wirklich ein Schweinehund.

Tragisch

«Lady Diana kam durch einen tragischen Unfall ums Leben.» Diesen Satz konnte man seit 1997 wahrscheinlich Tausende von Malen lesen. Überhaupt scheinen heute nur noch Verkehrsunfälle tragisch zu sein. Eigentlich bezeichnet das Adjektiv «tragisch» aber die Situation, in der sich der Protagonist einer Tragödie befindet, und die hat etwas mit einem unlösbaren Konflikt zu tun.

Als Beispiel kann der Mythos von Orest dienen, den der athenische Dichter Aischylos im 5. Jahrhundert vor Christus in drei Tragödien behandelte. Orests Vater Agamemnon ist von seiner Gattin Klytaimnestra ermordet worden. Orest ist nun nach griechischer Auffassung dazu verpflichtet, seinen Vater zu rächen, kann das aber nur tun, indem er seine Mutter tötet, was als schlimmstes Verbrechen überhaupt gilt. Orest macht sich schuldig, wie auch immer er handelt. Diese Situation ist tragisch. Verkehrsunfälle sind schrecklich oder furchtbar, tragisch sind sie gewiss nicht.

Hinrichten

«Der IS hat erneut eine Geisel hingerichtet.» Diese Meldung war in vielen Zeitungen zu lesen, wenn der «Islamische Staat» wieder einmal jemanden ermordet hatte. Zweifellos erinnerten die Opfer in ihrer Wehrlosigkeit an Verurteilte, die zur Hinrichtung geführt werden. Doch eine Hinrichtung setzt ein zumindest rudimentäres rechtsförmiges Verfahren voraus, wie der Linguist Hans-Martin Gauger bemerkt.

Hinrichtungen sind zwar etwas Scheussliches, worauf jeder zivilisierte Staat verzichten sollte. Sie können aber nur von Gerichten legitimer Staaten angeordnet werden, und zwar nach einem Prozess, der diesen Namen auch verdient. Wer dem IS also Hinrichtungen zugesteht, hat ihn eigentlich schon anerkannt. Wer das nicht tun will, sollte seine Taten als das bezeichnen, was sie sind: Morde.

Sprachbewusstsein

Natürlich könnte man sagen, dass diese Wendungen Bestandteile des gegenwärtigen Sprachgebrauchs und somit nicht zu kritisieren seien. Doch es kann nie schaden, wenn wir uns nicht nur überlegen, was wir sagen, sondern uns auch Gedanken darüber machen, wie wir es sagen. Wer sich nicht klar ausdrücken kann, kann meistens auch nicht klar denken.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • rolf schpbach am 13.10.2018 18:26 Report Diesen Beitrag melden

    inhaltsleer?

    Nicht nur Ausdrücke können inhaltsleer sein. Dieser Beitrag schafft das auch problemlos...

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  • Michi am 13.10.2018 18:45 Report Diesen Beitrag melden

    Ich soll...

    möglichst schnell sprechen und laufen lernen, um dann im Leben zu kriechen und die Schnauze zu halten? Und wie Dinge zu sein scheinen, ist auch immer eine Frage der Perspektive und des Bewusstseins.

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  • Danilo am 13.10.2018 19:10 Report Diesen Beitrag melden

    Deutsch für alle

    Mich deucht, es ist wahrlich frohlockend und anmutend zugleich, wenn wir uns der Bedeutung der Sprache widmen

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Peter Müller am 15.10.2018 18:19 Report Diesen Beitrag melden

    Quant

    Inhaltsleer ist das häufige "vor Ort", das eigenlich nicht Vor dem Ort, sondern nur "da" oder "dort" meint. Recht haben oft Politiker, die ihr Handeln als "Quantensprung" bezeichnen. Das ist in der Physik die kleinstmögliche Energie-Umsetzung, die zudem nur zufällig passiert ;-)

  • Daisydream am 15.10.2018 13:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bitte nicht

    Wenn man gegen die Todesstrafe ist, ist auch eine gerichtlich angeordnete Hinrichtung Mord. Müssen wir denn nun neben der politischen Korrektheit, auf gut Deutsch Maulkorb, auch noch jedes Wort auf die Goldwaage :))) legen und stundenlang darüber philosophieren?

  • Adrian am 14.10.2018 23:57 Report Diesen Beitrag melden

    Quantensprung

    Nicht zu vergessen: Der Quantensprung. Ein Quantensprung ist die kleinst mögliche Zustandsänderung.

    • Peter Müller am 15.10.2018 18:21 Report Diesen Beitrag melden

      Richtiger Quant.

      Wird zu Recht von Politikern als das Ergebnis ihrer Bemühungen angegeben ;-) Auch tritt diese kleinste Energie-Manifestation nur zufällig auf.

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  • Martial2 am 14.10.2018 19:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hat man seine Sprache verlernt?

    Ich bin der Meinung, dass man in jeder Sprache die geeigneten Wörter benutzen sollte. Cool, Freak, wir gehen fooden das ist schon ein Zeichen von NULL Kultur !

  • Martial2 am 14.10.2018 19:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wirklich Wurst...

    Eigentlich ein sehr langes Referat um nicht viel zu sagen... Alle kennen diese Ausdrücke, ob gemein oder lustig...