Vor 100 Jahren

28. Juni 2019 17:38; Akt: 28.06.2019 17:38 Print

Ein Frieden, der zu einem Krieg führte

von Rolf Maag - Der Frieden von Versailles wurde am 28. Juni 1919 geschlossen. Doch der Vertrag enthielt Stoff für künftige Konflikte.

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Der Spiegelsaal von Versailles, wo am 28. Juni 1919 das Deutsche Reich und die Alliierten mit einem Friedensvertrag den Ersten Weltkrieg endgültig abschlossen, war ein symbolträchtiger Ort. Dort war am 18. Januar 1871 das Kaiserreich proklamiert worden, nachdem Preussen und seine Verbündeten Frankreich besiegt hatten.

Auch das Datum weckte ungute Erinnerungen: Genau fünf Jahre zuvor hatte der serbische Separatist Gavrilo Princip in Sarajevo den österreichischen Thronfolger erschossen und damit den Anlass für den Ersten Weltkrieg geliefert.

Harte Bedingungen

Für die Deutschen wurde es höchste Zeit, dass endlich stabile Bedingungen einkehrten. Viele von ihnen hungerten nach wie vor, weil die Briten ihre Seeblockade auch nach dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 aufrechterhalten hatten. Zudem drohte ein alliierter Einmarsch, wenn sich die deutsche Regierung nicht kooperationsbereit zeigte.

Im Friedensvertrag wurde festgelegt, dass Deutschland sämtliche Kolonien und rund ein Siebtel seines eigentlichen Territoriums abzutreten hatte. Dazu gehörten das 1871 annektierte Elsass-Lothringen, Posen und Westpreussen. Zudem musste es zehn Jahre lang jährlich rund 40 Millionen Tonnen Kohle an Frankreich, Belgien, Luxemburg und Italien liefern.

Das Heer wurde auf 100'000 Mann beschränkt, U-Boote, Panzer und Kampfflugzeuge waren Deutschland nicht mehr erlaubt. 1921 kamen noch Reparationen von 132 Milliarden Goldmark (heute 350 Milliarden Franken) dazu.

Empörung

Ein Aufschrei der Entrüstung gellte durch Deutschland. Dafür waren nicht nur die harschen Konditionen verantwortlich, sondern auch Artikel 231 des Vertrags, der Deutschland die Alleinschuld am Krieg gab. «Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in diese Fesseln legt?», rief der kurz zuvor zurückgetretene Ministerpräsident Philipp Scheidemann (SPD) aus.

Dabei hätte gerade Scheidemann zur Aufklärung beitragen können, wenn er die Dokumente veröffentlicht hätte, die sein Parteikollege Karl Kautsky gesammelt hatte. Sie zeigten, dass die deutschen Politiker und Militärs 1914 sehr wohl kriegsbereit gewesen waren und eine erhebliche (wenn auch nicht die alleinige) Verantwortung für den Ausbruch des Konflikts trugen.

So hätte er die Deutschen von der Illusion befreien können, der Krieg sei ihnen von den anderen Mächten aufgezwungen worden. Zudem übersah man, dass das Deutsche Reich im Separatfrieden von Brest-Litowsk (März 1918) mit dem besiegten Russland noch wesentlich gnadenloser umgegangen war.

Wahlkampfschlager

So entwickelte sich die «Schmach von Versailles» in den 1920er-Jahren zu einem wahren Wahlkampfschlager für die rechten Parteien Deutschlands. Sie alle versprachen, die Bedingungen des Friedensvertrags rückgängig zu machen. Der Lauteste von ihnen war Adolf Hitler, der am 30. Januar 1933 schliesslich an die Macht gelangte.

Übrige Verlierer

Nicht nur Deutschland, sondern auch seine Verbündeten Österreich, Ungarn, Bulgarien und die Türkei mussten 1919 harte Friedensbedingungen akzeptieren. Besonders übel erging es Ungarn, das etwa 70 Prozent seines Territoriums verlor, darunter Siebenbürgen, Kroatien und die Slowakei. Ungarische Nationalisten sind noch heute empört darüber. Mit Ausnahme der Türkei verloren alle diese Länder auch den Zweiten Weltkrieg an der Seite Deutschlands.

Ein Frieden, der zu einem Krieg führte