Escholzmatt LU

04. Oktober 2010 16:29; Akt: 04.10.2010 17:30 Print

Eine Liebe mit tragischen Folgen

Eine Scheidung war 1945 noch eine Schande. Erst recht, wenn die Gattin des angesehenen Dorfarztes sie verlangte - wegen eines internierten Wehrmachtoffiziers.

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Der in der Schweiz internierte Wehrmachtoffizier Karl Michel und Martina geniessen in vollen Zügen den Sommer in Weesen am Walensee. (Bild: Aus dem Buch von Andrea Blunschi / Chronos Verlag)

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«Ich tanzte nur einen Sommer»: Hinter diesem schwermütigen Satz, den ihr «Grosi», nach früher befragt, immer wieder sagte, musste sich ein grosses Geheimnis verbergen. Deshalb begab sich Andrea Blunschi nach dem Tod ihrer Grossmutter Martina Bucher (1915-2003) auf die Spurensuche.

Dabei stiess die 33-jährige Blunschi in einer Schachtel, die ihre Grossmutter hinterlassen hatte, auf Briefe und ein Tagebuch. Sie sprach mit Verwandten und Bekannten, besuchte Archive und setzte die Informationen zur Collage zusammen, die jetzt als spannend zu lesendes Buch vorliegt: «Die Frau des Dorfarztes und der Wehrmachtoffizier» (siehe Info-Box).

Kurzes verbotenes Glück

In der Schachtel fand die Autorin auch «wunderschöne Bilder von Martina und einem Mann, ihrem Geliebten, meinem Grossvater Karl Michel». Entstanden sind die Bilder 1945 in Weesen am Walensee SG, wo ihre Grossmutter den Sommer lang «tanzte» und die glücklichste Zeit ihres Lebens verbrachte.

Dieser Sommer hat das Leben Martina Buchers grundlegend verändert. 1938 hatte Martina in Escholzmatt im Entlebuch LU den Dorfarzt Hugo Fischer geheiratet. Es war die Hochzeit des Jahres, aber das Glück hielt nicht lange. Martina fühlte sich zunehmend eingeengt und suchte auswärts nach Abwechslung. Sie lernte 1945 in Luzern Karl Michel, der als Offizier der deutschen Wehrmacht in Weesen interniert war, kennen.

Im Juni 1945 verlangte Martina die Scheidung, ihr Mann führte ein Scheidungstagebuch, das der Autorin als wichtige Quelle dient. Ein Jahr später kam Martinas und Karls Tochter Diana, die Mutter der Autorin, zur Welt. Die erste Zeit verbrachte sie mit Martina, 1948 allerdings kam sie in eine Pflegefamilie im Kanton Aargau.

Martina hatte alles verloren: Diana, ihren Geliebten Karl, der nach Deutschland zurückkehrte, und die drei Kinder, die sie mit Hugo hatte. Ihre Versuche, sich ihrer ehemaligen Familie wieder anzunähern, wurden unterbunden.

Turbulentes Frauenschicksal

Andrea Blunschi gelingt es, ein aussergewöhnlich turbulentes Frauenschicksal spannend zu erzählen. Was sie vorlegt, ist keine billige Liebesgeschichte, sondern eine facettenreiche und hervorragend dokumentierte Sozialstudie.

Die Autorin wirft ein differenziertes Licht auf die schweizerische Nachkriegsgeschichte, insbesondere auf das Leben eines Menschen, der sich ausserhalb der moralischen Norm bewegte, und auf die Gesellschaft, die ablehnend darauf reagierte. Martina tanzte nicht nur einen Sommer, sie hatte wesentlich mehr erlebt - und erkämpft.

(sda)