Katholische Psychiatrie

12. Mai 2012 11:00; Akt: 12.05.2012 12:23 Print

Erst missbraucht, dann kastriert

von Daniel Huber - Henk Heithuis wurde jahrelang von Priestern missbraucht. Als er sich wehrte, wurde er kastriert. Über 50 Jahre später holt die Vergangenheit die katholische Kirche in den Niederlanden ein.

storybild

Die Kinder der Familie Heithuis 1939 mit Henk (2.v.l.)(Bild: PD)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Kaum jemand kannte Henk Heithuis, als er am 28. Oktober 1958 erst 23-jährig bei einem Autounfall ums Leben kam. Heute, über 50 Jahre nach seinem frühen Tod, wird das traurige Schicksal des Niederländers in der internationalen Presse – vom «Spiegel» über die FAZ bis zum «Telegraph» – ausgiebig beleuchtet.

Das Interesse der Medien hat einen Grund: Der Name des jungen Mannes steht im Zentrum eines Skandals, der die römisch-katholische Kirche in den Niederlanden in Verlegenheit bringt und mittlerweile auch die Politik beschäftigt. Denn Heithuis, der nahezu sein gesamtes Leben in katholischen Heimen und Internaten verbrachte, wurde dort nicht nur sexuell missbraucht – die Kirche veranlasste auch seine Kastration; angeblich, um seine Homosexualität zu heilen.

Aus dem Beichtstuhl zum Chirurgen

Schlimmer noch: Der unglückliche Heithuis war womöglich nur eines von mehreren Kastrationsopfern. Das vermutet zumindest der Journalist Joep Dohmen, der Mitte März mit seinem Artikel in der niederländischen Zeitung «NRC Handelsblad» die Sache ins Rollen brachte. Dohmen fand Hinweise auf insgesamt zehn weitere Fälle, konnte dazu aber keine offiziellen Dokumente vorlegen. Es habe wohl viel mehr solche Fälle gegeben, sagte Dohmen dem Sender «Omroep Brabant», doch es sei sehr fraglich, ob diese Opfer – inzwischen allesamt alte Männer – sich jetzt noch melden würden.

Dass sich hier nur die Spitze eines Eisbergs abzeichnet, dafür sprechen auch die Aussagen von zwei Chirurgen, die von dem Professor für Medizingeschichte Mart van Lieburg befragt wurden. Van Lieburg erklärte im April vor der Zweiten Kammer des niederländischen Parlaments, die Chirurgen seien in den 50er- und 60er-Jahren von einem katholischen Bischof dazu gedrängt worden, homosexuelle Jugendliche und Männer zu kastrieren. Zudem sollen Priester homosexuelle Jugendliche sozusagen direkt aus dem Beichtstuhl zum Chirurgen geschickt haben.

Dubiose Lücken im Schlussbericht

Politische Brisanz gewinnt der Fall Heithuis überdies, weil er ein schiefes Licht auf die Kommission Deetman wirft, die im Auftrag der katholischen Kirche zehntausende von Missbrauchsfällen von 1945 bis 2010 untersucht hatte. Obwohl die Kommission schriftlich auf den Fall Heithuis hingewiesen wurde, wird er im Schlussbericht vom Dezember 2011 nicht erwähnt. Ebensowenig wird im Schlussbericht der Deetman-Kommission Licht auf die möglicherweise dubiose Rolle von Victor Marijnen geworfen. Der Politiker der damaligen Katholischen Volkspartei (KVP) und spätere Premierminister sass bis 1959 im Verwaltungsrat des Internats, in dem Heithuis und Dutzende andere Schüler missbraucht wurden. Gemäss Journalist Dohmen soll sich Marijnen 1958 für die Begnadigung von Ordensbrüdern eingesetzt haben, die wegen sexuellem Missbrauch verurteilt waren.


Heithuis kurz vor seinem Tod (Bild: PD)

Die menschenverachtende Behandlung des Zöglings Heithuis wäre ohne Cornelius und IJsbrand Rogge wohl nie ans Licht der Öffentlichkeit gekommen. Die heute 79 und 82 Jahre alten Brüder lernten Heithuis 1957 kennen. Der durch die Kastration physisch und psychisch gezeichnete junge Mann erzählte ihnen seine erschütternde Lebensgeschichte: Wie er als Pflegekind in katholischen Heimen aufgewachsen war. Wie er im Internat Harreveld zwischen 1951 und 1954 immer wieder missbraucht worden war. Wie er Anfang 1956 schliesslich aufbegehrte und Anzeige gegen die Patres erhob – worauf man aus dem Opfer einen Täter machte und ihn in die römisch-katholisch geführte psychiatrische Einrichtung Huize Padua einwies. Und wie er dann im St. Joseph-Krankenhaus in Veghel kastriert wurde. Heithuis war zu diesem Zeitpunkt erst 20 Jahre alt und nach damals geltendem Recht noch minderjährig.

«Da war nichts mehr da, da unten»

Wie gründlich man den jungen Mann «behandelt» hatte, sahen die Brüder Rogge, als er ihnen einmal seine vestümmelten Genitalien zeigte. «Er liess seine Hose runter, und da war tatsächlich nichts mehr da, da unten», erzählte Cornelius Rogge in der TV-Sendung «Nieuwsuur». 1957 verklagte Heithuis die psychiatrische Einrichtung Huize Padua wegen der Kastration. Die Klage war noch hängig, als er im Jahr darauf bei einem Autounfall starb. Nach seinem Tod versuchten die Gebrüder Rogge jahrzehntelang, die Geschichte publik zu machen – doch niemand wollte ihnen glauben. Erst Joep Dohmen, der schon mehrere Artikel über Missbrauch in der katholischen Kirche veröffentlicht hat, begann ernsthaft zu recherchieren.

Henk Heithuis entging dem Griff der Kirche übrigens auch nach seinem Tod nicht: Er wurde – gegen seinen erklärten Willen – nach katholischem Ritus begraben.

Video: «Die Geschichte von Henk Heithuis»
«Nieuwsuur» vom 17.3.2012 (niederländisch mit englischen Untertiteln)

(Quelle: YouTube/MichaelRogge)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mario Denzler am 13.05.2012 13:50 Report Diesen Beitrag melden

    Katholiken sollten sich schämen.

    Da kriegt man ja richtige Agressionen beim durchlesen. Wie können Leute blos sowas tun!! Jeder der heute noch Mitglied ist bei der katholischen Kirche sollte sich abgrundtief schämen. Auch wenn heute sicher weniger solche Missbrauchsfälle passieren, eine Institution mit einer solchen Geschichte darf man nicht unterstützen und auch kein Geld dafür zahlen um sie am Leben zu erhalten. Zumal es mit der reformierten Kirche ja sogar eine alternative gibt für all die gläubigen... echt sowas von unmenschlich und abgrundtief krank,

    einklappen einklappen
  • Kind der Landstrasse am 13.05.2012 19:31 Report Diesen Beitrag melden

    Bitte auch vor der eigenen Türe kehren..

    Wie war das doch gleich mit Zwangssterilisationen in der Schweiz, die noch bis in die 70er Jahre in der Schweiz betrieben worden sind? Googelt mal nach "Kinder der Landstrasse". Das hatte mit Religion nichts zu tun...

  • Denker am 13.05.2012 13:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Religion

    Der Mensch schuf die Religion weil er Angst hatte. Und es gibt keine Hölle denn wir leben schon darin.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Mensch am 15.05.2012 17:00 Report Diesen Beitrag melden

    Was jammert ihr denn???

    Die Kirche ist doch schon fast abgeschafft, sowie christliche Werte auch immer rarer werden... Deswegen geht es uns ja heute so viel besser auf diesem Planeten, als früher wo viele Menschen noch einen Glauben hatten... fast keine Kriege mehr, fast keine Gewalt mehr, viel mehr Gerechtigkeit, viel weniger Armut, uswusf ... seid doch froh liebe Atheisten und Kirchengegner und geniesst es!

  • Priest am 14.05.2012 15:16 Report Diesen Beitrag melden

    Kirche ein No-Go

    Ohne meinen Glauben würde ich vermutlich nicht glücklich sein. Dennoch würde ich lieber sterben als mich dem Kirchlichen Glauben anzuschliessen. Die Taten der Kirche (z.B. Kreuzzüge sind ja bis heute nicht gebüsst worden...

    • Polygamie am 14.05.2012 17:33 Report Diesen Beitrag melden

      Nur zur Information

      Die Kreuzzuege waren eine Antwort auf die permanenten Ueberfaelle und Pluenderungen der Araber in Europa. Nicht zuletzt weil sie religionsbedingt chronischen frauenmangel hatten und In Suedspanien und Sueditalien regelmaessig Frauen entfuehrt haben. Bin nicht sicher wer sich da bei wem Entschuldigen muss.

    einklappen einklappen
  • Renate Studer am 14.05.2012 14:46 Report Diesen Beitrag melden

    Kath. Kirche

    Gott Ja Kirche Nein. Ich haben vor drei Jahren den Austritt gegeben ich will von der Kath. Kirche nichts mehr wissen. Ich glaube diesen Leuten wenn sie sollche Schandtaten an die Oeffentlichkeit bringen. Das sit unerhört Kinder oder Jungendlichen so was antun.

  • Simon am 14.05.2012 13:30 Report Diesen Beitrag melden

    Von mir aus alle Religionen verbieten!

    Das entscheidende ist der richtige Glaube, egal von welcher Religion man ist. Wer sucht der findet!

  • Luzi Fehr am 14.05.2012 11:24 Report Diesen Beitrag melden

    Religionen sind von Menschen gemacht

    für Macht und Geld. Pervertierte Machtausübung findet überall statt, in der Politik, in der Wirtschaft, im Rechtssystem, im Militär und leider auch in der Religion.