Vor 125 Jahren

12. Juni 2011 23:32; Akt: 12.06.2011 23:32 Print

Es war einmal ein Märchenkönig

von Rolf Maag - Am 13. Juni 1886 ertrank König Ludwig II. von Bayern im Starnberger See. Sein Tod gibt bis heute ebenso Rätsel auf wie seine Persönlichkeit.

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Ludwig II. in jungen Jahren (Bild: PD)

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Seit dem Morgen des 12. Juni war der bayerische Monarch auf Schloss Berg am Würmsee (heute Starnberger See) interniert. Die Regierung des Freistaats hatte ihn kurz zuvor für unmündig erklärt. Im ärztlichen Gutachten hiess es: «Seine Majestät sind in sehr weit vorgeschrittenem Grade seelengestört und zwar leiden Allerhöchstdieselben an jener Form von Geisteskrankheit, die den Irrenärzten aus Erfahrung wohl bekannt mit dem Namen Paranoia (Verrücktheit) bezeichnet wird.»

Am frühen Abend des folgenden Tages unternahm Ludwig einen Spaziergang am Ufer des Sees; begleitet wurde er dabei von Bernhard von Gudden, seinem «Irrenarzt», wie Psychiater damals genannt wurden. Etwa fünf Stunden später wurden die Leichen der beiden aus dem Wasser gefischt.

War es Mord?

Das Sterberegister vermerkte damals: «Seine Majestät … hat sich in seiner Geisteszerrüttung selbst in den See gestürzt.» Bis heute hält sich allerdings hartnäckig das Gerücht, es sei in Wahrheit Mord gewesen. Der Hobbyforscher Peter Glowasz behauptete 2008, ein bayerischer Polizist habe den König erschossen, als dieser in einem Boot fliehen wollte. Er stützte sich dabei auf Aussagen, die Verwandte Ludwigs damals gemacht hätten. Und der Psychiater? Gemäss dieser Version trieben Schuldgefühle von Gudden in den Selbstmord, da er nicht imstande gewesen war, die Schandtat zu verhindern.

Politiker wider Willen

1864 bestieg Ludwig im Alter von 18 Jahren den bayerischen Königsthron. Die Regierungsgeschäfte waren eigentlich gar nicht nach dem Gusto des verträumten jungen Mannes, denn seine grosse Leidenschaft sollte zeitlebens der Kunst gelten. Bereits in seinem ersten Amtsjahr berief er den Komponisten Richard Wagner nach München und ermöglichte ihm mit einer grosszügigen Geldspende die Fertigstellung seines monumentalen Werks «Der Ring des Nibelungen». In den 1870er-Jahren liess Ludwig auch das Richard-Wagner-Festspielhaus in Bayreuth erbauen, wo bis zum heutigen Tag alljährlich die Wagner-Festspiele stattfinden.

Ludwig gegen Bismarck

1866 galt es, im Kampf zwischen Preussen und Österreich um die Vorherrschaft im Deutschen Bund Partei zu ergreifen. Ludwig entschied sich für die Habsburgermonarchie, was sich bald als folgenschwerer Fehler herausstellte: Bei Königgrätz in Böhmen erlitten die österreichischen und bayerischen Truppen eine vernichtende Niederlage gegen die preussische Armee. Bayern musste Gebiete an Preussen abtreten und 30 Millionen Gulden Kriegsentschädigung zahlen. Bereits vier Jahre später führte der König wieder Krieg, diesmal an der Seite Preussens gegen Frankreich. Nach dem Sieg zwang der preussische Kanzler Otto von Bismarck Ludwig, den «Kaiserbrief» zu verfassen, in dem Preussens König Wilhelm I. dazu aufgefordert wurde, die Kaiserkrone des neu geschaffenen Deutschen Reiches zu akzeptieren. Bismarck honorierte das Entgegenkommen der Bayern mit erheblichen geheimen Zahlungen, doch der gekränkte Ludwig blieb der Krönungszeremonie in Versailles demonstrativ fern.

Unglückliches Privatleben

Enttäuscht zog sich Ludwig nun aus dem politischen Tagesgeschäft zurück. Er überliess das Regieren weitgehend seinen Ministern und wurde immer menschenscheuer. Die Verlobung mit seiner Cousine Sophie von Bayern wurde bereits 1867 gelöst, denn schon drei Tage, nachdem sie Ludwig versprochen worden war, verliebte sie sich in den Kaufmann Edgar Hanfstaengl und traf sich heimlich mit diesem. Der König dürfte nicht unglücklich darüber gewesen sein, dass ihm die Ehe verwehrt blieb: Sein 1925 veröffentlichtes geheimes Tagebuch zeigt ihn als zutiefst verunsicherten Menschen, der mit seiner Homosexualität rang.

Die Schlösser

Der Heidelberger Psychiater Heinz Häfner ist der Ansicht, dass Ludwigs innere Zerrissenheit auch die Ursache der Bauwut war, die er nun entwickelte: 1872 wurde das Königshaus am Schachen fertig gestellt, 1878 Schloss Linderhof und 1884 Schloss Neuschwanstein. Die 1878 begonnenen Arbeiten am Schloss Herrenchiemsee sind bis heute unvollendet, zahlreiche Projekte wurden nie verwirklicht. Häfner meint, dieses unstillbare Bedürfnis nach immer neuen Bauten sei Ausdruck einer «nicht substanzgebundenen Sucht» gewesen, die der Monarch entwickelt habe, um nicht ständig seinen quälenden inneren Konflikten ausgesetzt zu sein.

Touristenattraktionen

Natürlich verschlangen die Schlösser Unsummen, was nicht nur die bayerische Regierung zunehmend beunruhigte, sondern auch Ludwigs Verwandte aus der Dynastie der Wittelsbacher, deren Familienschatz der König ausgiebig plünderte. Als ihnen schliesslich der Kragen platzte, erklärten sie ihn im Juni 1886 für unzurechnungsfähig, obwohl er nach heutigen Massstäben wohl nicht geisteskrank war; die Regentschaft übernahm sein Onkel Prinz Luitpold. Ob die bayerischen Politiker oder die Wittelsbacher skrupellos genug waren, den König drei Tage nach seiner Absetzung sogar ermorden zu lassen, erscheint allerdings fraglich. Seine labile Persönlichkeit lässt einen Selbstmord durchaus plausibel erscheinen. Die Ludwig gewidmete Bayerische Landesausstellung 2011 im Schloss Herrenchiemsee geht den verschiedenen Hypothesen über seinen Tod ausführlich nach.
Tatsache ist jedenfalls, dass der Freistaat Bayern heute enorm von Ludwig II. profitiert, denn die Schlösser des zum Märchenkönig verklärten Monarchen ziehen jedes Jahr Millionen von Touristen an.