Gorbatschow wird 80

02. März 2011 12:12; Akt: 02.03.2011 16:38 Print

Freiheitsheld und «Totengräber»

Sein Name steht für den Fall des Eisernen Vorhangs und den friedlichen Umsturz im Ostblock: Michail Gorbatschow feiert seinen 80. Geburtstag.

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Michail Gorbatschow an einer Medienkonferenz am 21. Februar 2001 in Moskau. Gorbatschow 1950 mit 19 Jahren. Geboren wurde er am 2. März 1931 in einer bäuerlichen Familie im südrussischen Stawropol. Ab 1962 stieg er in der Kommunistischen Partei der Sowjetunion die Karriereleiter hoch. Als Schützling von KGB-Chef Juri Andropow wurde Gorbatschow 1985 zur neuen Nummer eins in der Sowjetunion. Im Vergleich zu den Hardlinern im Politbüro galt er schnell als Reformer, mit ihm begann die Politik von Glasnost und Perestroika. Ein erster Höhepunkt war das Gipfeltreffen mit US-Präsident Ronald Reagan vom 19. bis 21. November 1985 in Genf. Vom damaligen Bundespräsidenten Kurt Furgler wurde Gorbatschow mit militärischen Ehren empfangen. Am 8. Dezember 1987 stiessen Reagan und Gorbatschow in Washington auf die Unterzeichnung des INF-Vertrags an. Er führte zum vollständigen Abbau von Mittelstreckenraketen mit atomaren Sprengköpfen. 1992 besuchte Gorbatschow Reagan auf dessen Ranch in Kalifornien. Die beiden ungleichen Männer verband eine persönliche Freundschaft. «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben» - mit diesen legendären Worten soll der Sowjetführer den DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker im Oktober 1989 zu Reformen aufgefordert haben. Allerdings hat Gorbatschow den Satz so nie gesagt. Dennoch fiel kurz darauf die Berliner Mauer. Bei einem Treffen mit Bundeskanzler Helmut Kohl im heimatlichen Kaukasus im Juli 1990 gab Gorbatschow seinen Widerstand gegen die deutsche Wiedervereinigung auf. Am 1. Dezember 1989 traf Michail Gorbatschow im Vatikan mit Papst Johannes Paul II. zusammen. Es war die erste Begegnung eines Kremlchefs mit einem Oberhaupt der katholischen Kirche. Gorbatschow stritt häufig mit seinem grossen Rivalen Boris Jelzin. Dessen Wahl zum russischen Präsidenten 1991 besiegelte das Ende der Sowjetunion. Nach einem missglückten Putschversuch der alten Garde zerfiel das Reich endgültig. Am 25. Dezember 1991 gab Michail Gorbatschow in einer Fernsehansprache seinen Rücktritt bekannt. Seine glamouröse Ehefrau Raissa trug viel dazu bei, den Westen zu beeindrucken. Das Paar war sich offensichtlich tief verbunden. Umso heftiger traf Michail Gorbatschow der Tod seiner Frau, die am 20. September 1999 an Leukämie gestorben war. Michail Gorbatschow mit Wladimir Putin, dem heutigen starken Mann Russlands. Regelmässig kritisiert der frühere Sowjetherrscher die antidemokratischen Tendenzen und die Korruption in Russland. Allerdings hören ihm nur wenige zu.

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In der ganzen Welt wird der Friedensnobelpreisträger als derjenige gefeiert, der den Kalten Krieg beendete. Doch in seiner Heimat gilt er vielen als der unglückliche Totengräber der UdSSR. Seit Gorbatschow 1991 den Kreml verlassen musste, sehen ihn viele Russen als jemanden, der von den Ereignissen überholt wurde: als einen schwachen Politiker, der es nicht geschafft hat, seine ehrgeizigen Reformansätze zu einem guten Ende zu bringen.

Den ungezügelten Kapitalismus und die kaum beherrschbaren chaotischen Zustände, die nach dem Ende des Kommunismus über Russland hereinbrachen, haben sie ihm bis heute nicht verziehen. So etwas wie Sympathie und Mitgefühl kam in Russland erst auf, als 1999 Gorbatschows Frau Raissa starb, deren Eleganz viel dazu beitrug, in den 80er-Jahren den Westen zu beeindrucken. Anders als seine Vorgänger in der Moskauer Staats- und Parteiführung hatte Gorbatschow offen gezeigt, wie sehr er seine Frau liebt – immer war Raissa an seiner Seite.

Bedauern über Fehler

Aus seinen eigenen Fehlern macht Gorbatschow keinen Hehl. «Natürlich bedauere ich manches. Es wurden Fehler gemacht, und wir haben es nicht geschafft, die Perestroika erfolgreich zu beenden», sagt der Reformer über sein Kernprojekt, die Modernisierung von Politik und Wirtschaft in der damaligen Sowjetunion.

Auch die sowjetischen Panzer in Litauen oder die Unterdrückung einer friedlichen Demonstration in Georgien warfen Schatten auf Gorbatschows Regierungszeit. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im April 1986 wurde unter Gorbatschow tagelang vertuscht, so dass Hunderttausende Menschen mit radioaktiver Strahlung verseucht wurden.

Glasnost und Perestroika

Dennoch machte die Politik von Glasnost und Perestroika - Offenheit und Umbau - in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre Millionen Menschen Hoffnung auf ein besseres Leben. «Die wichtigsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts waren die Emanzipation der Frau und die Befreiung Russlands» durch Gorbatschow, sagte der israelische Friedensnobelpreisträger Schimon Peres im Jahr 2000.

So benannte Gorbatschow in einer für den Kreml bis dahin ungekannten Offenheit die Verbrechen unter Sowjetdiktator Stalin, insbesondere das Massaker an tausenden polnischen Offizieren 1940 in Katyn. Er legte auch ein geheimes Zusatzprotokoll zum Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt von 1939 offen. Nach einem rund zehnjährigen militärischen Abenteuer mit vielen Toten befahl er 1988 den Truppenabzug aus Afghanistan.

Deutsche Wiedervereinigung

Den Ländern des Warschauer Pakts ermöglichte Gorbatschow, ihre Staatsform selbst zu bestimmen. Zuvor waren Reformbewegungen wie in Ungarn oder der Prager Frühling in der Tschechoslowakei blutig niedergeschlagen worden. Die neue Freiheit führte zu einem Ende des Kalten Kriegs und ermöglichte 1990 die deutsche Wiedervereinigung.

Der Autor und Fotograf Juri Rost, der Gorbatschow gut kennt, beschreibt ihn als den «positivsten Führer» Russlands, der versucht habe, ein «normales Land» aus der Sowjetunion zu machen, das man «mit Liebe und Respekt statt mit Angst und Verachtung» behandeln könne.

Korrupt und verdorben

Das heutige Russland beschreibt Gorbatschow als korruptes Land, das von verdorbenen Eliten geführt werde. Er selbst begann seine Karriere als kommunistischer Apparatschik. Am 2. März 1931 in einer bäuerlichen Familie im südrussischen Stawropol geboren, klettert Gorbatschow von 1962 an die Leiter der Macht in seiner Heimatregion hinauf.

Schliesslich schafft er den Sprung nach Moskau, wo er 1978 ins Zentralkomitee der Kommunistischen Partei eintritt. Als Schützling von KGB-Chef Juri Andropow wird Gorbatschow 1985 zur neuen Nummer eins in der Sowjetunion. Im Vergleich zu den Hardlinern im Politbüro gilt er schnell als Reformer.

Bald zeigen sich Risse im kommunistischen Ostblock, viereinhalb Jahre nach Gorbatschows Amtsantritt fällt die Berliner Mauer. Eine Sowjetrepublik nach der anderen erklärt ihre Unabhängigkeit, doch nach Tiflis, Baku und Vilnius schickt Gorbatschow sowjetische Panzer. Nach der Wahl von Boris Jelzin zum russischen Präsidenten scheitert Gorbatschow 1991 mit seinem Versuch, die untergehende Sowjetunion als eine lockere Konföderation zu retten. Am 25. Dezember erklärte der sowjetische Präsident in einer Fernsehansprache seinen Rücktritt.

(pbl/sda)