Zürichs Homo-Pioniere

13. Mai 2012 21:51; Akt: 14.05.2012 15:26 Print

Geschichten aus dem schwulen Untergrund

von P. Dahm - Repression, Razzien, Zwangs-Outings: Ernst Ostertag und Röbi Rapp haben Anfang der 60er erlebt, wie Zürich Hatz auf Homosexuelle gemacht hat. Nun soll ihre Geschichte verfilmt werden.

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Zwischen 1945 und 1958 hatte der Zürcher Zeitgeist der Welt etwas voraus. Im Gebäude des heutigen Theaters am Neumarkt trafen sich schwule Männer, um ihresgleichen zu treffen. «Die erste grosse Ballveranstaltung war im Sommer 1945» erzählt Ernst Ostertag, der sich seit jenen Tagen für die Gleichberechtigung vom Homosexuellen einsetzt. «Nach dem Krieg beschloss die Leitung, auch internationale Treffen möglich zu machen. Daraus entstanden in den 50er Jahren die drei grossen und bald berühmten jährlichen Ballnächte.»

Internationales Stelldichein beim Maskenball

So etwas gab es sonst nirgendwo auf der Welt. Die Homosexuellen-Zeitschrift «Der Kreis – Le Cercle - The Circle» organisierte die Treffen (siehe Infobox rechts). «Es gab immer einen Neujahrs- und einen Maskenball, ein Herbst- oder ein Sommerfest. Damals kamen bis zu 800 Leute aus halb Europa und Übersee. Es waren weltweit die einzigen Ballereignisse für homosexuelle Männer», sagt der heute 82-Jährige. Die Öffentlichkeit ahnte davon kaum etwas. «Das war alles tabu. Das war alles im Ghetto. ‹Der Kreis› war ein perfektes Ghetto.»

Dass es so weit kommen konnte, hatte die Szene dem Schweizer Wahlvolk zu verdanken, das 1938 mit knapper Mehrheit dem neuen eidgenössischen Strafgesetz zustimmte. Im Januar 1942 traten die neuen Bestimmungen in Kraft. «Sex unter erwachsenen Männern war nicht mehr verboten. Männliche Prostitution blieb im Gegensatz zur weiblichen aber illegal. Auch das Schutzalter war unterschiedlich: Männer galten bis 20 Jahre als minderjährig, Frauen nur bis 18, später bis 16 Jahre. Beim Militär blieben homosexuelle Akte verboten», erläutert Ostertag.

Geschlechtsteile und andere Tabus

Der Deal im Gesetzbuch war einfach: Straffreiheit gegen Stillschweigen. «Der Normalbürger wusste nicht, dass es den ‹Kreis› gab. Man hat einen Tabu-Bereich geschaffen und in dem hat er sich etabliert und schnell entwickelt. Bei der Sittenpolizei war der Name und die Adresse des Chefredaktors des ‹Kreis› bekannt. Es gab eine Zensur: Auf Fotografien durften keine Geschlechtsteile zu sehen sein. Vollakte mussten retouchiert werden. Nackte Körper wurden von der Seite oder von hinten gezeigt; es gibt ja viele Möglichkeiten.»

Mit dem englischen Teil ab 1952 mauserte sich die Zeitschrift vom helvetischen zum internationalen Sprachrohr für Schwule. Sie war zudem ein betont literarisches Magazin geworden, das nicht nur homoerotische Dichtung und Prosa veröffentlichte, sondern auch wissenschaftliche Beiträge brachte und zugleich ein Forum war für homoerotische Fotografie und Kunst. «Wir hatten Abonnementen auf der ganzen Welt. Die Ausstrahlung nach Amerika war sehr gross und es gab sowohl im Textteil als auch bei Bildern eine enge Zusammenarbeit mit englischen und amerikanischen Künstlern.» In diesem Zeitraum lernte der junge Lehrer Ostertag den Travestie-Star Röbi Rapp kennen, mit dem er ab 1956 sein Leben teilen wird. Die Rentner sind heute noch zusammen: Ihr Liebesleben wird 2013 verfilmt (siehe Infobox).

«Kreise abnormal veranlagter Männer»

Nach zwei Morden im Milieu musste das Paar jedoch mit ansehen, wie das mühsam Errungene innert kürzester Zeit zerstört wurde. «Mit dem ersten Mord, der im Sommer 1957 verübt wurde, veränderte sich noch nichts. Der zweite geschah im Dezember. Doch 1958 mit den beiden Prozessen änderte sich das Klima in der Gesellschaft rapid.»

Im Sommer 1957 war der schwule Komponist Robert Oboussier von einem Stricher umgebracht worden. Walter S. war 18 Jahre alt - und somit minderjährig – und heterosexuell. Oboussier wurde im Verfahren zum Verführer eines Kindes abgestempelt. Selbst die NZZ machte ein «zwiespältiges, menschlich fragwürdiges Bild» bei dem gebürtigen Belgier aus, nachdem die Polizei bekanntgegeben hatte, dass sich das Opfer «in den Kreisen abnormal veranlagter Männer» bewegte.

Im zweiten Fall war der Mörder ein junger Stricher aus dem Bergamaskischen, der das Gericht als freier Mann verliess: Seine Strafe fiel so niedrig aus, dass sie mit der Untersuchungshaft abgegolten war. «Ein Sieg der Menschlichkeit», titelte ein Schweizer Magazin. Auf dem Boulevard wurde mit Schlagworten wie «Pest» und «homosexuellen Sumpf Zürichs» zur Hetzjagd geblasen. «Es war eine richtige Schlammschlacht gegen Homosexuelle, die sich in keiner Weise wehren konnten», kritisiert Ostertag und verdeutlicht: «Da sagte man sich: Zürich ist die Hochburg der Homosexuellen und die Stadt duldet das. Auch ‹Der Kreis› wurde verleumdet.»

Tanzverbot, Homo-register und Zwangsouting

Um Druck auf die Organisation auszuüben, erliess die Stadt Zürich 1960 ein Tanzverbot für Männer. «Die grossen Ballveranstaltungen waren die finanzielle Grundlage der Zeitschrift», so Ostertag. Die Polizei reagierte mit Razzien und Fichen: Schon seit den 20er Jahren führte sie ein Register über straffällig gewordene Homosexuelle – wobei Sex bis 1942 eine Straftat war. «Nach den Morden wurde im gesetzlichen Graubereich gearbeitet. Die Polizei hat ihre frühmorgendlichen Razzien damit begründet, dass anonyme Briefe eingegangen wären. Der Vorwurf: Sex mit minderjährigen Strichjungen.» Wobei männliche Prostitution bis 1992 verboten blieb.

Fielen bei Befragungen unter Druck Namen, folgten Fichierung und Hausdurchsuchung. Das Zwangs-Outing hatte in der Regel böse Konsequenzen: «Viele haben ihre Wohnung verloren», sagt Ostertag. «Auch Stellen wurden gekündigt. Manche haben den Kanton gewechselt, um im Verborgenen eine neue Existenz aufzubauen. Andere sind ins Ausland gegangen, etliche haben sich selbst getötet.» Selten bemerkte die Öffentlichkeit, dass «bei einer solchen Razzia auch völlig Unschuldige zufälligerweise» verhaftet und einer Prozedur unterworfen würden, «die man als ‹entwürdigend› bezeichnen muss», wie die Zeitung «Volksrecht» 1960 schrieb

Zwangsmassnahmen gegen Syphilis

Die Stadt Zürich begründete ihr rigides Vorgehen auch mit der Ausbreitung der Syphilis unter Homosexuellen. Anfang der 60er Jahre änderten die Niederlande und Dänemark ihre Gesetze. «Weil es für Männer dort Möglichkeiten gab, sich in Bädern, Saunen oder Tanzlokalen zu treffen, sind viele Leute dahingereist, haben sich gelegentlich angesteckt und die Krankheit in die Schweiz gebracht», erklärt Ostertag. Während Zürich auf Zwangmassnahmen setzte, arbeiteten in Basel «Kreis»-Abonnenten mit Ärzten zusammen. «Das Modell dort lief mit freiwilligen, anonymen Tests. Das Ergebnis: Innerhalb von vier Jahren gab es ausser bei Zugewanderten keine neuen Ansteckungen.»

Das Magazin «Der Kreis» musste sich dem finanziellen und gesellschaftlichen Druck beugen, der in Zürich ausgeübt wurde: 1967 löste sich Zeitschrift und Organisation auf. Der Kampf um Aufklärung hat sich dennoch ausgezahlt. Als in den 80ern Aids aufkam, erinnerten sich einige Verantwortliche an die Fehler von damals. «Man wollte nicht wieder in eine Repression zurückfallen. Die eidgenössischen und kantonalen Gesundheitsbehörden arbeiteten mit den neuen, erstarkten Schwulen- und Lesbenorganisationen zusammen. So wurde verhindert, dass sich Aids zur Epidemie ausweitete. Die WHO nannte das später vorbildliches ‹Schweizer Modell›. Die Aids-Präventionskampagnen machten schwules und lesbisches Leben sichtbar und das offene Gespräch über Sexualität weitgehend zur Selbstverständlichkeit.»

Ostertag und sein Partner Röbi Rapp haben sich seit den 50er Jahren für die Gleichberechtigung Homosexueller engagiert. Mit Erfolg - und stets vorneweg: Sie waren im Juli 2003 in Zürich die ersten, die nach dem kantonalen Partnerschaftsgesetz getraut wurden.

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Ich möchte mich hier öffentlich bedanken für all jene Menschen die im vergangenen Jahrhundert sich für die Rechte von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transsexuellen Menschen eingesetzt haben. Dank ihrem engagement kann man zum glück heute in der Schweiz (und der "westlichen Welt") offen Schwul, Lesbisch, Bi oder Trans leben. Vielen Dank! – Dave

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • David - Zurich Pride Festival am 14.05.2012 08:56 Report Diesen Beitrag melden

    Weiterkämpfen!

    Aber trotzdem: es gibt noch viel zu tun! Ein Antidiskriminierungsgesetz fehlt, ein Outing am Arbeitsplatz ist noch immer nicht überall möglich, Homosexuelle dürfen kein Blut spenden, die (Stiefkind-) Adoption ist nicht möglich. Deshalb gehen wir auf die Strasse, SA 16. Juni ab 14 Uhr auf dem Helvetiaplatz!

  • Max Motzer am 14.05.2012 13:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gratuliere

    Habe mich in letzter Zeit mehrfach bei euch über die schlechten Artikel beschwert, dieser hier ist seit langem wiedermal ein Artikel der interessiert, und anscheinend auch recherchiert wurde. danke für die Lektüre

  • Peter Thommen am 15.05.2012 13:19 Report Diesen Beitrag melden

    "abartige" Heterokultur!

    Es gibt selten einen Homosexuellen, der Heteros bekehren will! Umgekehrt schon häufig! Schwule wissen heutzutage was sie wollen. Und Frauen haben übrigens auch Sex mit Männern, ohne schwul zu sein! Daher dürfen logisch auch Männer... Warum der öffentliche Aufwand bei Heirat und Geburt? Zivilstandswechsel wird publiziert, etc. Früher gab es schon bei Verlobung (!) Anzeigen am Anschlagbrett. Fasnacht, Böögg. Sportanlässe (öffentliche Umarmungen und Küssereien) mit Schlachtenbummler, Schiessanlässe, etc. - Die ganzen Zünfte, Kantonsvereine, Minderheitenorganis., könnte man auch kritisieren

Die neusten Leser-Kommentare

  • Peter Thommen am 15.05.2012 13:19 Report Diesen Beitrag melden

    "abartige" Heterokultur!

    Es gibt selten einen Homosexuellen, der Heteros bekehren will! Umgekehrt schon häufig! Schwule wissen heutzutage was sie wollen. Und Frauen haben übrigens auch Sex mit Männern, ohne schwul zu sein! Daher dürfen logisch auch Männer... Warum der öffentliche Aufwand bei Heirat und Geburt? Zivilstandswechsel wird publiziert, etc. Früher gab es schon bei Verlobung (!) Anzeigen am Anschlagbrett. Fasnacht, Böögg. Sportanlässe (öffentliche Umarmungen und Küssereien) mit Schlachtenbummler, Schiessanlässe, etc. - Die ganzen Zünfte, Kantonsvereine, Minderheitenorganis., könnte man auch kritisieren

  • Vater am 14.05.2012 14:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Überzeugen

    Warum ist Schwul cool ? Hat doch nichts mit cool zu tun. Wollt Ihr Kinder in der Entwicklung Ihrer Geschlechtsreife beeinflussen? Das ist doch krank ! Lebt Euer Leben . Aber hört auf die ganze Menschheit mit eurem Getue überzeugen zu wollen.

    • Qiu Miu am 14.05.2012 23:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Stimmt

      da stimme ich dir zu 1000% zu.

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  • Max Motzer am 14.05.2012 13:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gratuliere

    Habe mich in letzter Zeit mehrfach bei euch über die schlechten Artikel beschwert, dieser hier ist seit langem wiedermal ein Artikel der interessiert, und anscheinend auch recherchiert wurde. danke für die Lektüre

  • andrea chinazzi am 14.05.2012 12:28 Report Diesen Beitrag melden

    steh zur dir ,egal was die andern sagen

    guete tag zähme egal was die andern sagen,denke, fühlen.die sind nicht besser als wir, sondern sind genau Gestelle wie wir alle. es kommt nicht darauf an, was du machst, es kommt nicht darauf an, was du arbeitest.STEH ZU DIR,denn die andern,die dich anders haben wollen, gehören nicht in deine nähe, weil sie dich nicht anders sehen wollen.merkst du was? nur du bist wichtig und niemand anders. nur du kannst entscheiden, ob du frei leben willst oder mit einer lüge.WAS WIR DIR WOHL BESSER TUN? ich wünsche dir eine vollkommenes , glückliches leben andrea

  • RH am 14.05.2012 10:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zur Schau stellen

    Warum müsst Ihr euch immer in Mittelpunkt setzen? Warum könnt Ihr nicht ohne gleich Werbung für eure Neigung zu machen neben Heteros leben ? Ich gehe auch nicht in die Medien oder auf Veranstaltungen und zeige das ich ein glücklicher Familienvater bin. Ich versuche auch nicht alle vom "Hetero" zu überzeugen. Merk Ihr nicht das Ihr nervt ?!!!

    • Lana am 14.05.2012 14:30 Report Diesen Beitrag melden

      Warum stört Dich das?

      Du wirst also Hetero auch nicht diskriminiert und hast bereits alle Rechte. Die Schwulen leider immer noch nicht. Was dich daran nervt, kann ich auch nicht verstehen. Schliesslich ist wohl kein Schwuler hinter deinem PC gestanden und hat dich gezwungen, diesen Artikel anzuklicken. Oder?:)

    • RH am 14.05.2012 15:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Antwort

      Was denn ? Hast Du keinen Jop ? Oder darfst Du keine AHV bez. ( beziehen) ? Darfst Du keine Wohnung mieten ? Darfst Du kein Auto haben oder nicht in Migro einkaufen gehen ? Ist Dir das Baden in der Badi verboten? Sag jemand Du darfst nicht deinesgleichen lieben? Wo bist Du diskriminiert ?

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