«Hitler's First War»

19. August 2010 11:02; Akt: 19.08.2010 11:02 Print

Hitler war ein «Etappenschwein»

65 Jahre nach dem Tod des Führers sind Zeugnisse seiner Kameraden aus dem Ersten Weltkrieg aufgetaucht, die manches Klischee in Frage stellen.

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Das einzige Foto von Hitler, das in die offizielle Regimentsgeschichte von 1932 aufgenommen wurde (Bild: Korbinian Rutz)

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Adolf Hitler, so eine weit verbreitete Ansicht, war ein Kriegsverbrecher und grausamer Despot, aber als Soldat im Ersten Weltkrieg ein tapferer, mehrfach dekorierter Meldegänger. Unveröffentlichte Briefe und ein Tagebuch, die von den Regimentskameraden des nachmaligen Führeres verfasst wurden, zeichnen nun ein anderes Bild.

Hitler war 1913 aus Österreich nach Bayern umgezogen, um dem Militärdienst zu entgehen. Bei Kriegsausbruch 1914 meldete er sich aber als Freiwilliger und wurde schliesslich dem 16. Königlich Bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment zugeteilt, das nach dem Tod seines Kommandanten Julius List «Regiment List» genannt wurde. In dieser Einheit verbrachte Hitler fast den gesamten Krieg als Meldegänger an der Westfront. Nach der Ersten Flandernschlacht 1914 wurde er zum Gefreiten befördert, kam aber später nie über diesen Rang hinaus. Während des Krieges wurde er mit dem Militärverdienstkreuz III. Klasse, dem Verwundetenabzeichen und dem Eisernen Kreuz II. und I. Klasse ausgezeichnet.

Hysteriker Hitler

Fast alle Biographen Hitlers sind sich darüber einig, dass die Fronterfahrung des Ersten Weltkriegs und die Vorgänge unmittelbar nach Kriegsende Hitlers politische Weltsicht prägten und entscheidend radikalisierten. Auch sah man das Regiment List als Einheit, in der antisemitisches Gedankengut vorherrschte — immerhin seien zahlreiche Veteranen nach dem Krieg Mitglied der NSDAP geworden.

Der britische Historiker Thomas Weber von der University of Aberdeen korrigiert diese Sicht nun entscheidend in seinem Werk «Hitler's First War» (Hitlers erster Krieg), das im September erscheint. Er enthüllt, dass die NS-Propaganda Berichte aus dem Krieg, die Hitler alles andere als heroisch schilderten, unterdrückte und diskreditierte. Dazu zählte offenbar auch ein Rapport von Hitlers Kompaniekommandanten. Schon der Hitler-Biograph Konrad Heiden hatte diesen 1936 wie folgt zitiert: «Diesen Hysteriker mache ich niemals zum Unteroffizier!»

Im rückwärtigen Bereich

Weber weist nach, dass Hitler seine Rolle in einem Gefecht mit britischen Truppen übertrieb, das er als einziger seiner Gruppe überlebt haben wollte. Als Regiments-Meldegänger war Hitler zudem — nicht wie jene auf Kompanie-Ebene — in der Regel weit von der Front entfernt. Die Frontsoldaten nannten ihn denn auch abwertend «Etappenschwein». Zwar konnte es auch in der Etappe gefährlich werden, doch Weber weist darauf hin, dass kein einziger von Hitlers Meldeläufer-Kollegen im Krieg fiel. Dass Hitler mehrfach ausgezeichnet wurde, habe eher damit zu tun, dass Hitler im rückwärtigen Bereich viel mit den Offizieren zu tun hatte, die solche Empfehlungen aussprechen konnten.

Schliesslich sei, so Weber, Hitlers Wahrnehmung der Kriegsrealität signifikant verzerrt gewesen, was seine Nachkriegs-Überzeugungen beeinflusste. Und Antisemitismus sei im Regiment List, im Gegensatz zu den Behauptungen der Nazi-Propaganda, kaum vorhanden gewesen. Zudem habe kaum einer der Veteranen nach dem Krieg Hitler unterstützt; 1933 seien nur gerade zwei Prozent der Veteranen NSDAP-Mitglieder gewesen.

In der Konservenfabrik verhungert

Bei seinen Kameraden scheint der spätere Führer, den man den «Maler» oder den «Künstler» nannte, weder beliebt noch sonderlich unbeliebt gewesen zu sein. Freilich machte man sich gern lustig über den Sonderling, der gegenüber Vorgesetzten völlig unkritisch war. So wurde ihm unterstellt, er würde in einer Konservenfabrik verhungern, weil er es nie schaffen würde, eine Dose mit seinem Bayonett zu öffnen.

Der britische Historiker untersuchte die Archive des Regiments List und versuchte die Nachkommen von 59 jüdischen Soldaten des Regiments ausfindig zu machen. So gelang es ihm, die Angehörigen des Regimentsadjutanten Hugo Gutmann zu befragen, der Hitler für das Eiserne Kreuz I. Klasse vorgeschlagen hatte. Ferner stützte sich Weber auf das Tagebuch eines jüdischen Soldaten, der neben Hitler gedient und ein Tagebuch geführt hatte, sowie auf Aussagen von dessen Nachkommen.

Nazi-Propaganda

«Ich hätte nie gedacht, dass ich über Hitler schreiben würde, da so viele Bücher über sein Leben verfasst wurden», sagte Weber, «aber ich habe entdeckt, dass wir so gut wie nichts über Hitler im Ersten Weltkrieg wissen, und fast alles, was wir darüber wissen, fusst auf ‹Mein Kampf› oder Nazi-Propaganda.» Mehr als 70 Prozent seines Buches stütze sich denn auch auf bisher unberücksichtigtes Material.

Webers Grundthese, dass der Erste Weltkrieg nicht, wie gemeinhin angenommen, zur Radikalisierung der Deutschen im Allgemeinen und Hitlers im Besonderen geführt habe, dürfte wohl noch intensiv diskutiert werden.

(dhr)