Anglizismen

19. Mai 2013 20:16; Akt: 21.05.2013 15:45 Print

Ist die deutsche Sprache in Gefahr?

von Rolf Maag - Die deutsche Standardsprache ist nicht nur einem ständigen Zustrom englischer Wörter ausgesetzt, sondern wird auch zunehmend aus wichtigen Kommunikationsfeldern verdrängt. Müssen wir uns Sorgen um sie machen?

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Fehler gesehen?

Im März 1996 gab Jil Sander, Modeschöpferin aus Hamburg, im Gespräch mit dem Magazin der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» Folgendes von sich: «Mein Leben ist eine giving-story. Ich habe verstanden, dass man contemporary sein muss, das future-Denken haben muss. Meine Idee war, die hand-tailored-Geschichte mit neuen Technologien zu verbinden. Und für den Erfolg war mein coordinated concept entscheidend, die Idee, dass man viele Teile einer collection miteinander combinen kann. Aber die audience hat das alles von Anfang an auch supported. Der problembewusste Mensch von heute kann diese Sachen, diese refined Qualitäten mit spirit eben auch appreciaten. Allerdings geht unser voice auch auf bestimmte Zielgruppen. Wer Ladyisches will, searcht nicht bei Jil Sander. Man muss Sinn haben für das effortless, das magic meines Stils.»

Der «Verein Deutsche Sprache» verfolgt laut Satzung «das Ziel, die deutsche Sprache als eigenständige Kultursprache zu erhalten» und «widersetzt sich insbesondere der fortschreitenden Anglisierung des Deutschen». Es wird niemanden verwundern, dass seinen Mitgliedern die Galle hochkam, als sie Sanders anglodeutsches Gebrabbel lasen. Folgerichtig verliehen sie 1997 der Modedesignerin den Titel «Sprachpanscher(in) des Jahres», der seither jährlich vergeben wird.

Übertriebene Ängste

Sprechen wir bald alle wie Jil Sander? Geht der Einfluss des Englischen so weit, dass die deutsche Sprache in ihrer Substanz bedroht ist, wie der «Verein Deutsche Sprache» zu meinen scheint? Das Magazin «GEO» titelte in seiner Ausgabe vom November 2012: «Der Untergang der deutschen Sprache?» Bereits das Fragezeichen deutet an, dass die Autoren des zugehörigen Artikels keineswegs dieser Meinung sind. Viele Wortimporte würden rasch wieder aussortiert, etwa frühere Übernahmen aus dem Englischen wie «Luncheon» oder «Knickerbocker». Die verbleibenden würden mit der Zeit dem deutschen Lautsystem so sehr angeglichen, dass man ihnen ihre fremde Herkunft gar nicht mehr ansehe. Wer denkt heute noch daran, dass «Keks» und «Streik» aus dem Englischen stammen, und wem ist überhaupt noch bewusst, dass wir alltägliche Wörter wie «Fenster», «Küche» oder «Kreuz» dem Lateinischen verdanken?

Sprachverfall ist Sprachwandel

Ins gleiche Horn stösst der Düsseldorfer Linguist Rudi Keller. Er vertritt die These, dass die verbreitete Wahrnehmung eines vermeintlichen Sprachverfalls in Wahrheit von einem Unbehagen angesichts des unvermeidlichen Sprachwandels zeuge. Schwarzseher habe es in allen Kulturnationen zu allen Zeiten gegeben, und immer hätten sie den jeweils gegenwärtigen Zustand einer Sprache für den korrekten, guten und schönen gehalten, obwohl auch dieser selbst immer das Ergebnis einer langen Reihe von Veränderungen sei. Wäre es anders, würden wir nach wie vor das Althochdeutsche des achten Jahrhunderts sprechen.

Ausserdem sei gerade die englische Sprache, deren Wortschatz aufgrund der normannischen Eroberung im Jahr 1066 und anderer Einflüsse zu rund 50 Prozent lateinischer Herkunft ist, ein Musterbeispiel dafür, dass «Überfremdung» die Attraktivität und Vitalität einer Sprache eher befördere.

Imponiergehabe

Aber auch Keller hält viele der importierten englischen und pseudoenglischen (Handy, Talkmaster, Flipper etc.) Ausdrücke für überflüssig, die meisten sogar für «schlicht peinlich». Ist ein «Event» wirklich etwas grundlegend anderes als ein «Ereignis» oder ein «Anlass»? Erzeugen «Men’s socks» (wie sie etwa bei «Coop» heissen) weniger Fussschweiss als «Männersocken»? Und ärgern sich die Kunden der Swiss weniger, wenn die «Airline» (warum nicht «Fluglinie»?) ihren Flug «cancelt» statt einfach «absagt»? Hinter solchen unnötigen Anglizismen steckt meistens reines Imponiergehabe. Wer mit englischen Ausdrücken um sich wirft (obwohl sein/ihr Englisch vielleicht mangelhaft ist), wirkt modern, flott, jung, dynamisch, sexy etc. Kurz: Er oder sie scheint «up to date» zu sein.

Neues Mittelalter?

Allerdings verweist die Tatsache, dass derartige Angebereien überhaupt möglich sind, auf ein echtes Problem. 2005 erklärte Günther Oettinger, damals Ministerpräsident von Baden-Württemberg, in einem Interview: «Deutsch bleibt die Sprache der Familie, der Freizeit, die Sprache, in der man Privates liest, aber Englisch wird die Arbeitssprache.» Zwar stellte sich später heraus, dass Oettingers eigene Englischkenntnisse eher bescheiden sind (siehe Video unten), aber er hatte zweifellos eine wichtige Tendenz der Gegenwart richtig benannt. Nicht nur in der Werbung und in der Computersprache, sondern auch in so prestigeträchtigen Bereichen wie der Diplomatie, der Geschäftswelt und den (Natur-)Wissenschaften dominiert das Englische heute nahezu uneingeschränkt.


Oettingers «englische» Rede
(Quelle: Youtube/cpro90)

Der Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant fühlt sich gar an die mittelalterliche «Diglossie» (Zweisprachigkeit) erinnert: Damals sprach und schrieb man in den «wichtigen» Feldern Latein, während in der privaten Welt (und in der Dichtung) verschiedene Dialekte verwendet wurden. Die deutsche Standardsprache («Hochdeutsch»), die sich ab dem 16. Jahrhundert herausbildete, trat in den «oberen» Bereichen (Wissenschaft etc.) zunehmend an die Stelle des Lateins und wurde im Verlauf dieser Entwicklung immer differenzierter und ausdrucksstärker. Heute, so Trabant, besteht die Gefahr, dass das Hochdeutsche diese mühsam errungene Position an das Englische verliert, genauer gesagt an eine leicht verkümmerte «globale» Variante davon, die er «Globalesisch» nennt. Hochdeutsch würde dadurch entbehrlich, Englisch (das «neue Latein») würde in Zukunft als gemeinsame Arbeitssprache die Vielzahl der deutschen Dialekte überdachen.

Monokultur

Sind Trabants Befürchtungen berechtigt? Zumindest seine Diagnose der Schweizer Zustände erscheint übertrieben: «Noch wird in der Schule das Schriftdeutsche gelernt, sie ist einer der wenigen Orte, wo diese Sprache auch gesprochen wird. Ansonsten aber scheinen die Schweizer auf dem Weg, die Sprachgemeinschaft mit den Deutschen zu verlassen. Die Schweizer Diglossie der Zukunft ist nicht mehr: oben Deutsch, unten Schweizerdeutsch, sondern: oben Englisch, unten Schweizerdeutsch (mit immer weniger Schriftdeutsch dazwischen).» Schliesslich gibt es bei uns immer mehr Bemühungen um das «Schriftdeutsche», etwa seine teilweise Einführung in den Kindergärten. Auch beherrschen nach wie vor zu wenig Leute «Globalesisch» in Wort und Schrift, um das Hochdeutsche wirklich entbehrlich werden zu lassen.

Aber in einer anderen Hinsicht hat er möglicherweise Recht. Auch bei uns wird es immer schwieriger, Schüler zum Lernen anderer Sprachen als des Englischen zu animieren, weil man sie vermeintlich nicht «brauchen» kann. Der Französischunterricht war in der Deutschschweiz noch nie sonderlich populär, doch inzwischen scheinen ihn viele für vollkommen überflüssig zu halten. Die Lage des Deutschunterrichts in der Romandie dürfte vergleichbar schlecht sein. Das Englische erweist sich insofern wirklich als «Sprachenkiller» (Trabant). Die sprachliche und kulturelle Vielfalt war immer eine der Hauptattraktionen der Schweiz wie Europas. Es wäre schade, wenn wir sie nicht mehr zu schätzen wüssten.

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Versuche eine Sprache einzufrieren oder von äusseren Einflüssen zu schützen gibt es immer wieder. Im Falle von Englisch, basiert die Sprache fast zu 50% aus Deutsch und 50% aus Französisch. Wörter wie hand, finger, moon, cow, house, uvm aus dem germanischen und attention, education, uvm aus franz./latein. Es gibt sogar Wörter die im Hochdeutsch verschwunden sind, in CH & Englisch, wie z.B. gumpe, jump. Geniesst den Wandel der Sprachen, in diesem Fall ist es ein Boomerang und seid stolz das die (noch) Weltsprache auf Deutsch basiert. – Jonathan Crosby

Jede Sprache hat ihren Ursprung u so wie die Sprache sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelte, hat sie auch einen Beitrag an der Entstehung verschiedener Kulturen mitgewirkt. Kurz gesagt, ohne Sprache keine Kultur. Was jetzt passiert ist eine Verschiebung der Sprache dank Globalisierung, wobei sich das Englisch als Weltsprache etabiliert hat, was eben dazu führt, das viele Begriffe, Ausdrücke verenglischt wurden. Es stellt sich nur die Frage, ob wir dadurch auch unsere Kultur verändern oder eine neue Form erstellen wollen aus einem Mix mit der alten? – J. Meyer

Sprachen beeinflussten und beeinflussen sich gegenseitig, gerade das Englische setzt sich aus diversen Sprachen zusammen - aus viel Deutsch, selbst Schweizerdeutsch hat Spuren hinterlassen (muesli, putsch etc.). Wir Deutschschweizer brauchen uns um das Hochdeutsche zuletzt Sorgen zu machen, ist schliesslich nach wie vor unsere Schriftsprache. Unsere Kultur und Sprache des Herzens ist Schweizer Dialekt, Reisen und Arbeit verlangen exzellente Englischkenntnisse. Welcome to Switzerland of the 21st century. – Paesc

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hans-Heiri Schwiizer am 20.05.2013 10:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das ist totaler Quatsch...

    Ja es nervt und zwar gewaltig! Überall und auf Schritt und Tritt wird man in der Zeitung UND/ODER Fensehen mit englischen Wörtern je länger je mehr eingedeckt, ob man will oder nicht! Jede/r Möchte-Gerne-Gross schwafelt und wirft mit englischen Ausdrücken um sich. Wenn sogar im einem kleinen Schweizer-Dorf ein alter Krämerladen mit Eisenwaren eine Schiefertafel auf den Gehsteig hinstellt mit der Aufschrift: Open ist dies lächerlich! Oder in einem andern ländlichen Dorf anstatt Abendverkauf: Night shopping.. Passen wir auf, dass wir mit dieser "Saumode" nicht unsere eigene Sprache verlieren!

  • antiAnglezismen am 20.05.2013 04:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    HIPSTER?!

    dessewegen sehe ich nicht JOIZ ... jedes 3te Wort englisch um jeden Preis "cool" und hip zu sein. Geht mir echt auf die Nerven

  • Klaus D. am 21.05.2013 16:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Halfpipe Sprache

    Das unrühmlichste Beispiel des deutsch- anglistischen Wirrwarr ist die Sprache der Halfipe -Snowborder. Beispiel (Mundart): D'tschatsches händ guet tschatschet". So gesprochen vom Fernseh Kommentator!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Klaus D. am 21.05.2013 16:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Halfpipe Sprache

    Das unrühmlichste Beispiel des deutsch- anglistischen Wirrwarr ist die Sprache der Halfipe -Snowborder. Beispiel (Mundart): D'tschatsches händ guet tschatschet". So gesprochen vom Fernseh Kommentator!

  • Rätus Romanus am 21.05.2013 13:50 Report Diesen Beitrag melden

    Sprache müsste auch gesprochen werden

    Deutsch ist keine Sprache. In deutschland hat auch jeder seinen dialekt. mit den Sprachreformen hat man sich nicht zum ersten mal einer überflüssigen Sprache entledigt. Hovhdeutsch wird geschrieben aber nicht gesprochen gesprochen wird saarländisch und schweizerdeutsch. niemand will sich mit einer Sprache auseinandersetzen die nur theoretisches konstrukt ist. Sprache muss praktisch sein. Siehe rumantsch grischun, das kann auch keine sau, und wäre im romanischen die schriftsprache wie Hochdeutsch. als resultat kann einfach niemand mehr die sprache und sie hat damit den todesstoss erhalten.

  • Lukas Sch. am 21.05.2013 13:37 Report Diesen Beitrag melden

    calm down =)

    veränderungen sind nicht immer was schlechtes. Kaum wird irgendwas (egal ob politik, sport, wissenschaft ect.) geändert fürchtet sich 80% der 20min Leser. So entnehme ich es jedenfalls aus den jeweiligen kommentaren. Aber geändert wird es sowieso also lernt damit umzugehen. DIE EINZIGE KONSTANTE BLEIBT DER WECHSEL !!

  • Martin am 21.05.2013 13:07 Report Diesen Beitrag melden

    alles relativ

    Wenn man die Umgangssprache gewisser Jugendlicher hört, stören mich ein paar englische Ausdrücke relativ wenig.

  • Ludwig D. am 21.05.2013 10:02 Report Diesen Beitrag melden

    Paradoxon!

    Was für ein Paradoxon! Die Schweizer wollen die Muttersprache der Deutschen vor dem Einfluss des Englisch "verteidigen":-) Merkt ihr eigentlich nicht, wo der Wurm drin liegt? Die DEUTSCHEN haben weder ein Problem mit ihrer Muttersprache noch mit dem Englisch! Einzig die "Mieter" der deutschen Sprache, damit meine ich die Deutschschweizer, haben anscheinend ein Problem damit! Wieso?

    • D. Mayer am 21.05.2013 15:01 Report Diesen Beitrag melden

      Bitte was?

      Also ich als Deutscher habe sehr wohl ein Problem mit den Anglizismen in der deutschen Schriftsprache - sie sind teilweise so etwas von unnötig da es auch passende deutsche Wörter gibt - ich habe jedoch überhaupt kein Problem mit den verschiedenen deutschen Dialekten (inkl. Schweizerdeutsch).

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