Laut und Bedeutung

08. September 2018 18:57; Akt: 08.09.2018 18:57 Print

Klingt «Allahu akbar» aggressiv?

von Rolf Maag - Manche empfinden arabische Klänge als bedrohlich. Das hat aber nichts mit der Sprache zu tun.

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Richard Dawkins ist Evolutionsbiologe und der wohl bekannteste Religionskritiker der Welt. Dennoch verfiel er kürzlich in eine sentimentale Stimmung, als er den Glockenklängen der Kathedrale von Winchester (England) lauschte. «So viel angenehmer als das aggressiv klingende ‹Allahu akbar›. Oder ist das nur meine kulturelle Prägung?», twitterte er kurz darauf.

Damit handelte sich Dawkins einen regelrechten Shitstorm ein. Seine Aussage rieche nach Intoleranz und sei von Vorurteilen geprägt, hiess es. Ein Kommentator nannte ihn sogar einen «ermüdenden alten Rassisten» (tedious old racist).

Akzentreduktionstrainer

Dabei steht Dawkins mit seiner Einschätzung keineswegs allein da. In den USA gibt es «Akzentreduktionstrainer» (accent reduction coaches), die ihren arabischsprachigen Kunden weismachen, ihre Sprache höre sich «rau und aggressiv» an. Umfragen zeigen, dass Deutsch im englischsprachigen Raum ähnlich beurteilt wird. Was geht hier vor?

Lautsymbolik

Eine mögliche Erklärung ist ein Phänomen, das Lautsymbolik oder Phonästhesie genannt wird. Damit ist gemeint, dass gewisse Laute mit bestimmten Bedeutungen verknüpft werden, obwohl die Zuordnung von Vorstellungen zu Klängen eigentlich willkürlich ist. So werden die höheren Vokale i und e mit kleinen Dingen assoziiert, die tieferen a, o und u mit grossen. Wenn Sie vermuten, dass im Chinesischen «ch'ing» leicht und «ch'ung» schwer bedeutet, liegen Sie richtig.

In einem Experiment aus dem Jahr 2001 wurden Probanden mit verschiedenen Muttersprachen gebeten, die Fantasiewörter «Kiki» und «Bouba» einem eckigen und einem runden Gebilde zuzuordnen. 95 Prozent nannten die eckige Figur «Kiki». Offenbar wird die Artikulation des Vokals i als «spitz» wahrgenommen.

«Aggressive» Velare

Dawkins schrieb in seinem Tweet «Allahu akhbar» statt «Allahu akbar». Er fügte in dem Wort «akbar» (vielleicht unabsichtlich) also ein h hinzu. Der Linguist Christopher Lucas weist darauf hin, dass der velare (am hinteren Gaumen gebildete) Laut kh (oder ch) von den meisten Menschen, in deren Muttersprache er nicht vorkommt, als unangenehm, ja aggressiv empfunden wird. Fragt man Briten, wie die deutsche Sprache auf sie wirke, antworten sie gemäss Lucas: «Sie ist hässlich! Es gibt all diese Kh-Laute!»

Urteile über Gruppen

Allerdings kommen auch im Niederländischen zahlreiche velare Laute vor. Diese Sprache wird von Anglophonen oder Sprechern romanischer Sprachen vermutlich auch als hässlich, aber kaum als aggressiv empfunden. Das hat damit zu tun, dass sich Urteile über Gruppen auf deren Sprache übertragen. Mit den Deutschen verbinden die Briten die Erinnerung an zwei Weltkriege, während die Niederländer als harmloses und friedfertiges Volk gelten.

In einem späteren Tweet schrieb Dawkins, dass er bei «Allahu akbar» an Selbstmordattentäter denken müsse, die diesen Ruf vor ihrer Tat ausstossen. Das dürfte die obige These bestätigen: «Allahu akbar» erscheint ihm aggressiv, weil ihn diese Wendung an Mörder aus dem arabischen Raum erinnert. Hätte er sie ursprünglich als Gebetsruf kennen gelernt, wären seine Gefühle wohl andere.