Umstrittene These

05. Mai 2019 20:58; Akt: 05.05.2019 20:58 Print

Löst der Klimawandel Kriege aus?

von Rolf Maag - Wissenschaftler machen den Klimawandel für die Kriege in Darfur und Syrien verantwortlich. Das stösst auf Widerspruch.

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2003 begannen Flugzeuge der sudanesischen Armee damit, Fassbomben auf Dörfer in Darfur, einer Region im Westen des Landes, abzuwerfen. Anschliessend plünderten Janjawid genannte Reitermilizen die Siedlungen und brannten die Häuser, die noch standen, nieder. Die Bewohner wurden meist umgebracht.

Der Konflikt in Darfur ist bis heute nicht beigelegt. Er hat Hunderttausende von Todesopfern gefordert und Millionen von Menschen in die Flucht getrieben. Bereits 2007 vermutete der damalige UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon, dass der Klimawandel eine seiner Ursachen war.

In Darfur konkurrieren sesshafte afrikanische Ackerbauern und nomadische arabische Viehzüchter um den fruchtbaren Boden. Dieser ist seit einer Dürre im Jahr 1984 immer knapper geworden, weil auch die durchschnittliche jährliche Regenmenge in dieser Zeit um etwa 40 Prozent gesunken ist. Zusammen mit dem enormen Bevölkerungswachstum waren die Bedingungen für den Konflikt gegeben, in dem sich die sudanesische Regierung an die Seite der Nomaden stellte.

Syrien

Der Sozialpsychologe Harald Welzer weist in der «Süddeutschen Zeitung» darauf hin, dass auch dem Krieg in Syrien eine Dürreperiode vorausgegangen ist. Weil das Assad-Regime die Betroffenen im Stich liess und bestehende Unterstützungsleistungen sogar kürzte, wuchs die Bereitschaft zur Rebellion. Auch in anderen arabischen Ländern folgten die Aufstände auf drastische Erhöhungen der Lebensmittelpreise, die wiederum etwas mit extremen Wetterereignissen zu tun hatten.

Für den Braunschweiger Konfliktforscher Tobias Ide, der Mitautor einer Studie zu diesem Thema ist, zäumt Welzer das Pferd am Schwanz auf. Die Ursachen der Konflikte in Darfur und Syrien lägen weit in der Vergangenheit. Weil in diesen Regionen inzwischen auch die Auswirkungen des Klimawandels spürbar seien, halte man diese fälschlicherweise für die Ursache der Auseinandersetzungen.

17. Jahrhundert

In seinem Buch «Global Crisis» hat der britische Historiker Geoffrey Parker aber für die Vergangenheit zumindest einen statistischen Zusammenhang zwischen einer markanten Änderung des Klimas und der Häufigkeit von Konflikten gezeigt. Für das 17. Jahrhundert, in dem sich das Klima überall deutlich abkühlte, zählte er weltweit 5193 Konflikte, für das 16. Jahrhundert lediglich 732.

Gescheiterte Staaten

In reichen und stabilen Staaten wie Deutschland führen extreme Umweltereignisse, etwa die Oderflut von 1997, nicht zu Konflikten, weil die Regierung den Betroffenen schnell und effizient hilft. In instabilen oder gar gescheiterten Staaten wie Syrien oder dem Sudan dagegen können Dürren oder Wasserknappheit Verteilungskämpfe nach sich ziehen, die unter Umständen lange andauern, weil sie eine gute Geschäftsgrundlage für Kriegsunternehmer (Warlords) bilden. Man wird Welzer deshalb vermutlich recht geben müssen, wenn er schreibt, dass Klimapolitik auch Sicherheitspolitik sei.