Massaker in Warschau

01. August 2019 09:09; Akt: 01.08.2019 09:09 Print

Die grausame Rache der Nazis an den Polen

von Rolf Maag - Am 1. August 1944 erhob sich die polnische Heimatarmee gegen die deutschen Besetzer Polens. Den Aufstand schlug eine SS-Einheit mit unvorstellbarer Grausamkeit nieder.

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Der SS-Sonderverband Dirlewanger war vermutlich die brutalste Truppe, die Hitlerdeutschland im Zweiten Weltkrieg einsetzte. Ab 1942 bekämpften seine Mitglieder offiziell Partisanen in Weissrussland. In Wahrheit ermordeten sie aber vor allem Zivilisten, die sie der Zusammenarbeit mit dem Feind verdächtigten. Ihre Spezialität war es, die lokale Bevölkerung in Scheunen einzuschliessen, die sie dann anzündeten. Diejenigen, die dem Flammeninferno entkamen, wurden von Maschinengewehrschützen niedergemäht.

Oskar Dirlewanger, der Anführer der Einheit, war ein mehrfach verurteilter Krimineller. Unter anderem verbrachte er zwei Jahre im Gefängnis, weil er eine 13-Jährige vergewaltigt hatte. Dennoch sah der Reichsführer SS Heinrich Himmler in Dirlewanger einen fähigen Kommandanten, weil er im Ersten Weltkrieg erhebliche Kampferfahrung gesammelt hatte. Er durfte eine Einheit zusammenstellen, die vor allem aus überführten Wilderern bestand. Die Nazis hielten diese Leute für echte «germanische» Typen, die sich nicht der Tyrannei des Gesetzes beugten.

Beginn des Aufstands

Am 1. August 1944 erhob sich die polnische Heimatarmee in Warschau gegen die deutschen Besatzer. Ihre Anführer hofften, im Nachkriegspolen eine wichtige Rolle spielen zu können, wenn sie einen militärischen Beitrag zur Befreiung leisteten. Ausserdem meinten sie, die sowjetische Rote Armee, die nur wenige Kilometer östlich von Warschau stand, werde ihnen zu Hilfe kommen. Hitler ordnete an, Warschau dem Erdboden gleichzumachen und dabei keinerlei Rücksicht auf Zivilisten zu nehmen.

Massaker von Wola

Bei der Ausführung dieses Befehls kam es zu den schlimmsten Exzessen von Dirlewangers Leuten. Sie waren vor allem im von der polnischen Heimatarmee besetzten Arbeiterquartier Wola aktiv, wo sie Frauen und Kinder als menschliche Schutzschilde missbrauchten, wenn sie gegen feindliche Stellungen vorrückten.

Sie brannten auch drei Spitäler nieder, ohne die Patienten vorher in Sicherheit zu bringen. Die Krankenschwestern verschleppten sie in ihr Lager, wo sie sie auspeitschten, vergewaltigten und schliesslich nackt aufhängten.

Stalins Tatenlosigkeit

Als der Warschauer Aufstand am 1. Oktober endete, waren mindestens 150'000 Polen ums Leben gekommen, 90 Prozent der Häuser waren zerstört. Der sowjetische Diktator Stalin hatte nichts unternommen, um dieses Gemetzel zu verhindern. Er war nicht daran interessiert, dass die nichtkommunistische Heimatarmee an Prestige gewann und ihm womöglich bei der Neuordnung Polens nach dem Krieg Ärger machte. Nachdem die Rote Armee im Januar 1945 endlich in Warschau einmarschiert war, wurden sogar viele für ihren Kampf gegen die Deutschen bestraft. In Stalins Augen war nur der kommunistische Widerstand gegen Hitler legitim.

Dirlewangers Ende

Oskar Dirlewanger wurde 1945 in einem französischen Kriegsgefangenenlager interniert. Dort gab es polnische Wachsoldaten, die ihn erkannten und wahrscheinlich zu Tode folterten.

Von den übrigen Angehörigen seiner Einheit wurde nie jemand juristisch belangt. Einige machten nach dem Krieg sogar Karriere, und das ausgerechnet in der DDR. Sie wirkten beim Aufbau des Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi) mit.