Absolutes Gedächtnis

25. August 2019 12:49; Akt: 25.08.2019 12:49 Print

Vom Horror, nichts mehr vergessen zu können

von Rolf Maag - Ein gutes Gedächtnis ist eigentlich von Vorteil. Wenn es aber zu gut ist, kann es für die Betroffenen zur Qual werden.

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Jill Price (geboren 1965) hat seit ihrem 14. Lebensjahr detaillierte Erinnerungen an jeden einzelnen Tag. Zusammen mit einem Ghostwriter verarbeitete sie ihre Erlebnisse in einem Buch. James McGaugh prägte für Price' Zustand den Fachbegriff Hyperthymesie. Eine andere Bezeichnung dafür ist HSAM (Highly Superior Autobiographical Memory). Von seiner Arbeit mit Price erhofft er sich Aufschluss über Alzheimer. Solomon Schereschewski (1886–1958) konnte sich beliebig lange Reihen von Zahlen und Buchstaben merken. Er trat als Gedächtniskünstler auf und verblüffte die Zuschauer mit seinen phänomenalen Leistungen. Der Neuropsychologe Alexander Luria befasste sich jahrelang mit Schereschewski. Gemeinsam entwickelten sie eine Vergessenstechnik: Schereschewski schrieb auf, was er vergessen wollte. Anschliessend zerriss oder verbrannte er den Zettel. 1968 zog er Bilanz in einem Buch. Der deutsche Titel lautet «Kleines Porträt eines grossen Gedächtnisses». Sigmund Freud (1856–1933) war der Begründer der Psychoanalyse. Er glaubte, dass wir alle eigentlich nichts vergessen, sondern unangenehme Erinnerungen lediglich ins Unterbewusste verdrängen. Die Aufgabe des Therapeuten bestehe darin, diese dem Patienten wieder zugänglich zu machen. Der Neurologe Oliver Sacks (1933–2015) beschrieb in seinem Buch «Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte» das Gegenteil von Price und Schereschewski, nämlich eine schwere Amnesie (Gedächtnisverlust). Einer seiner Patienten konnte ab 1946 keine neuen Erinnerungen mehr bilden. Für ihn war die Zeit sozusagen stehen geblieben.

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Als der Hirnforscher James McGaugh am 24. Juni 2000 in seinem Büro an der University of California in Irvine auf Jill Price wartete, war er skeptisch. Die damals 34-jährige Frau hatte in einem E-Mail behauptet, sie könne sich seit ihrem 14. Lebensjahr an jeden Tag detailliert erinnern.

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Als Price vor ihm sass, fragte McGaugh, wann die Geiselhaft der Mitarbeiter der US-Botschaft in Teheran begonnen habe. Das sei am 4. Novemner 1979 gewesen, antwortete Price. Richtig sei der 5. November, korrigierte McGaugh, vor dem eine Chronik des 20. Jahrhunderts lag. Weil Price auf ihrer Antwort beharrte, konsultierte McGaugh andere Quellen. Price hatte recht.

Autobiografisches Gedächtnis

In den folgenden Jahren unterzogen McGaugh und seine Mitarbeiter Price einer Reihe von Tests. Es stellte sich heraus, dass ihr autobiografisches Gedächtnis nahezu reibungslos funktionierte. Ob ihre Erinnerungen zutrafen oder nicht, konnten sie anhand eines Tagebuchs überprüfen, das Price seit über 20 Jahren führte. Es umfasste damals rund 50'000 Seiten.

Price wusste zum Beispiel, wann Bing Crosby gestorben war (am 14. Oktober 1977), weil sie es an diesem Tag im Radio gehört hatte. Sie erinnerte sich aber auch an eine Unmenge von Trivialitäten aus ihrem Alltag, etwa wann sie zum dritten Mal Auto gefahren war oder was sie am 20. Juli 1985 zu Mittag gegessen hatte. McGaugh prägte für Price' Zustand den Fachbegriff Hyperthymesie. Weltweit leiden vermutlich weniger als 100 Personen daran.

Sehnsucht nach dem Vergessen

Leiden ist in diesem Fall das richtige Wort, denn Price wäre froh, wenn sie nicht über diese Fähigkeit verfügen würde. In einem Buch, das sie mit einem Ghostwriter verfasst hat, heisst es: «Stell dir vor, dich an jeden Streit erinnern zu können, den du je mit einem Freund hattest; an jedes Mal, als dich jemand enttäuschte; an all die Fehler, die du gemacht hast. Und nun stell dir vor, das alles nicht aus deinem Kopf zu bekommen, so sehr du es auch versuchst.»

Ein Gedächtniskünstler

Ein noch seltsamerer Fall trug sich in den 1930er-Jahren in der Sowjetunion zu. Der Journalist Solomon Schereschewski erinnerte sich an jedes einzelne Wort, das in der Redaktionssitzung gesagt worden war. Im Gegensatz zu Price, die nur eigene Erlebnisse im Gedächtnis hat, konnte er sich auch lange, völlig sinnlose Reihen von Zahlen oder Buchstaben merken. Schereschewski tourte später durch durch die russische Provinz und verblüffte die Zuschauer mit seinen Gedächtnisleistungen.

Doch wie Price litt auch Schereschewski unter seiner Fähigkeit. Zusammen mit dem Psychiater Alexander Luria, der Schereschewskis Fall 1968 in einem Buch beschrieb, entwickelte er eine Art Vergessenstechnik. Er schrieb auf, was er vergessen wollte, und zerriss oder verbrannte anschliessend den Zettel. Es scheint geholfen zu haben.

Selektives Vergessen der Geschichte

Dass Vergessen heilsam sein kann, gilt nicht nur auf der individuellen, sondern auch auf der kollektiven Ebene. Zwar ist es wichtig, die Erinnerung an vergangene Schrecken und Grosstaten wachzuhalten, sonst könnten sie ja nicht als Warnung beziehungsweise Vorbild dienen. Es ist aber nicht hilfreich, wenn sich Völker rituell an Niederlagen oder Demütigungen erinnern. Das fördert nur den Rachedurst, wie sich besonders deutlich in den Balkankriegen in den 1990er-Jahren zeigte.

Der Historiker Christian Meier schrieb daher: «Was alles wäre Millionen Menschen, ja Europa und der Welt erspart geblieben, wenn die Serben die Schlacht auf dem Amselfeld und die Türkenherrschaft vergessen (oder jedenfalls nicht so verdammt lebendig erinnert) hätten.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Schorsch Gaggo am 25.08.2019 13:27 Report Diesen Beitrag melden

    Potz Holzöpfel und Zipfelchappä

    ich habe ein sogenanntes "Kasperli-Gedächtnis".. ich vergesse was ich gestern zu Mittag gegessen habe.. aber selbst nach über 45 Jahren erinnere ich mich noch an die allmeisten Folgen vom "Kasperli" Wort für Wort... smile

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  • Kaa73 am 25.08.2019 13:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Erstaunlich

    Intressanter Artikel und ja, nicht auszudenken, wie belastend es wäre, nichts aber auch gar nichts mehr vergessen zu können. Eine Frage, die ich mir so, wirklich auch noch nie gestellt habe. Sicherlich auch äusserst intressant für die Forschung. Stellt sich mir die Frage, weshalb kriegen einzelne Menschen solch eine Fähigkeit und andere nicht? Demnach, ist Vergesslichkeit, im gesunden Mass ja ein Schutz? Und was wäre also, wenn alle diesen Schutz nicht mehr hätten?

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  • Peter Willswissen am 25.08.2019 13:39 Report Diesen Beitrag melden

    Danke

    Danke für diesen Text und die Gedanken. Die Kunst des Vergessens ist uns leider abhanden gekommen: Vergebung setzt eine Art Vergessen voraus...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • CAllMEDude am 26.08.2019 15:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Trinken

    Wie wirkt wohl Alkohol auf diese Gehirne?

  • Stefan Wüthrich am 26.08.2019 13:16 Report Diesen Beitrag melden

    Buchserie von David Baldacci

    In den Büchern mit Amos Decker in der Hauptrolle geht es genau um dieses Thema. Unglaublich spannend geschrieben, sehr zu empfehlen.

  • Roger am 26.08.2019 13:13 Report Diesen Beitrag melden

    ...leider!

    Leider bin ich auch so ein Fall, ich kann mich detailliert an jeden Tag seit meinem 6ten Lebensjahr erinnnern. Und ich erkenne Menschen wieder, die mir als Kleinstkind begegneten. - Das ist echt belastend, wie gerne möchte ich vergessen können!!

  • Rigorosa am 26.08.2019 11:58 Report Diesen Beitrag melden

    Mühsam

    Mein Hirn/Gedächtnis ist auch zu voll. Ich weiss noch mehrstellige Kontonummern von Kunden, arbeite aber seit über 20 Jahren nicht mehr für diese Firma, Auto- und Telefonnummern dasselbe, alles gespeichert. Es ist eine Belastung, es gibt keinen Schalter, den man auf "offline" stellen kann. Als ich wegen Erschöpfungszuständen beim Arzt war, nannte er unter anderem dies als Grund, da mein Hirn auch nachts nicht, wie es sollte, runter fährt. Es fehlt so der richtige Tiefschlafmodus.

    • Roger am 26.08.2019 13:14 Report Diesen Beitrag melden

      Kenne ich...

      ...leider auch nur zu gut!

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  • Opfer am 26.08.2019 11:35 Report Diesen Beitrag melden

    Geht mir auch so

    Kann nicht vergessen wie viel Steuern ich schon zahlen musste :(