140 Jahre Deutschland

18. Januar 2011 18:23; Akt: 18.01.2011 18:42 Print

Schwarz, Rot, Geburtstag

von Rolf Maag - Am 18. Januar 1871 wurde der preussische König Wilhelm I. in Versailles zum deutschen Kaiser gekrönt. Der lange Prozess der deutschen Einigung fand damit seinen Abschluss.

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Geburtsstunde des Deutschen Reiches: Wilhelm I. wird zum Kaiser gekrönt. (Bild: Wikipedia.org)

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Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es keinen deutschen Nationalstaat, sondern lediglich eine Vielzahl von Königreichen, Fürstentümern und Stadtrepubliken, in denen vorwiegend deutsch gesprochen wurde. An ihrer Spitze stand formell der Kaiser des «Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation», der jedoch seit Langem über keine wirkliche Macht mehr verfügte.

Das Ende des alten Reiches

Der letzte «römische» Kaiser, der in Wien residierende Habsburger Franz II., wurde 1806 von Napoleon I. zum Rücktritt gezwungen. Der französische Machthaber hatte sich bereits 1804 selbst die Kaiserkrone aufgesetzt, und er war keinesfalls bereit, einen nominell gleichberechtigten Herrscher neben sich zu dulden.

Kampf gegen Napoleon

Ungewollt wurde Napoleon aber nun zu einem Förderer der deutschen Nationalbewegung. In den «Befreiungskriegen» gegen die französischen Besatzer waren die deutschen Staaten zur Zusammenarbeit gezwungen; bald wurden Stimmen laut, die die Gründung eines deutschen Nationalstaates forderten. Von der Einheit versprachen sie sich auch Freiheit: Der ins Auge gefasste Bundesstaat sollte eine liberale Verfassung erhalten, die das Volk an der Macht beteiligen und die Grundrechte garantieren würde.

Der Deutsche Bund

Doch auf dem Wiener Kongress, der 1815 eine neue Friedensordnung in Europa schuf, erfüllte sich keine der beiden Hoffnungen. Es wurde zwar der «Deutsche Bund» ins Leben gerufen, doch dabei handelte es sich nicht etwa um einen Bundesstaat, sondern lediglich um eine losen Staatenbund von 41 souveränen Staaten. Das einzige gemeinsame Organ war der «Bundestag», der in Frankfurt am Main tagte. Die Delegierten, die dort Fragen von gesamtdeutschem Interesse berieten, waren keine vom Volk gewählten Parlamentarier, sondern von den Regierungen ernannte Gesandte. Die beiden monarchisch und autoritär regierten Grossmächte Österreich und Preussen hatten innerhalb des Gebildes eine äusserst dominante Stellung.

Zensur und Verfolgung

Sie waren es auch, die der Nationalbewegung bald noch grösseres Kopfzerbrechen bereiteten. Nachdem der national gesinnte Student Karl Ludwig Sand den konservativen Dichter August von Kotzebue ermordet hatte, wurden 1819 unter der Federführung des österreichischen Kanzlers Metternich die «Karlsbader Beschlüsse» gefasst. Sie bildeten die gesetzliche Grundlage für eine intensive Zensur, Bespitzelung und Überwachung der «Nationalen», die Jahrzehnte lang anhielt.

1848: Keine Einigung

Im Februar und März 1848 kam es in vielen Ländern Europas, auch in den deutschen Staaten, zu Aufständen; vielerorts bildeten bereits die durch die Industrialisierung entstandenen sozialen Probleme den Anlass. In Deutschland wurde die nationale Frage nun wieder auf die Tagesordnung gesetzt. In der Frankfurter Paulskirche trat eine Nationalversammlung zusammen, die vor allem aus Vertretern des Bürgertums bestand. Sie hatte sich vorgenommen, eine deutsche Verfassung auszuarbeiten. Die meisten Delegierten befürworteten eine «grossdeutsche» Lösung, das heisst eine deutsche Einigung unter Einschluss Österreichs.

Kleindeutsche Lösung

Da die Machthaber in Wien aber gar nicht daran dachten, ihren Vielvölkerstaat preiszugeben, versuchte man es notgedrungen mit der «kleindeutschen» Variante, also einem Bundesstaat ohne Österreich unter der Führung Preussens. Im Frühjahr 1849 wurde dem preussischen König Friedrich Wilhelm IV. die deutsche Kaiserkrone angeboten, die dieser allerdings barsch zurückwies, da er weiterhin «von Gottes Gnaden» zu herrschen gedachte und nicht von einer gewählten Volksvertretung abhängig sein wollte.

Der Deutsche Krieg

1866 spitzte sich der Konflikt zwischen Österreich und Preussen zu. Den Anlass bildeten Meinungsverschiedenheiten über die gemeinsame Verwaltung Schleswig-Holsteins, das man 1864 dem dänischen König in einem kurzen Gefecht entrissen hatte. Im Sommer kam es zum Krieg. Am 3. Juli 1866 errang die preussische Armee bei Königgrätz in Böhmen einen glänzenden Sieg über ihre österreichischen Gegner. Die «grossdeutsche» Lösung war damit endgültig vom Tisch. Ein Jahr später wurde unter der Führung Preussens der «Norddeutsche Bund» gegründet, der alle deutschen Staaten nördlich der Mainlinie umfasste. Den mehrheitlich katholischen süddeutschen Staaten, die der Dominanz des protestantisch geprägten Preussen misstrauten, wurde die Option eines späteren Beitritts offengelassen.

Die engültige Einigung

Das Haus Hohenzollern stellte seit Langem den preussischen König. Im Februar 1870 wurde nun dem Erbprinzen Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen angeboten, den vakanten spanischen Thron zu besteigen. Frankreichs Kaiser Napoleon III., ein Neffe des ersten Napoleon, war alarmiert, da er eine hohenzollersche Umklammerung als bedrohlich empfand. Leopold lenkte ein und verzichtete am 12. Juli auf den Thron. Doch das reichte den Franzosen nicht: Am folgenden Tag sprach der französische Gesandte beim Norddeutschen Bund den preussischen König Wilhelm I., der gerade in Bad Ems zur Kur weilte, auf die Angelegenheit an und verlangte von ihm die Zusicherung, dass er einer erneuten Kandidatur des Prinzen unter keinen Umständen seinen Segen geben würde. Wilhelm lehnte ab.

Emser Depesche


Sogleich wurde ein Telegramm nach Berlin geschickt, das den Verlauf des Gesprächs schilderte; der preussische Ministerpräsident Otto von Bismarck kürzte es erheblich und liess so den beleidigenden Charakter der französischen Forderung überdeutlich hervortreten. Als die deutsche Öffentlichkeit von der «Emser Depesche» erfuhr, herrschte allgemeine Empörung. In der Gegnerschaft zu Frankreich waren sich zu diesem Zeitpunkt beinahe alle Deutschen einig; auf einen solchen Moment hatte Bismarck gewartet, um den Einigungsprozess abschliessen zu können. Im anschliessenden «Deutsch-Französischen Krieg» erlitten die Franzosen am 2. September 1870 bei Sedan eine vernichtende Niederlage, Napoleon III. wurde gefangen genommen. Im Rausch des Sieges gaben nun auch die süddeutschen Staaten allmählich ihren Widerstand gegen die Gründung des «Deutschen Reiches» auf. Damit auch Bayern zustimmte, musste Bismarck allerdings eine Reihe von Zugeständnissen machen: Der Freistaat durfte weiterhin eine eigene Post, eine eigene Eisenbahn und in Friedenszeiten sogar eine eigene Armee unterhalten.

Die Krönung

Am 18. Januar 1871 war es so weit: Preussens König Wilhelm I. wurde im Spiegelsaal von Versailles (der Krieg mit Frankreich war noch im Gang) zum Kaiser des neu geschaffenen Deutschen Reiches gekrönt, der militärisch und wirtschaftlich stärksten Macht Europas. Niemand erkannte die Bedeutung dieses Ereignisses klarer als der britische Premierminister Disraeli. Am 9. Februar erklärte er im Unterhaus: «Dieser Krieg bedeutet die deutsche Revolution, ein grösseres politisches Ereignis als die Französische Revolution des vergangenen Jahrhunderts... Was aber hat sich jetzt ereignet? Das Gleichgewicht der Macht ist völlig zerstört; und das Land, welches am meisten darunter leidet..., ist England.» Er sollte weitgehend recht behalten.