Durchstich am Meisterwerk

31. März 2011 12:03; Akt: 31.03.2011 12:08 Print

Seit 100 Jahren gibts ein Loch im Lötschberg

101 Kanonenschüsse weckten am Morgen des 31. März 1911 die Bewohner der Bundesstadt Bern. Sie verkündeten einen historischen Erfolg der Tunnelbauer.

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Durchstich des Scheiteltunnels (Bild: BLS)

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Der Salut aus den Kanonenrohren feierte den lang ersehnten Durchstich am Lötschberg. Punkt 03:50 Uhr an diesem Morgen war der Durchschlag nach fünfjährigen Bauarbeiten geglückt.

100 Jahre später wollen die Kantone Bern und Wallis das Ereignis gemeinsam feiern. Ein Extrazug führt am Donnerstag ranghohe Politiker und Beamte aus beiden Kantonen zusammen mit BLS-Vertretern zuerst nach Kandersteg BE, dann nach Goppenstein VS.

Sprengung am falschen Ort

Die Ansprachen werden sich um ein Meisterwerk des Tunnelbaus und um beeindruckende Vermessungsarbeit drehen, aber auch um die schweren Unfälle, welche die Bauarbeiten überschatteten. Die schlimmste Katastrophe im Juli 1908 kostete 25 Männer das Leben.

Nach einer Sprengung am falschen Ort drangen Unmengen von Sand, Kies und Schlamm in den Stollen unter dem Gasterntal ein - und verschlangen alles auf ihrem Weg. Im Talboden ist noch heute eine Geländesenkung sichtbar.

Ebenfalls 1908 starben 13 Arbeiter in ihrer Unterkunft auf der Südseite, als eine Lawine niederging. Zwischen 1906 und 1911 liessen insgesamt 64 Tunnelarbeiter ihr Leben.

Grosse Aufregung

Die allermeisten Beschäftigten im Tunnel waren Italiener. Grosse Nervosität machte sich in den letzten März-Tagen 1911 spürbar, als der Durchschlag immer näher rückte.

«Wir hatten immer am Tunneleingang angeschlagen, wie viele Meter noch zu durchbrechen seien», erinnerte sich später der auf Berner Seite verantwortliche Oberingenieur Ferdinand Rothpletz. «Das war unklug, denn die Arbeiter versuchten das Glück zu beeinflussen, indem sie weniger oder gar nicht mehr arbeiteten, damit der Durchbruch auf ihre Schicht falle.»

Am 31. März war es dann doch soweit. 7,367 Kilometer vom Nordportal und 7,237 Kilometer vom Südportal entfernt hörten die Mineure auf beiden Seiten Bohr- und Sprenggeräusche vom anderen Ende. Schier endlos lange erfüllte das Rattern der Bohrer den Raum, bis endlich der Schrei «Traforo, traforo» («durchbohrt») ertönte.

«Die schönsten Blumen»

Wenig später «streckte mir Oberingenieur Moreau an einem Bohrer ein Blumensträusschen durch das Loch entgegen», berichtete Ferdinand Rothpletz. «Das sind die schönsten Blumen, die ich meiner Lebtag gesehen habe» - Blumen, die mit Hilfe von 961 Tonnen Sprengstoff den Besitzer wechselten.

Der Durchstich war auch ein Triumph für die Vermessungstechniker. Obwohl nach dem Unfall von 1908 eine Umgehung von 800 Metern Länge nötig wurde, wichen die Vortriebe beim Zusammentreffen nur 10,2 Zentimeter in der Höhe und 25,7 Zentimeter in der Seite voneinander ab.

Zwei Jahre später wurde das Bauwerk vollendet. Am 15. Juli 1913 nahm die Lötschbergbahn den regelmässigen Personen- und Güterverkehr zwischen Bern und dem Wallis und Italien auf.

Autoverlad und Regionalverkehr

In den 1950er Jahren führte die BLS den Autoverlad durch den Lötschbergtunnel ein. Das erspart den Autofahrern seither den grossen Umweg über die Genferseeregion.

Für den Personen-Fernverkehr hat der Tunnel dagegen an Bedeutung verloren: Der 2007 eröffnete Lötschberg-Basistunnel verkürzte die Reisezeit zwischen Nord und Süd um eine Stunde. Für den Autoverlad sowie den Regional- und Güterverkehr leistet der alte Tunnel aber weiterhin wertvolle Dienste.

(sda)