Sexuelle Vorlieben

20. Dezember 2014 22:56; Akt: 20.12.2014 22:56 Print

Sind wir alle pervers?

von Rolf Maag - Sexuelle Orientierungen sind nie pervers, sondern nur mehr oder weniger häufig. Deshalb sollten wir sie nur verurteilen, wenn sie Schaden anrichten, sagt ein Psychologe.

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Menschen können auf ungewöhnliche Weise sexuell erregt werden

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2007 fand in Paris eine Vermählung der besonderen Art statt: Eine ehemalige US-Soldatin namens Erika «heiratete» den Eiffelturm. Die Ehe wurde sogleich vollzogen, indem sich Erika auf eine Verstrebung ihrer Auserwählten (der Eiffelturm ist ihrer Meinung nach weiblich) setzte. Zuvor war Erika in die Golden-Gate-Brücke in San Francisco verliebt gewesen.

Erika La Tour Eiffel, wie sie sich mittlerweile nennt, ist objektophil. Menschen mit dieser Veranlagung werden von Gegenständen nicht nur sexuell erregt, sondern sie schreiben ihnen auch Persönlichkeiten und Emotionen zu. So erging es auch der Schwedin Eija-Riita Eklöf, die 1979 die Berliner Mauer ehelichte. Es überrascht nicht, dass sie sich heute als Witwe betrachtet.

Von Treppen und Ameisen

Objektophilie ist aber bei weitem nicht die ausgefallenste sexuelle Veranlagung, die der amerikanische Evolutionspsychologe Jesse Bering in seinem Buch «Perv: The Sexual Deviant in All of Us» beschreibt. Klimakophile finden es erregend, wenn sie eine Treppe hinunterfallen. Richtig eklig wird es dann bei den Formikophilen: Diesen Menschen bereitet es Lust, wenn Ameisen (wahlweise auch Termiten, Kakerlaken oder Schnecken) über ihre Genitalien kriechen.

Der Perverse in uns

Heute sind mehr als 500 von der Norm abweichende sexuelle Orientierungen bekannt. Bering geht es jedoch nicht darum, seine Leser mit einer Aufzählung von Kuriositäten zu erschrecken oder zu erheitern. Er wirbt um Verständnis für die Betroffenen. Nur zu gut erinnert er sich an die Diskriminierungen, denen er als Homosexueller früher selbst ausgesetzt war.

Bering will «Normalität» als statistischen, nicht als moralischen Begriff verstanden wissen. Wir sollten ungewöhnlich veranlagte Menschen nicht als «pervers» verdammen, sondern ausschliesslich danach beurteilen, ob sie anderen Schaden zufügen.

Ausserdem meint er, wir alle seien im Lauf unseres Lebens schon von seltsamen «erotischen Zielen» erregt worden. Mit entwaffnender Offenheit bekennt Bering, dass er als Teenager zum Bild eines Neandertalers masturbierte – andere Darstellungen nackter Männer standen ihm damals nicht zur Verfügung. Das Motto seines Buches lautet daher: «For you, you pervert, you.»

Pädophile früh erkennen

Die Ursachen dieser abweichenden Vorlieben sind unklar. Wahrscheinlich sind sie in frühkindlichen Prägungen zu suchen. Bering beschreibt den Fall eines Akrotomophilen – Menschen die von Sex mit Amputierten träumen. Als Kind hatte er sich in eine Frau verliebt, der ein Bein fehlte.

Erwiesen ist, dass eine sexuelle Orientierung nicht mehr zu ändern ist, wenn sie sich einmal verfestigt hat. Das gilt auch für die Veranlagung, die heute wohl am meisten Abscheu hervorruft: die Pädophilie. Es ist ebenso hoffnungslos, einem Pädophilen seine Sehnsucht nach vorpubertären Kindern austreiben zu wollen, wie wenn man einem Schwulen klarmachen will, dass er noch nicht die richtige Frau gefunden hat.

Weil Sex mit Erwachsenen Kinder traumatisiert, müssen Pädophile davon abgehalten werden, ihren Wünschen entsprechend zu handeln oder Kinderpornografie zu konsumieren. Dieses Ziel erreichen wir aber nicht, so Bering, wenn wir sie schon wie Monster behandeln, bevor sie überhaupt etwas getan haben. Vielmehr sollten wir sie auf Therapieangebote aufmerksam machen, die ihnen dabei helfen, ihre Wünsche nur in der Fantasie auszuleben. Bering verweist auf das Präventionsnetzwerk «Kein Täter werden», das seit 2005 in Deutschland erfolgreich ist. Auch in der Schweiz gibts es Therapiemöglichkeiten für Pädophile, etwa am Forensischen Institut Ostschweiz.

Ein Interview mit Jesse Bering:

(Video: Youtube/DOC7ORT)

Der aktuelle Spot des Präventionsnetzwerks «Kein Täter werden»:

(Video: Youtube/KeinTaeterWerden)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Reto am 20.12.2014 23:24 Report Diesen Beitrag melden

    Helfen, Schäden zu verhindern

    Mir gefällt der Aufruf: "Wir sollten ungewöhnlich veranlagte Menschen nicht als «pervers» verdammen, sondern ausschliesslich danach beurteilen, ob sie anderen Schaden zufügen." Dazu passt auch, dass man Veranlagungen nicht verteufelt, sondern die Leute ernst nimmt und ihnen die Möglichkeit und Unterstützung gibt, Schäden zu verhindern. Denn wer es schafft zu leben, ohne jemandem zu Schaden und dabei auf das Ausleben der eigenen Veranlagung verzichten muss, der oder die ist richtig stark!

  • SH am 20.12.2014 23:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Toller Bericht

    Ein sehr toller Bericht, welcher auf die unterschiedlichen Neigungen hinweist. Niemand kann etwas dafür, in welche Richtung unsere sexuelle Neigung geht. Wir sind aber verantwortlich für unser Handeln. Die Selbsthilfegruppe in DE ist prima, Menschen zu helfen, dass kein Schaden passiert. Dies ist die Richtung, die den Pädophilen und den Kindern hilft. Es bräuchte einfach viel Aufklärung! Und Mut der Betroffenen!

  • Doris j. am 20.12.2014 23:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Perspektive

    Ich frag mich wie man gewisse Neigungen herausbekommt. Wie oft läuft einem denn eine Schabe über die Genitalien? Ist mir noch nie passiert...wer weiss was für Neigungen da noch bei den meisten Menschen verborgen liegen...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Deborah am 22.12.2014 18:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gegenseitige Akzeptanz

    Wir alles tragen eine Lust in uns und dieser Mann hat es erreicht ein Buch zu schreiben, was uns beibringt uns gegenseitig zu akzeptieren wie wir sind. Auch wenn man dabei Ausnahmen machen muss, um für den Schutz der Kinder zu sorgen. (Mit dem Beispiel der Pädophielen) Wir tragen alle eine Fasade, aber man muss dahinter sehen und seine emotionale Intelligenz einschalten.

  • Jeton am 22.12.2014 00:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jaja

    Weiss jemand ist die kappler brücke immer noch mit dem prime tower zusammen oder ist sie wieder singel

  • Sumia am 21.12.2014 23:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Papier..

    Meine Neigung hat nicht wirklich etwas mit der Optik zu tun oder mit einem Objekt...Es ist ein Geräusch das mich sehr anmacht...Das falten von Papier...Ich bekomme immer Gänsehaut davon. (deshalb gehe ich auch jede Woche in den Bastel-Club mit Papier)...:-P

  • bibabutzemann am 21.12.2014 23:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kapuze

    Stehe voll auf Kapuzen und traue mich nicht dies in der Öffentlichkeit zu zeigen oder zu tragen weil ja es sieht perves aus. gibt eventuell noch mehrere mit diesem Problem.

  • Pixel Girl am 21.12.2014 23:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    fiktiv verknallt

    Ich weiss meine vorlieben sind nicht speziell....aber ich (25j) verliebe mich immer wieder in fiktive Figuren. Nicht in Schauspielern o.ä sondern in Figuren aus Games. Z.b auch in Assassine Altaïr aus Assassin's Creed hab ich mich schon mal verkuckt, und das auch immer noch. Während dem gamen muss ich manchmal mastubieren. Oder ich zeichne kleine Comics, ich mit ihm und wie wir beide GV haben. Ich werde sehr erregt dabei.

    • G.juri am 21.12.2014 23:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      !!!!

      Ich war mal unheimlich verliebt in den Frontman von den "Gorillaz"....Ich hatte mir wirklich immer vorgestellt, dass ich auch mit Dieser Figur....hm naja....;-)

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