Sprachwissenschaft

09. Juni 2019 13:39; Akt: 09.06.2019 13:39 Print

Beeinflusst die Sprache unser Denken?

von Rolf Maag - Die Theorie, dass die Sprache das Denken bestimmt, gilt als widerlegt. Das heisst aber nicht, dass sie keinen Einfluss darauf hat.

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1931 lenkte der Linguist Edward Sapir die Aufmerksamkeit seiner Leser auf den Satz «Der Stein fällt». Wer eine indogermanische Sprache wie Deutsch oder Englisch spricht, erfasst diesen Vorgang mit zwei Begriffen, dem des Steins und dem des Fallens. Ganz anders, so Sapir, sei das bei den Sprechern von Nootka, einer Sprache, die von Ureinwohnern an der Westküste Kanadas gesprochen wird. Sie würden so etwas wie «Es steint herunter» sagen und hätten daher keinen allgemeinen Begriff des Fallens, der für beliebige Objekte verwendet werden kann. Daraus schloss Sapir, dass ihr Denken anders funktioniere als das von (beispielsweise) Europäern.

Noch sehr viel weiter ging in den 1950er-Jahren Sapirs Schüler Benjamin Lee Whorf. Die Hopi, ein Volk in Arizona, hätten in ihrer Sprache keine grammatischen Elemente, die die Zeit bezeichnen, behauptete er. Das zeige, dass ihnen jeglicher Zeitbegriff fehle. Ein Hopi würde daher den Satz «Morgen ist ein neuer Tag» nicht verstehen, denn für ihn sei jeder neue Tag wie «die Rückkehr derselben Person, etwas älter, aber immer noch mit den Eigenschaften von gestern». Überhaupt bestimme bei jedem Menschen die Struktur seiner Muttersprache, wie er denke und die Welt wahrnehme.

Über das Ziel hinaus

Diese als sprachliches Relativitätsprinzip oder Sapir-Whorf-Hypothese bekannte Sichtweise gilt heute als überholt. Whorf wird nicht mehr ernst genommen, seit der Linguist Ekkehart Malotki 1983 detailliert nachwies, dass die Hopi-Sprache sehr wohl über Zeitbestimmungen verfügt.

Und auch der auf den ersten Blick merkwürdige Satz «Es steint herunter» ist von unserem «Es regnet» gar nicht so verschieden. Dass die Nootka-Sprecher den Sachverhalt anders ausdrücken, bedeutet noch lange nicht, dass sie ihn auch anders wahrnehmen. Auch Sapir dürfte also zu weit gegangen sein. Dennoch scheint es Einflüsse der Sprache auf das Denken zu geben, wenn auch deutlich schwächere.

Männliche und weibliche Brücken

Die Psychologinnen Lera Boroditsky und Lauren Schmidt baten Testpersonen deutscher und spanischer Muttersprache, auf Englisch Gegenstände zu beschreiben, deren Bezeichnungen in den beiden Sprachen das jeweils entgegengesetzte grammatische Geschlecht haben. So ist etwa die Brücke auf Spanisch männlich (el puente), während der Apfel weiblich ist (la manzana). Dabei stellte sich heraus, dass Brücken für die Deutschsprachigen gross, stark und bedrohlich waren, während die Spanischsprachigen sie als schön, elegant und zerbrechlich empfanden. Es schien, als würde das Geschlecht der Brücke in ihrer jeweiligen Muttersprache den Probanden männliche beziehungsweise weibliche Assoziationen nahelegen.

Äpfel namens Patrick und Patricia

Um diesen Befund zu bestätigen, ersannen Boroditsky und Schmidt ein weiteres Experiment. Sie brachten den Testpersonen Eigennamen für die Gegenstände bei und überprüften anschliessend, wie gut sie sich daran erinnern konnten. Es zeigte sich, dass die Deutschsprachigen den Apfel leichter im Gedächtnis behielten, wenn er Patrick hiess, die Spanischsprachigen dagegen, wenn er Patricia genannt wurde.

Universalität des Denkens

Diese und ähnliche Untersuchungen zeigen, dass die Muttersprache unser Denken in eine bestimmte Richtung lenken kann. Daraus folgt aber nicht, dass sie uns geistige Beschränkungen auferlegt. Es mag schwer sein, philosophische Werke in die Sprache eines steinzeitlichen Volkes in Papua-Neuguinea zu übertragen, doch unmöglich ist es nicht. Die nötigen Begriffe können entlehnt oder aus bereits bestehendem Wortmaterial geprägt werden. Grundsätzlich lässt sich jeder Gedanke in jeder Sprache denken.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Klugscheisser am 09.06.2019 13:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fehler?

    Wenn Deutschsprachige die Brücke (weibl.) als gross und bedrohlich sehen und spanisch Sprechende (el puonte - männlich) als schön und zerbrechlich sehen dann wäre es doch das Gegenteil einer Assoziation?

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  • Dummschwätzer am 09.06.2019 14:41 Report Diesen Beitrag melden

    Umgekehrt wird ein Schuh draus

    Nicht die Sprache beeinflusst unser Denken, sonder unser Denken beeinflusst unsere Sprache.

  • Herr Max Bünzli am 09.06.2019 13:53 Report Diesen Beitrag melden

    genau

    am besten würden alle wieder Latein sprechen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • MonaLisa am 10.06.2019 15:33 Report Diesen Beitrag melden

    Egal welche Sprache

    Schade nur, dass man nicht immer sagen kann was man denkt.

  • Der Philologe sagt ... am 10.06.2019 14:44 Report Diesen Beitrag melden

    Ganz klar .. aber ..

    wenn man Pilze isst, kann man das Denken neutralisieren.

  • denkender Redner am 10.06.2019 09:12 Report Diesen Beitrag melden

    redender Denker

    wie auch immer - es gibt so manchen der/die sollte erst denken bevor er/sie redet (gelingt mir auch nicht immer - manchmal spricht der Mund schneller als das Gehirn zu Ende gedacht hat) Es hat wenig Redner, die viel sagen und es gibt Vielredner die trozdem nichts gesagt haben. Es hat Menschen die Schweigen obwohl sie besser Reden würden und es hat Menschen die lieber geschwiegen als geredet hätten. Emotionen beeinflussen unsere Wortwahl genauso, wie Denken und Reden unser Handeln beieinflusst oder im Nachhinein unser Handeln das Reden und Denken lenkt. Egal in welcher Sprache dieser Welt

  • Heidi Heidnisch am 10.06.2019 07:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Sonne und die Mond

    Die deutsche Sprache denkt als einzige weltweit, dass der Mond männlich und die Sonne weiblich seien. Ob das etwa zu mangelnder Lebensfreude führt, die sich dann in einem gewissen Ordnungswahn äussert? Und dass jedes zweite Wort im Alltagsenglish der Amis "F...k" ist, führt sicher auch nicht zu einem sensitiven zwischenmenschlichen Umgang.

  • anotherdoc am 09.06.2019 23:28 Report Diesen Beitrag melden

    q.e.d.

    Ich bin als niederschwellige nörglerin und hochambitionierte sprachpedantin begeistern von vielen kommentaren hier! Mir scheint angesichts der spannweite an bemerkungen ( saattheorie! apfelangst! lateiner! scherzkekse-und-sarkastike! Splendid cornocupia.. ) dass leute, die sich mit dem phänomen sprache auseinandersetzen, wohl lustigere znachtrunden hergeben. Passt irgendwann im juli in bern einer mehrheit?

    • Normalo am 16.06.2019 16:57 Report Diesen Beitrag melden

      @anotherdoc

      Sprache sollte der Kommunikation dienen. Nicht der Selbstbeweihräucherung um krampfhaft den eigenen Intellekt hervorzuheben.

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