Die bizarrsten News

03. Januar 2016 17:09; Akt: 03.01.2016 17:09 Print

Von Skelett-Piloten und 12-Kilo-Heuschrecken

von J.-C. Gerber - In den 80er- und 90er-Jahren logen die «Weekly World News» das Blaue vom Himmel und wurden Kult. Das sind ihre abgefahrensten Geschichten.

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Von 1979 bis 2007 versorgten die «Weekly World News» die staunende Öffentlichkeit mit bizarren Geschichten, über die zu berichten sonst niemand wagte. Am 14. November 1989 war die Geschichte eines wieder aufgetauchten Flugzeugs auf dem Titel. Im Artikel wird die Frage gestellt, ob das 35 Jahre lang vermisste Flugzeug durch eine Zeitschleife geflogen war. Eine Antwort darauf gibt das Blatt nicht. Nicht zuletzt, weil die Behörden dazu angeblich eisern schweigen. Geschichten über Flugzeuge mit Skeletten an Bord kamen offenbar gut an. Bereits vier Monate zuvor hatte das Blatt über ein 1942 verschwundenes Flugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg berichtet, das ebenfalls wieder auftauchte. Daneben gabs bei WWN auch absonderliche Tiere zu bestaunen. Im April 1991 zum Beispiel eine 23 -Pfund-Heuschrecke, die ein Bauer abgeschossen hatte. Ein Jahr später war dann der Schmetterling mit einer Spannweite von 1,80 Meter dran. Ebenfalls von einem Bauern abgeschossen. Offenbar wurde in den USA schon damals gerne und schnell geschossen. Bemerkenswert auch die Schlagzeile vom 20. Februar 1990: «Der schlechte Atem des Ehemanns tötet seine Frau!» Die Geschichte war angeblich vom Leichenbeschauer Yasushi Sonoda aus Kyoto bestätigt worden, heisst es im Text. Auch beliebt: Die Grösse eines Körperteils als Orakel für die Restdauer des eigenen Lebens. Im April 1993 wars die Hand. Am 7. Februar 1989 waren es die Füsse bzw. die Schuhgrösse. Auch der Kopfumfang wurde schon mal als Orakel herangezogen. Als Service am Leser immer dabei: Eine Tabelle, wo jeder gleich selber seine Lebensspanne bestimmen konnte. Historisches kam auch gut an: Die «Titanic» musste mehrfach hinhalten. Im September 1991 wurde verkündet, dass der Titanic-Kapitän gefunden worden sei. Auf offener See im Rettungsboot. Und seine Pfeife war noch an! Bereits am 23. Oktober 1990 war über eine andere Titanic-Überlebende berichtet worden. Sie sass auf einem Eisberg. Und ihr Kleid war immer noch nass! Aus der Welt der Wissenschaft gab es ebenfalls immer wieder Neues zu berichten: So baute ein Mann seine Frau in einen «elektronischen Androiden» um. (20. August 1985) Dann wurde ein Schimpansenkopf auf einen Menschenkörper verpflanzt - was religiösen und medizinischen Führungsfiguren gar nicht passte. Den Bericht dazu gabs am 18. Januar 1988. Im August 1995 verriet das Blatt, dass die Nasa mit dem Hubble-Teleskop Seelen von Verstorbenen im All herumschwirren sah. Am 11. November 1989 dann die Sensation: Hitler lebt. In den Bergen von Chile. Ein Jahr später wurde er dann verhaftet, als er zu Saddam Hussein in den Irak wollte. (18. September 1990) Im Mai 1992 war dann endgültig Schluss mit dem Führer. Er starb in Buenos Aires an einer Herzattacke. (Anm. der Red.: Falls es jemand vergessen hat: Die Geschichten in dieser Bildstrecke sind alle frei erfunden.) Das Monster vom Loch Ness wurde am 14. Januar 1992 für gefangen erklärt. Die grössere Sensation gab es allerdings bereits im April 1991 zu verkünden: Big Foot war gefasst. Der US-Yeti war Forschern in Montana ins Netz gegangen. Im Juni 1991 sprach er erstmals - sanft und wie ein fünfjähriges Kind! Doch dann wendete sich das Blatt. Am 1. Oktober 1991 meldete die Zeitung, dass Big Foot ausgebrochen sei. Sanft war daran gar nichts mehr. Das Monster hatte zwei bewaffneten Wächtern die Schädel zertrümmert. Am 5. März 1991 gab es etwas für diejenigen, die es schon immer gewusst hatten: die Mondlandung wurde als Scherz entlarvt. Am 16. Februar 1993 war das aber schon wieder anders. Da berichteten die WWN, dass Apollo-11-Astronauten ein uraltes Babyskelett vom Mond mitgebracht hatten. Für das Blatt der Beweis dafür, dass doch Menschen auf dem Mond gelebt hatten. Am 20. September 1988 kamen Ufo-Gläubige auf ihre Kosten. Damals war nämlich eine UFO-Basis in New Mexiko entdeckt worden. Offenbar besuchten die Aliens sogar das Baby der Herzogin von York. «JFKs Grab ist leer» hiess es am 4. Februar 1992. Kein Wunder, eigentlich. Schliesslich hatten die WWN bereits am 6. November 1990 gemeldet, dass Kennedy lebend gesichtet worden und gar nicht in Dallas gestorben sei. Am 24. Juli 1990 war es Elvis' Grab, das leer war. Das Blatt fragte: «Wo ist er jetzt?» Die Antwort kam am 28. August 1990. Verraten hatte es der Pfarrer der Familie Presley. Also war Elvis 1990 tot. Dabei hatte er 1988 noch einen Brief an einen Fan geschrieben. (Anm. der Red. Elvis soll nach offiziellen Angaben am 16. August 1977 gestorben sein) Im Juli 1991 setzte dann eine neue Welle von Elvis-Sichtungen ein. Acht Zeugen konnten beweisen, dass Elvis lebt. Am 13. August 1991 wurde der Fotobeweis nachgeliefert. Ein Foto vom 1992 zeigt Elvis, wie er nach einem Töffunfall mit gebrochenem Bein das Spital verlässt. «Verblüffender Beweis, dass Elvis immer noch lebt!», schreibt das Blatt dazu. Dann, nur einen kurzen Monat später, heiratete der inzwischen 57-jährige Elvis eine 30-jährige Kellnerin aus Mississippi. Doch das junge Glück währte nur kurz. Denn im Juni 1993 starb der King. Endgültig, wie es scheint. Doch so richtig tot bekamen auch die «Weekly World News» den King nicht. Am 23. April 1996 präsentierte die Zeitung FBI-Bilder, die beweisen sollten, dass der King 1977 nicht gestorben war. Elvis mag Stammgast gewesen sein bei den WWN. Doch er war nichts als ein Lückebüsser bis am 23. Juni 1992 die berühmteste Schöpfung des Blattes erstmals die Bühne betrat: Bat-Boy. Der Junge mit den Radar-Ohren wurde in einer 3,5-Kilometer tiefen Höhle entdeckt. Im Oktober des Jahres haute er dann ab. Er sei 60 Zentimeter gross und sehr gefährlich, warnte die Polizei. Am 21. August 1993 konnte das Blatt dann aber Entwarnung geben. Bat-Boy war eingefangen worden. FBI sei dank. Am 3. November 1992 publizierten die WWN die Namen von fünf Senatoren, die in Wirklichkeit Ausserirdische seien. Den Tipp hatten Bush und Clinton von einem Alien erhalten. Aliens brauchten allerdings einigen Mut, um in den USA zu landen. Im Januar 1989 berichtete das Blatt von einem Trucker, den die Ausserirdischen derart nervten, dass er kurzerhand auf deren UFO schoss und so sein Leben rettete. So geht das.

Fehler gesehen?

Am 12. Oktober 1989 ereignete sich im brasilianischen Porto Alegre Schauriges: Ein Flugzeug der vor Jahrzehnten Bankrott gegangenen Santiago Airlines landete auf dem Flughafen. An Bord befanden sich 92 Skelette. Sogar auf dem Pilotensitz sass ein Knochengerüst. Doch wie konnte die Super Constellation landen, die seit 1954 spurlos verschwunden war?

Die «Weekly World News» – und nur die «Weekly World News» – nahm sich des Rätsels an, biss aber bei den brasilianischen Behörden trotz mehrmaligen Nachfragens auf Granit: Es gab einfach kein offizielles Statement. Weil es auch die Skelette nicht gab. Und auch keine Super Constellation. Die Geschichte war, wie fast alles in den «Weekly World News», erstunken und erlogen.

Trotzdem verschlangen zu ihren besten Zeiten in den 1980er-Jahren weit über eine Million Leser die Boulevardzeitung aus Florida. Egal ob 35-Kilo-Heuschrecken, Big Foots oder ausserirdische Senatoren: Die «Weekly World News» hatte sie alle. Und die Leser liebten es.

Resteverwertung

Dabei war die Zeitung eigentlich nur eine Verlegenheitslösung. 1979 begann der Verlag American Media, sein Revolverblatt «National Enquirer» farbig zu publizieren. Um die alte Druckerpresse nicht entsorgen zu müssen, entschied man, für Geschichten, die sogar für den «National Enquirer» zu bizarr waren, eine neue schwarz-weisse Zeitung auf den Markt zu bringen.

Die «Weekly World News» waren geboren. Und obwohl man sich zuerst bemühte, hauptsächlich seriöse Artikel zu veröffentlichen, zeigte sich schnell, dass die Leser die Lügengeschichten viel lieber hatten. Und so nahm ihre Zahl unter Chefredaktor Eddie Clontz stetig zu. Sein Motto war: «Wir lassen uns eine gute Geschichte nicht durch Recherchen kaputt machen.»

Und so fabulierten die Redaktoren fröhlich drauflos, liessen Hitler auferstehen, behaupteten dann, er sei gar nie gestorben, nur um ihn dann in Buenos Aires an einer Herzattacke sterben zu lassen. Ähnlich abenteuerlich verlief auch das Nachleben von Elvis Presley. Mal war er tot, dann wieder nicht, dann heiratete er, starb mit 58, nur um dann auf FBI-Fotos quicklebendig wieder aufzutauchen.

Zweigeteilte Leserschaft

Selbstverständlich entlarvte das Blatt auch die Mondlandung als Fake. Nur um ein paar Ausgaben später von einem Babyskelett zu berichten, das die Apollo-11-Mission vom Mond zurückgebracht habe. Die Leser schienen diese Unstimmigkeiten nicht zu stören.

Es waren einerseits Studenten, die das Blatt als Satire auf die Wirklichkeit liebten, andererseits einfache Leute, die wirklich an Aliens, Geister und den auferstandenen Elvis glauben wollten. Laut einem ehemaligen Redaktor lief das Blatt nur deshalb so gut, weil diese beiden Gruppen es gleichermassen verschlangen.

Doch Ende der 1990er-Jahre begann der Stern der Zeitung zu sinken, die sich rühmte, «die einzig verlässlichen Nachrichten der Welt» zu drucken. Die Auflage sank, denn je länger je mehr bekam die zweite Gruppe von Lesern ihre Verschwörungstheorien und Lügengeschichten auch gratis im Internet. 2007 machte das Blatt dicht. Der Name lebt nur noch im Internet weiter, wo es auf der Website sporadisch Neues zu Aliens, Elvis und der berühmtesten Schöpfung der «Weekly World News», dem Fledermausjungen, gibt.

Eine Auswahl der bizarrsten Geschichten gibt es in der Bildstrecke. Wer noch tiefer in die Welt der «Weekly World News» eintauchen will, kann das auf Google Books tun, wo viele der alten Ausgaben gratis abrufbar sind.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • JFK am 03.01.2016 17:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Immer noch besser

    Naja lieber so entwas lesen als entwas über die Kardishas, Porsche Anja etc.

  • Hp am 03.01.2016 19:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das Motto der meisten Medien

    Zitat aus dem Text: «Wir lassen uns eine gute Geschichte nicht durch Recherchen kaputt machen.»

  • Noldi Schwarz am 04.01.2016 07:48 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht so krass, aber?

    Und was machen die Medien heute? Sie tun es immer noch. Nur nicht mehr so krass. Da werden Bilder mit Photoshop bis zum geht nicht mehr bearbeitet. Da werden Fotos so zurechtgeschnitten, dass sie genügend dramatisch daherkommen. Da werden Überschriften konstruiert, die sich beim Lesen des Artikels als aufgeblasen herausstellen. Da werden immer wieder die gleichen Gesichter mit einer etwas anderen Geschichte gezeigt. Da wird den Menschen mit Horrorgeschichten Angst eingejagt. Da werden Behauptungen als Fakten ausgegeben. Also alles beim Alten. Nun auch in Farbe.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Maximus am 04.01.2016 13:33 Report Diesen Beitrag melden

    Bildung

    jetzt weiss ich endlich, wo die meisten Kommentare-schreiber hier ihre Bildung her haben!

  • Büezer am 04.01.2016 13:05 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht alles ernst nehmen

    Ach was das immer wieder amüsant dieses Blättchen in den 90-er während USA Ferien zu durchblättern. Was haben wir gelacht...

  • Truewords am 04.01.2016 11:32 Report Diesen Beitrag melden

    Nichts geändert

    Hat sich ja überhaupt nicht geändert. Eher im Gegenteil. Heute lügt man rücksichtsloser, damit diverse Leute/Familien/Länder Macht bekommen und Millionen Menschen sterben. Medien sind (leider) immer wie unglaubwürdiger und verlogener. Jeder hinterfragt langsam alles. Ist aber jedem sein Recht und ist auch gut so.

  • Yobboooz am 04.01.2016 09:49 Report Diesen Beitrag melden

    Nid ganz

    23 lb der heuschrecke sind nur 10,4 Kg und nicht 35. Scheint als ob wir hier auch Übertreibungen ausgesetzt sind :-)

    • Tom - Bern am 04.01.2016 11:13 Report Diesen Beitrag melden

      was ich auch gut finde

      In der "Überschrift" ist von einer 12kg Heuschrecke die Rede und im Artikel sind es plötzlich 35kg.

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  • Die Juristische Front am 04.01.2016 08:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Herzinfarkt - Ohrläppchen

    FYI: Bild 1, gelbe Box rechts. Wenn man eine Falte im Ohrläppchen hat, ist das Risiko, an einem Herzinfarkt zu sterben, grösser. Man weiss aber nicht wieso...

    • Ratmal werwol am 04.01.2016 14:05 Report Diesen Beitrag melden

      Interessanterweise...

      ist das Sterberisiko je nach Anzahl Ohren immer dasselbe. Was zu widerlegen wäre.

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