Eigernordwand

22. Juli 2018 10:26; Akt: 22.07.2018 10:26 Print

Die «Mordwand» wurde vor 80 Jahren geknackt

Als «glatt und absolut unersteigbar» bezeichnete der Bergsteiger A.W. Moore im Jahr 1864 die Eigernordwand. 1938 wurde er eines Besseren belehrt.

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Steinschläge, Vergletscherung, Wetterstürze: Lange Zeit galt die Eigernordwand als unbesteigbar. Davon zeugt unter anderem ein Bucheintrag des britischen Bergsteigers Adolphus W. Moore (mittlere Reihe rechts). Der schrieb 1864: «Von den Tausenden, die jährlich unter dem Schatten dieser grandiosen Mauer vorbeigehen, die an Höhe und Steilheit die des Wetterhorns noch übertrifft, ist wohl jeder von dem wilden Abbruch zutiefst beeindruckt. Aber so überwältigend der Anblick dieser ... ... Felsabstürze von unten auch sein mag – niemand kann sie richtig einschätzen, der nicht von oben in sie hineingeschaut hat. (...) Es ist fast verblüffend, dass die Westseite dieses massigen Felsberges verhältnis­mässig leicht zu begehen ist, während die Nordwand so jäh in die Tiefe stürzt, als ob hier der ganze Berg abgeschnitten wäre. Glatt und absolut unersteigbar.» Doch davon wollten viele Bergsteiger nichts wissen. Immer wieder versuchten sie ihr Glück. So auch im 1936, das als Jahr der ersten ernsthaften Durchsteigungsversuche der Eigernordwand gilt. Dabei kamen zwei Seilschaften ums Leben. Die Tragödie zählt zu den bekanntesten der Alpingeschichte. (Im Bild: der deutsche Bergsteiger Toni Kurz, der 1936 am Berg starb) Am 24. Juli 1938 stand die angeblich unbezwingbare «Mordwand» erneut im Zentrum des öffentlichen Interesses, als eine weitere Seilschaft den Aufstieg wagte. (Im Bild: Zuschauer beobachten die Erstbesteigung von der Kleinen Scheidegg bei Grindelwald aus) Es sollte die erste sein, der die Bezwingung der Eigernordwand gelang. (Im Bild: die erfolgreichen vier nach ihrem Abenteuer) Zu dem erfolgreichen Trupp gehörten die Deutschen Anderl Heckmair (im Bild) und Ludwig Vörg, ... ... sowie die Österreicher Heinrich Harrer und Fritz Kasparek (rechts). Die beiden Seilschaften waren am 21. Juli 1938 zunächst getrennt in die Wand eingestiegen. (Im Bild: Heinrich Harrer bei der Erklimmung des Hinterstoisser-Quergangs) Unterwegs schlossen sie sich zusammen, was sich als weise Entscheidung entpuppte, denn die Seilschaften profitierten immens voneinander. (Im Bild: die vier Bergsteiger beim Abstieg) So hatten die Deutschen die bessere Ausrüstung, ... ... während die Österreicher den Abstieg über die Westflanke kannten. (Im Bild: Heinrich Harrer isst im Schwalbennest der Eigernordwand ein Sandwich) Zusammen kämpften sie sich drei Tage und drei Nächte lang den Berg hinauf, bei schlechter Witterung und unter mehreren Lawinenabgängen. (Im Bild: die Route der Erstbesteiger) Bis heute gilt die Durchsteigung der Nordwand als extremes Wagnis. (Im Bild: Heinrich Harrer durchsteigt ein Schneefeld in der Eigernordwand) Wie kräftezehend die Tour war, konnte man an den Gesichtern der Erstbesteiger nachher ablesen. Fritz Kasparek verletzte sich sogar: Beim Aufstieg wurde seine rechte Hand von einem Steinschlag getroffen. (Im Bild: Kasparek mit Heinrich Harrer) Kurz unter dem Gipfel hatte die Seilschaft im Nebel die Orientierung verloren. Andreas Heckmair schrieb dazu später: «Das wäre doch Pech gewesen. Auf der Nordseite durchzukommen und über die Südseite abzustürzen, weil man den Gipfel übersehen hat ...» Doch die vier schafften es: Als erste Menschen überhaupt erreichten die vier Männer in der Nacht auf den 24. Juli 1938 um 3.30 Uhr den Gipfel des Eigers zum ersten Mal über die Nordwand. (Im Bild: Heinrich Harrer, Ludwig Vörg, Andreas Heckmair und Fritz Kasparek (v.l.n.r.) nach der Erstbesteigung) Obwohl die vier Bergsteiger geschafft waren, nahmen sie sich hinterher die Zeit, anderen ihre Erfahrungen weiterzugeben. (Im Bild: Heinrich Harrer erläutert in einem Hotel in Grindelwald die Route der Erstbesteigung der Eigernordwand) Doch sie gönnten sich auch die Ruhe. (Im Bild: Die Bergsteiger lesen in Zeitungen über ihre Leistung) Der Erfolg wurde von der Nazi-Propaganda als «Zeugnis des unbeugsamen Siegeswillens unserer Jugend» gefeiert. Für Hitler war das Unternehmen ein Beweis für die Überlegenheit der deutschen Herrenrasse. Er empfing die erfolgreichen vier höchstpersönlich. Bis heute beeindruckt die Leistung der zwei Deutschen und der zwei Österreicher. (Im Bild: Feierlichkeiten auf der Alpligen-Alp anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums der Erstbesteigung am 24. Juli 1988) Um an die Erstbesteigung zu erinnern, wurde nahe der Bahnstation Eigerwand in Grindelwald eine Gedenktafel aufgehängt. (Im Bild: zwei der Erstbesteiger der Eigernordwand, Andreas Heckmair und Heinrich Harrer (rechts), im Juli 1998) Nachdem die vier Männer gezeigt hatten, dass es möglich ist, die Nordwand zu erklimmen, wagten sich weitere Bergsteiger in den Berg. Doch nicht immer lief das so glimpflich ab wie 1938. So verunglückte im Jahr 1957 der Italiener Stephano Longhi. (Im Bild: Bergführer Fritz Jaun mit Longhis Leiche) Sein Mitstreiter Claudio Corti hatte da mehr Glück: Er überlebte einen Steinschlag und konnte – schwer verletzt – gerettet werden. Die Eigernordwand fasziniert jedoch nicht nur Bergsteiger, sondern auch Filmemacher. Im Oktober 2008 kam beispielsweise der Film «Nordwand» in die Kinos. Er basiert auf den den wahren Begebenheiten um den dramatischen Erstbesteigungsversuch der Eiger-Nordwand im Jahr 1936.

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«Halb erfroren, zerschlagen und zerschunden erreichten wir endlich die höchste Spitze», beschrieb Fritz Kasparek den grossen Moment. «Noch heftiger war der Sturm geworden und blies uns entgegen. (...) Einige Meter unterhalb des Gipfels drückten wir uns die Hände.»

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Am 24. Juli 1938 nachmittags um halb vier waren der Österreicher Kasparek, sein Landsmann Heinrich Harrer sowie die beiden Deutschen Andreas Heckmair und Ludwig Vörg am Ziel ihrer Träume: Als erste Menschen hatten sie die 1650 Meter hohe Eigernordwand durchstiegen – die angeblich unbezwingbare «Mordwand».

«Eine Besessenheit für geistig Gestörte fast aller Länder»

Etliche Seilschaften hatten in den Jahren zuvor ihr Glück versucht, alle waren gescheitert. Neun Bergsteiger zahlten sogar mit dem Leben. Die Wand sei «eine Besessenheit für geistig Gestörte fast aller Länder», schimpfte das «Alpine Journal».

Die Berner Regierung erliess 1936 sogar ein kurzzeitig gültiges Besteigungsverbot. Im Jahr darauf entband sie die lokalen Bergführer ausdrücklich von der Pflicht, verunglückte Alpinisten aus der Nordwand zu retten. Der Beschluss verfehlte seine abschreckende Wirkung, das Wettrennen ging weiter.


Auch Ueli Steck war von der Nordwand fasziniert: Die Komplexität sei einzigartig in den Alpen. (Video: Youtube/Grindelwald)

Drei Tage und drei Nächte

Gewonnen wurde es von zwei Österreichern und zwei Deutschen, die am 21. Juli 1938 getrennt voneinander in die Wand eingestiegen waren. Unterwegs schlossen sie sich zusammen, wovon beide Seiten profitierten: Die Deutschen hatten die bessere Ausrüstung, die Österreicher kannten den Abstieg über die Westflanke.

Drei Tage und drei Nächte lang kämpften sie sich den Berg hinauf, bei schlechter Witterung und unter mehreren Lawinenabgängen. Es war wohl eher eine Schicksals- als eine Willensgemeinschaft, die schliesslich die Wand meisterte – auch wenn das die Nazi-Propaganda so kurz nach dem «Anschluss» Österreichs ans Dritte Reich anders darstellte.


Der Clip aus dem Jahr 1961 zeigt, wie sehr 1938 auch jene Menschen mitfieberten, die im Tal blieben. (Video: Youtube/SRF Archiv)

Lob vom Führer

Der «Sieg über die Titanenwand» wurde gefeiert als Symbol für die Gemeinsamkeit und die Zielstrebigkeit der Völker im «Grossdeutschen Reich». Daheim im Reich wurden die vier Helden von Adolf Hitler persönlich empfangen.

Auch die Menschen im Berner Oberland hatten die Erstbesteigung herbeigesehnt – wenn auch aus anderem Grund, wie ein Grindelwaldner dem «Bund» anvertraute: «So herti das tonnders Gstirm emel eis üf» – «Dann hört das Gestürm endlich mal auf».

Schweizer Rekordhalter

Das allerdings blieb ein frommer Wunsch. Die Eigernordwand verlor nichts von ihrer Anziehungskraft. Immer neue Routen wurden ausgeheckt, insgesamt mehr als 30. Immer wieder gab es schwere Unfälle, mehr als 70 Menschenleben waren bislang zu beklagen.

Für ihre Bezwingung brauchen Spitzenalpinisten der Gegenwart nur noch wenige Stunden. Den Rekord hält der letztes Jahr im Himalaja tödlich verunglückte Ueli Steck. Der Berner Speedkletterer bewältigte die Heckmair-Route im November 2015 solo in 2 Stunden 22 Minuten – rund fünf Minuten schneller als Daniel Arnold 2011:


Nach 1674 Tagen holte sich Ueli Steck den Rekord zurück. (Video: Youtube/samcam film)

Ein Erlebnis, vier Lebensläufe

Die vier Erstbesteiger, die sich am 24. Juli 1938 frühmorgens die Hände drückten, haben ganz unterschiedliche Lebensgeschichten. Weltberühmt wurde Heinrich Harrer, der während des Zweiten Weltkriegs sieben Jahre in Tibet verbrachte, mit dem Dalai Lama befreundet war, jahrzehntelang seine Nazi-Vergangenheit verbergen konnte und im hohen Alter von 94 Jahren verstarb.

Anders als Harrer hatte sich Andreas Heckmair um Distanz zu den Nazis bemüht. Er wurde ein Leben lang als Held vom Eiger verehrt und starb 2005 mit 98 Jahren.

Ludwig Vörg fiel 1941 als Gefreiter der Wehrmacht im Russland-Feldzug. Fritz Kasparek schliesslich hatte sich nach der Eiger-Bezwingung der Waffen-SS angeschlossen und kämpfte in Frankreich und Russland. Einige Jahre nach dem Krieg stürzte er bei einer Expedition in den Anden zu Tode.

(fee/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Donna M. am 22.07.2018 10:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was für ein Titel

    Mordwand? Wirklich? Was kann der Eiger dafür, wenn es Unfälle gibt. Nichts. Es liegt doch in der Hand eines Bergsteigers.

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  • Reaöist am 22.07.2018 11:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Meine Meinung

    Obwohl ich es sinnlos finde eine Wand hinaufzuklettern, Respekt an alle die diese Wand bezwungen haben!

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  • Nostradamus 6 am 22.07.2018 11:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Achtung Vorsicht Risikofaktoren

    Besteigen auf eigene Gefahr gilt seit mehreren hundert Jahren

Die neusten Leser-Kommentare

  • Henry am 22.07.2018 20:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wetter

    Rein technisch gesehen glaube ich ist das kein Problem. Was die Sache schwierig macht, ist ein plötzlicher Wetterwechsel,der in so einem Gebiet gar extrem und auch sehr gefährlich sein kann.

  • Ex -Supermann am 22.07.2018 13:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Logisch oder

    Die Frage wer steigt der fällt deshalb nicht auf dem Boden bleiben

  • Urs am 22.07.2018 12:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ich frage

    mich immer wieder, was so toll daran sein soll, mit Steigeisen und Bickel einen Weg zu begehen, an welchem schon zig Leute abgestürzt sind. Genau wie beim Himalaya: wie kann man ohne Atemschutzgerät auf 8800 m.ü.M. herumkraxeln?

  • bebbeli am 22.07.2018 12:15 Report Diesen Beitrag melden

    Ein Wunder

    Egal, ob Nord- oder Mordwand. Der Eiger ist wunderbar zum ansehen und ich sehe ihn am liebsten von unten.

  • Angie Galli am 22.07.2018 12:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Faszination EIGERNORDWAND

    kann man sich fast nicht entziehen! Schon die örtliche Nähe verbreitet eine ungeheure Aura und Anziehungskraft! Es gibt tolle und empfehlenswerte Wanderungen, wie zum Beispiel den Panoramaweg vom Männlichen, bis zur Kleinen Scheidegg, oder den unschlagbaren Eigertrail, direkt unter der Wand!

    • daniel am 22.07.2018 22:30 Report Diesen Beitrag melden

      den eigertrail kann......

      da kann ich ihnen voll und ganz zustimmen. den eigertrail kann ich nur empfehlen. so nah am der eigernordwand, dann die wand hoch schauen, da ueberkommt einem die erfurcht, und das grosse staunen. respekt an die bergsteiger die lebend wider unten angekommen sind.

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