Benito Mussolini

04. Mai 2010 19:06; Akt: 05.05.2010 12:08 Print

War Mussolini ein «gutmütiger Diktator»?

von Rolf Maag - Am 28. April 1945 wurde der italienische Diktator Benito Mussolini von Partisanen erschossen. In Italien halten ihn heute viele für vergleichsweise harmlos. Haben sie Recht?

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Mussolini: kein «gutmütiger Diktator», sondern ein Massenmörder (Bild: Keystone)

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Benito Mussolini herrschte von 1922 bis 1943 diktatorisch über Italien. Nach seinem Sturz im Sommer 1943 stand er zudem bis 1945 der mit den Nazis kollaborierenden Republik von Salò vor. Glaubt man Italiens Ministerpräsident Berlusconi, war diese Zeit nicht allzu schlimm. 2003 liess er nämlich gegenüber britischen Journalisten verlauten, Mussolini sei ein «gutmütiger Diktator» gewesen, schliesslich habe er seine Gegner nicht umgebracht, sondern lediglich auf Mittelmeerinseln «in die Ferien» geschickt.

Mit dieser Einschätzung steht der Premier im heutigen Italien keineswegs alleine da. In einer 1999 durchgeführten Umfrage bezeichneten sogar fünf Politiker Mussolini als «bedeutendste politische Persönlichkeit, die im 20. Jahrhundert in Italien wirkte», darunter so prominente wie der ehemalige Staatspräsident Francesco Cossiga und Umberto Bossi, der Chef der Lega Nord. Betrachtet man die Eroberungsfeldzüge des «Duce» etwas genauer, kann man über solche Ansichten nur staunen.

Libyen: Massaker und Konzentrationslager

Bereits 1911/12 hatte Italien dem Osmanischen Reich einen Teil Libyens (Tripolitanien und die Cyrenaika) abgenommen. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 wurden die Invasoren aber auf einen schmalen Küstenstreifen zurückgedrängt. Bei der Wiedereroberung (1923 -1932) durften Mussolinis Generäle hemmungslos wüten. «Rebellen» wurden ebenso wie Zivilisten bombardiert, die italienischen Bodentruppen begingen Massaker im grossen Stil. Um die vom später hingerichteten Omar al-Mukhtar geführte Guerilla zu isolieren, liessen Marschall Pietro Badoglio und General Rodolfo Graziani gegen 100 000 Bewohner der Cyrenaika in Konzentrationslager deportieren, wo sie zu tausenden starben. Insgesamt dürfte der italienische Kolonialismus in Libyen rund 100 000 Todesopfer gefordert haben.

2008 entschuldigte sich Berlusconi bei einem Staatsbesuch für die Verbrechen und unterzeichnete mit Libyens Diktator Gaddafi ein Kooperationsabkommen, das unter anderem auch Reparationszahlungen in Höhe von fünf Milliarden Dollar vorsieht. Da Gaddafi das Geld in Infrastrukturprojekte zu investieren gedenkt, werden wohl auch italienische Firmen davon profitieren.

Giftgasangriffe in Äthiopien

Im Oktober 1935 griffen italienische Truppen von Somalia und Eritrea aus das benachbarte Kaiserreich Äthiopien an. Zu Spitzenzeiten standen bis zu 520 000 Soldaten im Einsatz. Zwischen Weihnachten 1935 und Ende März 1936 warf die Luftwaffe 972 Giftgasbomben von 280 Kilogramm Gewicht ab. Sie kosteten tausende Zivilisten auf qualvolle Weise das Leben. Systematisch wurden Dörfer zerstört, Viehherden massakriert und Felder abgebrannt. Der Leiter der britischen Rotkreuz-Einheiten notierte angesichts dieser Ereignisse entsetzt: «Dies ist kein Krieg, es ist eine Metzelei. Es ist die Folter von zehntausenden Männern, Frauen und Kindern mit Bomben und Giftgas.» Bis zum Ende des Besatzungsregimes 1941 starben rund 380 000 Menschen.

Kriegsverbrechen in Jugoslawien

Schon lange hatte Mussolini von einem Mittelmeerimperium geträumt, zu dem neben Nordafrika, Malta und Teilen Südfrankreichs auch die Balkanhalbinsel gehören sollte. 1939 wurde daher Albanien besetzt und im Oktober 1940 auch Griechenland angegriffen. Schliesslich überfielen italienische Verbände im April 1941 an der Seite der deutschen Wehrmacht Jugoslawien, das innerhalb von zwölf Tagen besiegt wurde. Das südliche Slowenien, der Kosovo und ein grosser Teil der dalmatinischen Küste wurden Rom als Besatzungszonen zugesprochen.

Von Anfang an machten den Besatzern Partisanen zu schaffen, besonders die kommunistischen unter der Führung von Josip Broz, genannt Tito. Bei der Bekämpfung dieser Aufständischen war die italienische Armee alles andere als zimperlich: In Partisanengebieten wurden alle aufgegriffenen Männer sofort erschossen, der Rest der Bevölkerung wurde in Konzentrationslager verschleppt, von denen es zwischen 1940 und 1943 über 50 gab. Den unsäglichen hygienischen Bedingungen fielen tausende zum Opfer.
Der Historiker Brunello Mantelli geht davon aus, dass die italienische Okkupation in Jugoslawien rund 250 000 Menschen das Leben kostete. Als sie im April 1945 Triest erreichten, nahmen Titos Partisanen grausam Rache, indem sie mehrere Tausend Italiener, darunter auch viele unschuldige Zvilisten, niedermetzelten.

Grassierender Geschichtsrevisionismus

In einer kürzlich erschienenen Studie geht der Luzerner Historiker Aram Mattioli nicht nur auf die faschistischen Gräueltaten ein, sondern er erörtert auch ausführlich den im heutigen Italien erstaunlich verbreiteten Geschichtsrevisionismus, der seit Berlusconis erster Wahl 1994 einen kräftigen Aufschwung erlebt hat. Zuvor hatten die Partisanen des italienischen Widerstandes («resistenza») die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg dominiert. Bis heute wird jeweils am 25. April, dem «Tag der Befreiung», landesweit ihres Kampfes gegen die deutschen Besatzer und die faschistische Republik von Salò gedacht. Dieser Gedenktag war Berlusconi - für den der Feind links steht - schon immer suspekt, da die Kommunisten im Widerstand eine führende Rolle spielten. Seiner Meinung nach muss an jede Form von Totalitarismus und Diktatur gleichermassen erinnert werden, auch wenn die Kommunisten in Italien gar nie an der Macht waren. Als Gegengewicht zum «Tag der Befreiung» beschloss daher die rechte Mehrheit des italienischen Parlaments im April 2005, den 9. November, den Tag des Mauerfalls, zum «Tag der Freiheit» zu erklären. Seither gedenkt Italien als einziges Land der Welt des Falls der Berliner Mauer.

Schon 2004 war zudem der «Tag der Erinnerung» (10. Februar) eingeführt worden, an dem die rund 8000 Italiener im Vordergrund stehen, die von Titos Partisanen ermordet wurden. Ausgeklammert bleibt dabei freilich die italienische Schreckensherrschaft auf dem Balkan, die diesen Ereignissen vorausgegangen war. In eine ähnliche Richtung zielen auch Versuche, die Kämpfer der Republik von Salò den Partisanen gleichzustellen, da beide patriotische Absichten verfolgt hätten.

Mattioli zufolge ist Berlusconi kein Faschist, sondern nur ein skrupelloser Opportunist, der um des Machterhalts willen auch mit der äussersten Rechten zu paktieren bereit ist. So ist beispielsweise die Splitterpartei von Mussolinis Enkelin Alessandra Teil seiner Sammelpartei «Volk der Freiheit». Um solche Leute als salonfähig erscheinen zu lassen, muss natürlich auch deren geistiger Ahne zumindest teilweise rehabilitiert werden. Mattioli sieht in solchen Bestrebungen zu Recht eine «Gefahr für ein zivilisiertes Zusammenleben». Hoffnung macht allerdings, dass zahlreiche italienische Historiker und auch bekannte Publizisten wie Umberto Eco den revisionistischen Thesen entschlossen widersprechen.

Aram Mattioli: «Viva Mussolini!» Die Aufwertung des Faschismus im Italien Berlusconis Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2010